„Du kommst hier nicht rein!“...

Es ist schon mitten in der Nacht als der Anruf kommt. Lieber würde ich ihn ignorieren, aber etwas in mir sagt, dass es wohl von Bedeutung sein muss um diese Uhrzeit. „Hallo?“ – „Sie haben uns nicht reingelassen.“ – „Was meinst du?“ – „Sie haben uns in den Club nicht reingelassen.“ – „Scheiße.“ Es gibt Millionen Gründe dafür – normalerweise. Aber hier gibt es nur diesen einen, das ist sofort klar. „Weißt du, alle Weißen haben sie reingelassen, wirklich ALLE, aber uns nicht.“ – „Ich weiß.“ – „Es ist wirklich einfacher für diejenigen, die gar nicht erst versuchen, sich zu integrieren.“ Mit diesem Satz bin ich hellwach. Wochenlang lässt er mich nicht mehr los. Irgendwann, hatte ich gedacht, irgendwann muss es sich doch bezahlt machen. Ich versuche dich aufzubauen, doch es scheint fast zwecklos. Du hast den weiten Weg geschafft bis hierher, du hast alles, wirklich alles getan. Dein Deutsch ist perfekt nach nur einem Jahr, du hast die Zulassung zur Uni, du brauchst jetzt nur noch diesen einen Bescheid und dann wird alles gut. So dachte ich. Aber in den letzten Wochen kommst du mir vor wie ein Marathonläufer, der auf den letzten Metern vor dem Ziel zusammenbricht. Kein Wunder. Die Ziellinie verschiebt sich mit jedem Schritt nur noch ein Stück weiter nach hinten. Integration. Was für ein Schlagwort der heutigen Zeit. Integration ist ein beidseitiger Prozess. Wie gut sich das anhört. Wenn es jedoch um die Frage einer gelungenen, erfolgreichen Integration geht, werden Versäumnisse immer nur einer von beiden Seiten zugeschrieben. Als wäre es deine gottverdammte eigene Schuld, wenn du ständig an die Tür klopfst, aber niemand sie dir öffnen will. Wir wollen das nämlich nicht, habe ich erfahren. Seit dem Anruf sind Wochen vergangen. In der...

Ohne Ankommen kein Weiterkommen...

  „Ja sicha!“, sagt Ahmad* mit einer selten dagewesenen Selbstsicherheit und auf original Tirolerisch. Dabei grinst er breit und zuckt kaum merkbar mit der Schulter. Er wundert sich ein bisschen über meine Frage. Das kann ich seinem Blick entnehmen. Ob ihm seine Arbeitsstelle gefällt, wollte ich wissen. Dass er sich so selbstverständlich darüber wundert, deute ich als gutes Zeichen. Denn ich erinnere mich. Zum ersten Mal habe ich Ahmad getroffen, als er ein Radiointerview mit mir zum Thema Deutschkurse für Flüchtlinge machen sollte. Das Radioprogramm wurde von Refugees selbst gestaltet und umfasste Informationen für Refugees, in mehreren Sprachen. Als Ahmad zu mir ins Büro kam, mit Übersetzerin und Redakteurin, war er sichtlich nervös und ganz schüchtern. Bis zu dem Moment, als er mit dem Interview loslegte. Er machte seine Sache großartig, es war ein gutes Gespräch und als Interviewte fühlte ich mich bei ihm gut aufgehoben. Denn was er bis heute nicht weiß: Ich war mindestens genauso nervös, es war auch mein erstes Radiointerview. „Ich will Journalist werden“, sagte er mir zum Abschluss verlegen. Seitdem haben wir uns immer wieder mal zufällig getroffen. Wir unterhielten uns hauptsächlich über seinen Deutschkurs, seinen Asylstatus, und das war’s dann auch schon wieder. Bis heute. Heute sprang er in den Bus und kam sofort auf mich zu. Keine Rede mehr von Deutsch, Behörden, Interviews und Warten, Warten, Warten. Er fährt nur zwei Stationen, erklärt er mir, weil er jetzt zur Arbeit muss. Seinen positiven Asylbescheid, ja den hat er schon längst bekommen und jetzt arbeitet er. Er ist angekommen. Ich glaube, Souveränität beschreibt den Unterschied zwischen unseren früheren Treffen und dem heutigen. Und kommt Souveränität nicht irgendwie mit Sicherheit? Ein paar Wochen später stehe ich im McDonalds in Telfs. Während ich auf mein Essen...

Von Ramadan und Stalking (Flüchtlinge, ein Schwimmkurs für Einheimische #2)...

