Rezension: Vom Verzehr wird abgeraten

Die Gesundheitsmaschinerie boomt. Damit das so bleibt, wird die Angst vor fehlenden Abwehrkräften, Vitaminmangel und Herzverfettung geschürt, wie noch nie. Eigentlich krank, oder?

 

Vom Verzehr wird abgeraten

 

Hans-Ulrich Grimm ist kein Unbekannter. Der ehemalige Spiegel-Redakteur, Bestsellerautor und obsessive Nahrungskritiker widmet sich in seinem 2012 erschienenen Buch »Vom Verzehr wird abgeraten«, dem sogenannten Functional Food.

 

Also Nahrungsmitteln, mit Mehrwert. Künstlich hergestelltem Essen, das uns nicht nur satt, sondern angeblich auch gesünder, agiler, schlanker, klüger und widerstandsfähiger machen soll.

 

Dass dabei nicht nur die überirdisch hohen Verkaufszahlen an andere Welten denken lassen, dürfte in der Natur der Sache liegen:

 

Die Gesundheitsprodukte aus dem Supermarkt kommen aus einer anderen Welt. Die Nahrungsmittel werden in Fabriken hergestellt. Es agieren multinationale Konzerne und ihre Forschungsabteilungen. Ihre Rohstoffe sind isolierte Chemikalien, Wirkstoffe aus Labors, synthetisiert, in großtechnischem Stil hergestellt in glänzenden Produktionshallen, weltweit vermarktet.“

 

Wie uns die Industrie mit Gesundheitsnahrung krank macht

 

Während die Kassen erfolgreich expandierender und in Sachen Profitmaximierung experimentierender Konzerne klingeln, laufen Konsument_innen Gefahr, zu vergessen, dass ihnen ein Mahl ohne Hochglanz-Eigenschaften vielleicht besser bekommen würde. Doch Werbung wirkt:

 

Gleich beim Frühstück geht’s los. Vitamine am Morgen schon in den Cornflakes wie »Kellogg’s müslix vital«, »Nestlé Fitness Knusprige Flakes mit Vollkornweizen« oder »Dr. Oetkers Vitalis Früchte Müsli mit Vitamin C«. Fast droht schon beim Frühstück der Overkill, wenn dann noch »Nesquik plus Vitamine und Traubenzucker« dazukommen oder Multivitaminsaft von Hohes C oder von Rewe, aus der Großmolkerei die »Müller Frucht Buttermilch Multivitamin plus 10 Vitamine«.

 

Und obwohl Verbraucher_innenschutz gemeinhin groß geschrieben wird und nachhaltige Gesundheitsvorsorge eine ernste Sache ist, gehen die Profiteure künstlich erzeugter Nahrungsprodukte mit zum Teil zweifelhaften Forschungsergebnissen hausieren:

 

Gerade beim Gesundheitsmarketing ist es wichtig, wenn Autoritäten von hoher Glaubwürdigkeit eingebunden und die Produkte gleichsam von höheren Instanzen empfohlen werden. Von den Regierungen und von Wissenschaftlern, von medizinischen Fachgesellschaften und möglichst renommierten Einrichtungen.“

 

Folgen Konsument_innen dennoch der Überzeugung, dass ihre Müslis, Säfte, Brotaufstriche, Fertiggerichte oder Joghurts eigentlich gar nicht über Zauberkräfte verfügen müssen, werden Bedürfnisse konstruiert. Wenn es um das Wohlergehen der eigenen Kinder geht, ein profitables Geschäft.

 

Wer wissen will, wie es angehen kann, dass Kleinkinder unter den Augen der Öffentlichkeit mit Fertigprodukten abgespeist werden, die älter sind als das Kind selbst, welche Konzerne an der Verantwortung vorbei wirtschaften, dass es pro Jahr „mehr Vitamintote als Verkehrstote“ gibt oder warum eine gehörige Portion Paranoia beim nächsten Einkauf angebracht ist, sollte das Buch lesen.

 

Vom Verzehr wird abgeraten
Wie uns die Industrie mit Gesundheitsnahrung krank macht

Hans-Ulrich Grimm
Droemer Verlag
319 Seiten, Preis: 18,00 Euro

Weitere Informationen:

http://www.food-detektiv.de/

 

 

5 Antworten : “Rezension: Vom Verzehr wird abgeraten”

  1. Na dann. Mahlzeit! sagt:

    Ist eben die Frage, was sich Leute von einer 1,99-Fertigpizza erwarten außer Nahrungsimitat mit hohem Ekelfaktor … hier ein kurzer Bericht übers Buch und den Autor: http://www.youtube.com/watch

    • Gästin sagt:

       

      dieses Buch hab ich  vor vielen Monaten schon gelesen und es auch als Weihnachtsgeschenk weitervermittelt. Schaut einmal in Euren Büchereien nach, wieviele Bücher zu diesem Thema auf dem Markt sind. Und  ändert sich etwas? Nein! Es wird hier auch viel über die Biolüge erzählt, hat da schon jemand darauf reagiert. Seit so lieb und eßt, was euch schmeckt, denn der Körper weiß selbst was ihm guttut tja und natürlich kauft keinen Scheiß um Euroi 0.99 oder Fleisch um 2.29 kg, es weiß ja der Hausverstand, daß das alles Schmarrn ist.  

       

       

  2. Emulgator sagt:

    Der eigentliche Wahnsinn ist aber, dass man den Verzehr "gesunder" Krankmacher gar nicht immer so steuern kann, wie man glaubt oder will. Bis man die ganze Liste von Emulgatoren, Aromen und versteckter Chemie durchgelesen hat, ist die Mittagspause oft schon um. Wer sich die Bio-Schiene leisten kann, wird im Grunde ja auch nicht selten eines Besseren belehrt – hört man ja schon fast täglich in den Medien. Und sicher ist es naiv, Marken wie "activia", "knorr" oder "vitalis müsli" undurchdacht als "gesund" zu betrachten, aber manchal kann man wohl einfach nicht fassen, welche ausmaße die verarsche bereits angenommen hat :-(

  3. melda sagt:

    in anderem zusammenhang, aber doch passend: "man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte". immerhin beschäftigen sich immer mehr leute mit dem thema und ändern ihren lebensstil: von veganismus bis zu biopizzabackenden grünspitzenkandidatinnen ist da alles drinnen. die eine hälfte der welt (ver)hungert, die andere frisst sich krank und fett – es gibt eben kein richtiges leben im falschen.

  4. isa sagt:

    Bei Functional Food gehts ja eigentlich nicht um Fertigpizza, sondern um Produkte marktführender Konzerne wie Unilever, Nestlè oder Danone, die Konsument_innen nicht nur das Blaue vom Himmel versprechen, sondern auch ihren Preis haben.

     

    Für ein Becherl "actimel" oder "activia" zahlt man dann schon deutlich mehr, wie für ein stinknormales Joghurt ohne hineingedichtete Abwehrkräfte. In diesem Zusammenhang muss vielleicht auch noch einmal erwähnt werden, dass es sich bei den Käufer_innen dieser "gesunden" Nahrungsprodukte ja zum Teil wohl genau um Menschen handelt, die sich bewusst ernähren wollen und sich Supermarktregalen ohnehin schon mit einer gewissen Skepsis nähern. 

     

    Meiner Meinung nach greift es jedenfalls zu kurz, die Konsument_innen mit einem saloppen "selber schuld" abzuspeisen, anstatt die berechtigte Kritik dort hin zu verlagern, wo sie hingehört: zu den Konzernen und ihren kuschenden – weil mitverdienenden – Expert_innen. 

     

     

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