Ich bin ein Pony

 „Bravo“, „che bello“, „spitze machst du das“, „“WOW!“… Alle Augen liegen auf den Kindern. Es wird geklatscht, zustimmend genickt, fotografiert und gefilmt; es herrscht dichtes Gedränge.

 

Die Kinder sitzen auf den Ponys wie Legofiguren.
Verkrampft und steif. Fast wie hypnotisiert… entweder von den Zurufen der Eltern oder aber, und das scheint wahrscheinlicher, von dem monotonen Schritt der Ponys die im Kreis marschieren und  dabei klaglos funktionieren wie ein Uhrwerk

 

Mir wird schwindelig. Vom bloßen Zuschauen!
„Nicht drängeln!“ ruft der, der alles kontrolliert von der Mitte des Kreises mit viel zu kleinem Radius. Auch ein Luftballon in etwa vier Meter Entfernung würde es fertig bringen die Ponys zu stören, „so schnell wie möglich weg mit dem Luftballon“ höre ich ihn brüllen. Er ruft in die Richtung des Luftballons; der Luftballon muss weg oder zumindest soll der Besitzer des Luftballons mitsamt dem Luftballon so schnell wie möglich aus der Nähe des Häuschens der Ponys verschwinden. Bitte – Danke!

 

Ich habe die Runden mitgezählt, es waren sieben und auch als ich das nächste Mal mitzähle, verhält es sich ähnlich: die maximal gedrehte Rundenanzahl beläuft sich auf acht.
Während der Wechsel ergibt sich eine Pause von ein paar Minuten und das war’s. Die nächsten Kinder sitzen schon wieder wie Legofiguren auf den Rücken der Ponys. Verkrampft und steif. Fast wie hypnotisiert… entweder von den Zurufen der Eltern oder aber, und das scheint wahrscheinlicher, von dem monotonen Schritt, da die Ponys im Kreis marschieren und dabei klaglos funktionieren wie ein Uhrwerk.

 

Die Ponys, es sind zwischen fünf und sechs, bewegen sich in einem Häuschen, das einen Durchmesser von circa sechs Metern hat. Die Eltern stehen mitsamt ihren Kindern, die sie auf den Rücken der Ponys sehen wollen, Schlange. Die Ponys traben stundenlang im Kreis und die Kinder sitzen dabei wie Legofiguren auf ihren Rücken. Verkrampft und steif. Fast wie hypnotisiert…

 

Mir wird schwindelig. Vom bloßen Zuschauen!
Bleibt eines der Ponys, während es seine Runden drehen soll, stehen, so wird es vom Mann in der Mitte schroff weiter bugsiert.

Mir erscheinen das Häuschen zu klein, die Eltern zu euphorisch, die Ponys zu phlegmatisch und die Aktion unverantwortlich.

Ich frage mich, ob das Ganze vielleicht in einen einzigen Satz zusammengefasst werden könnte.
Ich suche.  Ich finde: „Solange Menschen denken, dass Pferde nicht fühlen, müssen Pferde fühlen, dass Menschen nicht denken.“

 

Am nächsten Tag erzählt mir eine Freundin, dass sie mit ihrem Sohn am Christkindlmarkt Ponyreiten war. Ich darf mir sogar das Video dazu anschauen. Am Deutlichsten zu hören sind wieder die angeturnten Eltern mit ihrem „Bravo“, „che bello“, „spitze machst du das“, „“WOW!“… Und noch klarer kann ich erkennen, wie alle Augen auf den Kindern liegen. Vorzüglich natürlich auf den Eigenen. Ich höre Geklatsche, sehe zustimmendes Genicke sowie eine Menge Foto- und Videokameras.

Es herrscht dichtes Gedränge …

 

Chritkindlmarkt, Innsbruck, 2012.

3 Antworten : “Ich bin ein Pony”

  1. Helmut Schiestl sagt:

    Ja, ich finde so etwas auch problematisch. Auch an die Streichelzoos. Wer denkt dabei eigentlich an die Tiere? Weil wir wahrscheinlich zum Großteil den Umgang mit der lebenden Natur/Kreatur verloren haben. Früher hatten die Militärkapellen Ponys zum Ziehen der großen Trommel. Wahrscheinlich dürfte das aber aufgrund der dem Pony nicht zumutbaren Lärmentwicklung abgeschafft woden sein. denke ich mal. Auch Zirkusse mit Tieren gehören mittlerweile eher der Vergangenheit an bzw. wird ihre Sinnhaftigkeit und Tierverträglichkeit hinterfragt. Es tut sich schon was, aber es ist ein mühsamer Kampf. Und irgendwann einmal reiten wir alle auf automatischen aber lebensecht nachgebauten Tieren durch künstliche Prärien.

  2. Gästin sagt:

    Entsetzlich, wie man abstumpft, danke für den Beitrag. Selbstverständlich geh ich oft an solchen Attraktionen für Kinder vorbei und denk mir überhaupt nichts dabei. Und jetzt schäme ich mich dafür. Zu meiner Ehrenrettung darf ich aber sagen, dass ich die Fiaker am Anfang des Hofgartens genauso bemitleide, bei grösster Hitze stehen die Pferde mit gesenktem Kopf da. Am liebsten würde ich die Fahrgäste laut beschimpfen, aber ich bin ja sozialisiert und tu das nicht. Hauptsache ist aber doch, dass es uns allen so gut geht, grad heute wird uns das von allen Seiten eindringlichst versichert.Glauben wir das? Hoffentlich nicht Menschen, die so mit Tieren umgehen, kann es nicht gutgehen.

  3. Anonymous sagt:

    Absolut richtig, der Artikel spricht mir aus der Seele. Es scheint so, als stünde bei derartigen
    A(ttra)ktionen 5 Minuten "Bespassung" für das eigene Kind über dem Wohl der Tiere. Traurig. Vom Tier als Mitgeschöpf ist da nicht viel zu spüren. Welche Werte diese Eltern ihren Kindern wohl sonst so mitgeben…

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