Der Ramadan hat begonnen. Für die meisten in Österreich lebenden Nicht-Muslime ist diese Information absolut nichtig. Ich hätte auch schreiben können: Ein Kochtopf voll mit Essen zum Fastenbrechen nach Sonnenuntergang ist übergegangen, irgendwo in Ägypten. Für jemanden, der beruflich mit Flüchtlingen zu tun hat, bekommt die Information ein wenig mehr Bedeutung. Der vergangene Montag war der erste Tag des Ramadans. Ich, Morgenmuffel der ich bin, machte mich eher müde, zu spät und als Resultat aus beidem auch ein bisschen grantig auf zum ersten Deutschkurs. Unterwegs malte ich es mir in meinem grantigen Kopf aus: Ist sicher eh voll umsonst, dass ich jetzt aufgestanden bin. Wird eh keiner kommen. Würde ich wahrscheinlich auch nicht tun. Was heißt wahrscheinlich, machen wir uns nichts vor. Wenn ich fasten müsste hätte ich bis zu dieser Uhrzeit wahrscheinlich schon den ersten Kollaps erlitten. Ich hätte gleich den Kurs absagen sollen. Der erste Tag ist sicher der Schlimmste. Außerdem regnet es in Strömen. Vorurteile passieren halt im Kopf, wenn du von dir auf andere schließt. Ich war wie gesagt schon spät dran und fand keinen Parkplatz. Voll peinlich, die Lehrerin kommt zu spät, aber in dem Fall dachte ich mir, ist es sicher egal, wird ja eh keiner kommen. Endlich näherte ich mich dem Kursort, als sie da schon standen, eingepackt in Regelmäntel wie eine Gruppe von Schlümpfen. Zwölf Menschlein, allesamt warteten sie schon ungeduldig auf den Deutschkurs. Ok, jetzt ist es wirklich peinlich, dass die Lehrerin zu spät kommt. Grantig und unausgeschlafen. An Tagen wie diesem denke ich manchmal, wie viel einfacher und vor allem ausgeschlafener mein Leben wäre, wenn diese Flüchtlinge, Ausländer, nenn sie wie du willst, tatsächlich so integrationsunwillig wären, wie oft behauptet wird. Im Ernst, müssen die da in aller Früh...

Flüchtlinge – ein Schwimmkurs für Einheimische #1...

Da stehe ich also. Irgendwo im Nirgendwo von Tirol. Wobei – stehen ist nicht ganz richtig. Genauer gesagt tanze ich mit einer Gruppe von Syrern in kleinen Schritten im Kreis. Innerlich muss ich schmunzeln, wie sinnbildlich dieses Bild für das, was in unserer Gesellschaft gerade passiert, steht. Wir drehen uns im Kreis. Flüchtlinge, Geflohene, Schutzsuchende – wie man sie auch bezeichnen mag – allein der Klang dieser Wörter löst überall extrem emotionale Reaktionen aus. Das Thema polarisiert wie kein anderes. Flüchtlinge werden dabei meist entweder verherrlicht oder verteufelt. Beide Zuschreibungen sind aber gleichermaßen unfair. Denn gerade wenn es um Menschen geht, existiert weder links noch rechts, richtig oder falsch. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Manchmal zumindest. Häufig liegt sie aber auch dort begraben, wo wir sie am allerwenigsten vermuten würden. Und viel zu oft befindet sie sich weit außerhalb unserer Vorstellungskraft. Wenn man, so wie ich als Sprachtrainerin und im Zuge von mehreren Bildungsprojekten, mehrere Jahre in dem Bereich professionell arbeitet, weiß man das. Man weiß auch, dass man seine Erwartungen nicht nur zurückschrauben soll, sondern am besten gar keine hat. Aber auch wir Profis haben – soweit ich das für andere mitbeurteilen kann – durch die momentane Situation sehr viele neue Erfahrungen gemacht. In meinem Fall, weil meine Arbeit sich sehr viel auf die Arbeit mit Einheimischen verlagert hat, die ihrerseits mit Flüchtlingen zu tun bekommen haben. Fantastisch eigentlich, denn nur durch die Arbeit an beiden „Fronten“ (welch hartes Wort) kann es auch funktionieren. Ich habe mich aus meiner Innsbrucker Komfortzone herausbegeben (ich vermeide gerade zu sagen, dass ich eigentlich mitten im „Schützengraben“ stehe – schon wieder so ein Wort, schlechte Metapher) und auf meinen Wegen durch Tirol viel über „unsere Leit“ gelernt. Da ist vieles,...

