Ohne Ankommen kein Weiterkommen

chancenlos

 

„Ja sicha!“, sagt Ahmad* mit einer selten dagewesenen Selbstsicherheit und auf original Tirolerisch. Dabei grinst er breit und zuckt kaum merkbar mit der Schulter. Er wundert sich ein bisschen über meine Frage. Das kann ich seinem Blick entnehmen. Ob ihm seine Arbeitsstelle gefällt, wollte ich wissen. Dass er sich so selbstverständlich darüber wundert, deute ich als gutes Zeichen.

Denn ich erinnere mich. Zum ersten Mal habe ich Ahmad getroffen, als er ein Radiointerview mit mir zum Thema Deutschkurse für Flüchtlinge machen sollte. Das Radioprogramm wurde von Refugees selbst gestaltet und umfasste Informationen für Refugees, in mehreren Sprachen.

Als Ahmad zu mir ins Büro kam, mit Übersetzerin und Redakteurin, war er sichtlich nervös und ganz schüchtern. Bis zu dem Moment, als er mit dem Interview loslegte. Er machte seine Sache großartig, es war ein gutes Gespräch und als Interviewte fühlte ich mich bei ihm gut aufgehoben. Denn was er bis heute nicht weiß: Ich war mindestens genauso nervös, es war auch mein erstes Radiointerview. „Ich will Journalist werden“, sagte er mir zum Abschluss verlegen.

Seitdem haben wir uns immer wieder mal zufällig getroffen. Wir unterhielten uns hauptsächlich über seinen Deutschkurs, seinen Asylstatus, und das war’s dann auch schon wieder. Bis heute. Heute sprang er in den Bus und kam sofort auf mich zu. Keine Rede mehr von Deutsch, Behörden, Interviews und Warten, Warten, Warten. Er fährt nur zwei Stationen, erklärt er mir, weil er jetzt zur Arbeit muss. Seinen positiven Asylbescheid, ja den hat er schon längst bekommen und jetzt arbeitet er. Er ist angekommen. Ich glaube, Souveränität beschreibt den Unterschied zwischen unseren früheren Treffen und dem heutigen. Und kommt Souveränität nicht irgendwie mit Sicherheit?

Ein paar Wochen später stehe ich im McDonalds in Telfs. Während ich auf mein Essen warte, beobachte ich das rege Treiben in der Küche. Gleich mehrere junge Männer stehen an den Fritteusen und am Grill nebeneinander und arbeiten Hand in Hand. Dabei unterhalten sie sich so, dass man den Eindruck bekommt, die Stimmung in der Küche wäre weit besser als die hier draußen. Plötzlich dreht sich einer der Jungs zu mir und ich erkenne Farhad*. Er winkt mir zu und ich sehe, dass er auf mich zukommen will, seinen Arbeitsplatz aber nicht verlassen kann. Da schreien auch keine Option ist, deute ich mit meinem Mund ein unausgesprochenes „Wie geht’s?“. Daraufhin hält er beide Daumen in die Höhe und strahlt, bevor er meine Frage – auf mich deutend – wortlos, aber nicht sprachlos, erwidert.

Farhad war in einem meiner Deutschkurse. Er wirkte immer wie in einem Tunnel. Während andere spielend Fortschritte machten und auf Deutsch begannen Kontakte zu knüpfen, quälte sich Farhad mit dem Schreiben- und Lesenlernen. Seinen positiven Asylbescheid hatte er bekommen, doch es war fast unmöglich für ihn, eine Wohnng zu finden, als er aus dem Heim ausziehen musste. Er wirkte immer ernst und verbissen, eine dunkle Gewitterwolke hing über ihm. Er wollte weiterkommen. Es gab keine Pause, in der er nicht alleine im Kursraum sitzengeblieben wäre, um weiter zu üben. Es gab einfach keine Pause. Ich selbst bekomme Kopfschmerzen vor lauter Anspannung, wenn ich nur an dieses Bild zurückdenke.

Ich freue mich total, weil Farhad mein Deutsch jetzt sogar versteht, wenn ich es nicht einmal ausspreche. Spielend. Das ist nicht zuletzt dem unglaublichen Engagement einer meiner Kolleginnen zu verdanken. Ich freue mich aber noch viel mehr, weil ich Farhad tatsächlich noch nie so fröhlich und so munter gesehen habe. Die Gewitterwolke über seinem Kopf hat sich verzogen. Kein Burger hat mir je so gut geschmeckt.

Ich weiß nicht mehr genau alles, was ich in dem Radiointerview gesagt habe. Würde ich heute noch einmal eines geben, dann würde ich sagen: Du kannst jemandem ein Dach über dem Kopf geben, etwas zu essen und zu trinken, ein warmes Bett und Schutz. Du kannst jemanden verarzten, seine äußeren Wunden heilen lassen und Balsam auf die Wunden in der Seele streichen. Du kannst jemandem deine Sprache beibringen, Zeit mit ihm verbringen und ihm deine Kultur näherbringen. Du kannst jemandem Kleidung geben und ihn willkommen heißen. Aber wirklich ankommen wird er nur, wenn du ihm auch eine Chance gibst. Und ohne wirklich anzukommen, kann letztlich niemand weiterkommen.

*Namen geändert

BIRGIT HOHLBRUGGER

Hier gehts zu den anderen Teilen der Serie Ein Schwimmkurs für Einheimische.

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