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Innsbrucks moderne Kirchen – Pfarrkirche zur Heiligen Familie in Wilten-West

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Innsbruck hat neben seinen vielen barocken und neugotischen Kirchen auch eine für seine Größe doch nicht unerhebliche  Anzahl von modernen Kirchenbauten aufzuweisen, die der / dem Interessierten bei einem Besuch doch einiges Interessantes bieten können. Einige von ihnen wurden in diesem Forum ja schon beschrieben. So etwa die Piuskirche des Olympischen Dorfes oder die Kirche Sieglanger oder zuletzt etwa die Liebfrauenkirche im Saggen.

Heute wenden wir uns einer der „ältesten“ der modernen Kirchenbauten in Innsbruck zu, nämlich der Pfarrkirche zur Heiligen Familie in Wilten West. Sie wurde bereits in den fünfziger Jahren – genau in den Jahren 1955/57 errichtet, also noch vor der Piuskirche und den anderen bereits erwähnten Sakralbauten. Sie befindet sich an der Egger-Lienz-Straße, in der Nähe des Westfriedhofes, und vielleicht ist ihr schlanker Turm dem einen oder der anderen schon mal aufgefallen. Es ist ein schlanker Campanile, der von der Kirche selbst getrennt steht und in seiner geradlinigen selbstbewussten Form ein typisches Symbol für einen modernen Sakralbau  der Moderne symbolisiert.  Errichtet wurde die Kirche nach Plänen von Martin Eichberger, der auch die Pauluskirche in der Reichenau projektiert hat.

Ihre Geschichte geht aber schon viel weiter zurück. Nämlich bis in das Jahr 1888, wo bereits ein „Kirchenbauverein Wilten“ gegründet wurde, um der damals noch selbständigen schnell wachsenden Gemeindeeine eine neue zusätzliche Kirche zu verschaffen, nachdem es dort ja schon zwei sehr große und beachtliche Kirchen, nämlich die Basilika und die Stiftskirche gab. 1913 erfolgte dann ein erster Architektenwettbewerb und 1919, also nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, gab es dann die Idee einer „Friedenskirche“, deren Planung dann der bekannte Architekt Lois Welzenbacher übernehmen sollte.

Wohl aufgrund der damaligen wirtschaftlichen Verhältnisse kam es dann allerdings nicht zur Ausführung dieses Vorhabens. Und man war daran gegangen, in den dreißiger Jahren eine Transformatorenhalle der Bundesbahnen anzumieten und dort Gottesdienste zu feiern. Was für eine hehre Idee, denkt man sie  heute: eine Transformatorenhalle – also die Erzeugungsstätte elektrischer Kraftfelder für eine religiöse Kultstätte! Diese befand sich in der Karwendelstraße, wahrscheinlich dort, wo die Bahn ihre Werkstätten hat. Im Zweiten Weltkrieg kam es dann unter der nationalsozialistischer Herrschaft zur Aufhebung dieser Kirche, die Gebäude waren da ja von der Deutschen Reichsbahn übernommen worden und wieder ihrer ursprünglichen Funktion zugeführt worden. Die Pfarrgemeinde hatte inzwischen in der Herz-Jesu-Kirche Aufnahme gefunden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946, wurde dann erneut eine Notkirche errichtet, ehe dann mit Erhebung der Pfarre Wilten-West an die Planung einer eigenen Pfarrkirche geschritten wurde. Am 4. September 1955 – dem Jahr des Staatsvertrages – erfolge der Spatenstich zur neuen Kirche und diese wurde dann am 15. Oktober 1956 geweiht.

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Nun, es ist ein klassischer moderner Kirchenbau in Stahlbeton, wie er viele Kirchen aus diesem Zeitraum kennzeichnet. Einfach, schlicht und eben auch dem Geist einer aufbrechenden Kirche – das II. Vatikanische Konzil stand ja schon bald vor der Türe – symbolisierend.  Ihr Inneres ist hell und besticht durch eine glatte und schnörkellose Form. Die Wände sind weiß gekalkt, Die Seitenschiffe und der Altarraum rot gefärbt. Was nun die Ausstattung anbelangt, so wurde diese mehrmals verändert und die Kirche  1974 und 1976 erneut umgestaltet und zum Teil neu eingerichtet.  Dominant dabei ist ein bronzenes Kolossalrelief, den Auferstandenen darstellend, am Hochaltar,  das, zumindest von der Weite, ein bisschen pittoresk aussieht.

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Auch an den beiden Seitenaltären befinden sich zwei sehr wuchtige Arbeiten dieser Tiroler Bildhauerin, die zumindest älteren Kunstkenner/innen noch ein Begriff sein dürfte, und die in Tirol viele Kirchen ausgestattet hat. Es sind klassische Bildwerke der Moderne, wie sie sich im damals doch noch sehr konservativen Tirol einen schwierigen Weg bahnen mussten, erinnert sei in diesem Zusammenhang etwa an die umstrittenen Fresken von Max Weiler in der Theresienkirche auf der Hungerburg  – übrigens der erste moderne Kirchenbau in Innsbruck! – errichtet 1932, oder die Fresken in der Friedhofskirche in Imst von August Stimpfl.

Wobei es bei diesen Werken weniger um eine abstrahierende Auflösung des Dargestellten ging, sondern vielmehr in eine Rückführung seiner christlichen Botschaft in ein Hier und jetzt. So erschrecken wir vielleicht vor Ilse Glaningers großen Auferstandenen in der Kirche Wilten-West, aber taten das nicht wahrscheinlich auch seine Jünger, wenn man dem Mythos Glauben schenken will?

Zu den doch sehr markanten Arbeiten dieser Bildhauerin, die vorwiegend in Bronze gearbeitet hat, gesellen sich noch Kreuzwegreliefs ebenfalls in Bronze von Max Spielmann, auch dieser Künstler der „gemäßigten Moderne“, der heute schon fast vergessen ist, aber – nicht zuletzt durch die politischen Verhältnisse der NS-Zeit – es sehr schwierig hatte, seinen künstlerischen Weg zu gehen, und eben auch die Nachkriegszeit war diesen Künstlerinnen und Künstlern meistens nicht sehr gewogen in diesem Land.

Schließen wir diese Betrachtung daher mit der Aufforderung, uns mehr wieder dieser in Tirol und vor allem auch hier in Innsbruck vorhandenen Kunstwerke und Bauten unsere Aufmerksamkeit zu schenken und sie mit kritischem Geist zu betrachten.

Leider ist das Kircheninnere durch eine Glastüre verschlossen, so dass die Innenaufnahmen nicht besonders gutgeworden sind.

Helmut Schiestl

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