Tirol und seine Flüchtlinge...

Aus beruflichen Gründen hatte ich in letzter Zeit vermehrt das vielschichtige und zweifelhafte Vergnügen, durch entlegene und weniger entlegene Winkel von Tirol zu fahren. Um genau zu sein in die Winkel, in denen Flüchtlinge untergebracht sind, untergebracht werden könnten oder auch schon wohnhaft geworden sind und beginnen, sich ein neues Leben aufzubauen. Es sind diese Punkte, an denen plötzlich klar wird, dass Leben aufgehört hat, Existenzen beendet wurden und nun etwas Neues eintritt, eine Veränderung, die zugegebenermaßen auch für mich, irgendwie gewagt, unvorhersehbar und riskant, ja fast schon unschaffbar erscheint. Dabei begleite ich Flüchtlinge schon seit Jahren auf ihren ersten Schritten in Tirol. Ich weiß, so dachte ich zumindest, bestens über die Probleme Bescheid, die ein Integrationsprozess mit sich bringt. Und dann plötzlich finde ich mich in einem ehemaligen Gasthof wieder. Die Gaststube wirkt wie ein Geisterhaus auf mich, gespenstisch verlassen und dennoch zeugt alles noch von dem Leben, das hier einst stattgefunden hat. Es ist eine typische Tiroler Stube mit Holzvertäfelung, massiven Holzstühlen und Tischen, die ein bisschen unordentlich herumstehen. Es wirkt so, als ob die Menschen hier gerade erst vom Essen, einem Kartenspiel oder von Kaffee und Kuchen auf einmal gleichzeitig aufgestanden und gegangen wären. Sie haben alles stehen und liegen gelassen, wie es war. Doch das hektische Stimmengewirr, das an manchen Ecken plötzlich auftauchende laute Gelächter gemischt mit dem Klappern des Geschirrs sind einer neuen Art von Stille gewichen, die nun mitten im Raum hängt. Das alte Leben hat mit einem Schlag Platz gemacht für etwas Neues, was immer da auch kommen mochte. Mit dem aber, was da nun gekommen ist, hat es wahrhaftig nicht gerechnet. Während ich da stehe füllt sich die Gaststube wieder mit einem neuen Stimmengewirr, Arabisch, Farsi, oder war das eben eine...

Offen gesagt – ich bin angewidert...

Individualisierung ist das neue Kontrastprogramm zur „Flutmetapher“. Wo früher noch von unüberschaubaren „Flüchtlingsströmen“ die Rede war – das Bild einer grauen, gesichtslosen Masse, die uns vollends zu überfluten droht, es ist nur noch eine Frage der Zeit, erzeugend – finden sich jetzt Porträtfotos von Betroffenen zwischen den Zeilen von Interviews, in welchen sie ihre Geschichten erzählen. Junge Männer sind es meistens, die uns da mit ihren dunklen Augen aus der Zeitung anschauen und die uns für einen Augenblick an ihrer Geschichte teilhaben lassen. Die Medien überschlagen sich neuerdings förmlich mit Geschichten über Einzelschicksale von Menschen auf der Flucht. Jetzt verstehe ich natürlich und heiße auch gut, dass durch die Präsentation von Einzelschicksalen viele Leute besser verstehen können, warum Menschen flüchten und dadurch eine Art von Empathie erzeugt wird. Ein kleiner und sicher auch nur oberflächlicher Einblick in das Leben eines Menschen, der seine Heimat verlassen musste und sich auf den langen und gefährlichen Weg in ein besseres Leben begibt. Und natürlich finde die positive mediale Präsenz, welche Flüchtlingen dadurch zukommt und welche sie sicher seit langer Zeit entbehren mussten, mehr als begrüßenswert. Betroffene zu Wort kommen zu lassen anstatt Vorurteile zu schüren – eine ganz fantastische Angelegenheit ist das. Und trotzdem bin ich angewidert. Nicht, über die Sache selbst, sondern vielmehr über die Tatsache, dass dies notwendig ist. Dass es notwendig ist, die Geschichten von Menschen öffentlich breit zu treten, um die Mehrheitsbevölkerung verstehen UND glauben zu machen, dass diese Menschen tatsächlich nicht einfach mal eben so nach Österreich rüberspaziert sind, um zu schauen, was bei uns so abgeht. Ist es wirklich notwendig, dass Menschen, die aus einem Kriegsgebiet geflohen sind, öffentlich den Beweis antreten, dass es ihnen schlecht ergangen ist und sie deshalb flüchten mussten? Ist das Wort...