Frühjahrsputz im Kleiderschrank

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Kleider machen ja bekanntlich Leute. Manchmal machen Kleider Leute auch verrückt, weil sie nämlich zu viele davon haben und diese sich unübersichtlich im Kleiderschrank türmen. Angezogen wird im Endeffekt dann immer das Gleiche, nämlich das, was gut erreichbar ist. In den hinteren Reihen türmen sich neben tief bereuten Fehlkäufen auch längst vergessene gute Stücke, in die man wieder reinwachsen will oder die man sich für besondere Anlässe vorbehält.

Kurz gesagt: Im Kleiderschrank mischen sich Fehler aus der Vergangenheit mit Zukunftsvisionen und nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was wir dort vorfinden, spiegelt die gegenwärtige Lebensrealität wider – auf der ständigen Suche nach Veränderung, Verbesserung, letztendlich nach sich selbst. Die Modeindustrie freut sich und wir verlieren dabei ziemlich schnell den Blick auf das Wesentliche. Frühjahrszeit ist dabei vielleicht die perfekte Zeit, um Bilanz zu ziehen und einen realistischen Blick hinter die Kulissen der eigenen (Typ-)Veränderung zu werfen. Wer möchte nicht entschlackt und leicht in den Sommer starten?

Weil es manchmal ja schwerfällt, auf eigene Faust aktiv zu werden, lohnt es unter Umständen, sich externes Expertenwissen zu Nutze zu machen. Gerade feiert im Netz die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo Hochkondor äh -kontur. Ihr Tipp: Raus mit ALLEM und im Zimmer auf einen großen Haufen werfen. Ja, das kann schon mal den ein oder anderen beeindruckten Aha-Moment hervorrufen und vor allem die Frage: Brauche ich das alles WIRKLICH? Sehr gut, damit ist ein erster Schritt getan, das eigene Konsumverhalten zu überdenken.

Der nächste Schritt besteht laut Kondo darin, jedes Kleidungsstück einmal in die Hände zu nehmen und sich dabei zu fragen: Macht dieses Ding mich glücklich? Wird diese Frage intuitiv mit Nein beantwortet, wird es aussortiert.

Für weniger emotional geleitete Faktenfreaks empfiehlt sich für derartige Entscheidungsprozesse vielleicht eher eine persönliche Langzeitstudie: Dabei werden sämtliche Kleidungsstücke einmal umgedreht bzw. Kleiderbügel verkehrt herum aufgehängt. Im Laufe eines Jahres werden nur jene Kleidungsstücke richtig herum in den Schrank gelegt oder gehängt, die man einmal angezogen hat. Am Ende des Jahres fliegt alles raus, was noch immer verkehrt herum ist. Warum solltest du auch tragen müssen, was in deinem Leben offensichtlich völlig verkehrt ist?

Ist die Entscheidung – je gnadenloser desto besser – darüber, was man nicht weiter tragen möchte, erst mal gefallen, ist das Schlimmste auch schon geschafft. Wirf die Sachen bitte nicht weg, sondern spende sie, gib sie weiter an Freundinnen, die sich darüber freuen, oder verkaufe sie am Flohmarkt.

Jetzt geht es noch um die Frage: „Was brauche ich eigentlich?“ und das Wiedereinräumen kann beginnen. Auch hier empfiehlt es sich –  wie generell im Leben – den Überblick zu bewahren. Die Kleider nach Art (Hosen, T-Shirts, Kleider,…) und nach Farbe zu sortieren, wird künftig dabei helfen, alles schnell zu finden. Vor allem aber wird dadurch der Blick auf das Wesentliche frei.

Konkret bedeutet das, dass die neu gewonnene Übersicht dir dabei hilft, zu erkennen, was dir wirklich noch fehlt, um deine Garderobe zu komplettieren und wovon du eigentlich schon zu viel hast. Ich weiß genau, wovon ich rede, denn da waren sie und starrten mich an: 50 shades of nude oder auch die Antwort auf die Frage, warum ich nie was anzuziehen habe. Auch wenn (oder gerade weil) mir die Farbe mit all ihren Nuancen noch so gut gefällt, werde ich mir das nächste Mal genau überlegen, ob ich wirklich den 74. Pullover in beige, rosé oder pastelltaupe brauche (bei dieser Farbaufzählung ist jetzt auch der letzte männliche Leser ausgestiegen und wir sind unter uns Mädels). Und genau das ist der zweite Schritt zum Überdenken des eigenen Konsumverhaltens.

Die gute Nachricht: Wenn du in Summe weniger kaufst, dann können die einzelnen Teile ja ruhig etwas teurer sein. Also vielleicht wirfst du demnächst ein Auge auf die Qualität der Mode, die du kaufst und achtest ein bisschen darauf, wie sie produziert wurde? Auf lange Sicht spart das übrigens wieder Geld, weil es in Summe billiger ist, ein Shirt für 40 Euro zu kaufen und es hunderte Male zu tragen, als ein Shirt für 10 Euro, das man dann nur einmal oder gar nie trägt. Und wenn im Leben mal etwas kaputt geht, dann kann man es auch wieder reparieren. Sollte auch das nicht mehr helfen, gibt es ja immer noch das Internet, das übervoll ist mit Upcycling-Ideen. Wie wäre es denn, aus allem, was in der Vergangenheit kaputtgegangen ist, etwas noch Schöneres für die Zukunft zu machen?

Und falls du, und wenn auch nur für eine einzige Sekunde, Zweifel hegst und Gedanken wie „Vielleicht pass ich da eines Tages wieder rein?“, obwohl du dir das schon seit 8 Jahren immer wieder denkst, lass einfach los und frage dich: Warum sollte ich versuchen, in etwas reinzupassen, was ich offensichtlich längst hinter mir gelassen habe? Nichts davon sitzt mehr richtig, obwohl alles noch gleich ist. Nur du hast dich eben verändert. Und was beim Kleiderschrank anfängt, kann ruhig auch in jeden anderen Lebensbereich anziehen – nein einziehen.

BIRGIT HOHLBRUGGER

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