Kern haben tut gut. Oder?

Christian KernEinen ehemaligen ÖVP-Vizekanzler, Erhard Busek, durfte ich im Treibhaus schon begrüßen – im Rahmen des von Treibhaus-Chef Norbert Pleifer eingeführten „Wort am Montag“.
Einen ehemaligen GRÜNEN Bundessprecher, Präsidentschaftskandidaten, späteren Wahlsieger, dann doch nicht Wahlsieger und jetzigen Wieder-Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen ebenso. Und andere interessante Persönlichkeiten wie den wohl aktivsten EU-Parlamentarier und TTIP-Experten Michel Reimon, Kolumnistin Elfriede Hammerl und und und. Und schließlich vor ca. 14 Tagen die Anfrage, ob ich nicht einen Abend mit Christian Kern moderieren möchte. Cooler weise zuerst seitens des Treibhauses und dann erst über das SPÖ-nahe Renner Institut – was mir allerdings zupass kam.

Rose mit Wachstumspotenzial statt Nelke von Norbert Pleifer ...

Rose mit Wachstumspotenzial statt Nelke von Norbert Pleifer …

Denn interviewen bzw moderieren wollte ich Christian Kern in erster Linie nicht in seiner Funktion als SPÖ-Bundesparteivorsitzender sondern eben als Bundeskanzler (und sind wir ehrlich: zu einer klassischen SPÖ-Veranstaltung wären im Land der 10-15-Prozent SPÖ wohl kaum an die 1.200 Menschen gekommen. Oder etwas blumiger ausgedrückt: Norbert Pleifer wollte im Vorfeld rote Nelken besorgen und musste nach 3 Blumengeschäften aufgeben, da die laut einer Blumenverkäuferin nicht nachgefragt werden, „weil die nur Sozialisten kaufen“.

Martin OhrwalderKurz nach 21 Uhr trifft Christian Kern letzten Donnerstag samt Gefolge im Treibhaus ein – und erweist sich als erfrischend unkompliziert und deutlich humorvoller als seine Personenschützer (für mich als Kabarettisten ist es nicht alltäglich, dass auf einen Auflockerungsschmäh nicht einmal keine im Gesicht ablesbare Reaktion kommt). Aber mei. Rauf auf die Bühne mit dem Kanzler und nach Begrüßung durch Norbert Pleifer und den auf kernigen Rückenwind hoffenden SPÖ-Tirol-Vorsitzenden Ingo Mayr heißt es „LandesUNüblicher Empfang“: Martin Ohrwalder intoniert auf seiner Trompete die Melodie der Landeshymne und der Kanzler erkennt sie auf meine Frage hin als die Melodie des Arbeiterliedes „Dem Morgenrot entgegen“. Eins zu Null für Kern. Wobei das Null hier dem offiziellen Tirol zufällt, dass vor knapp 10 Jahren nix Besseres zu tun hatte, Text und Melodie von „Zu Mantua in Banden“ als „untrennbares Ganzes“ bei Strafe unter Schutz zu stellen, obwohl die Melodie, sagen wir es einmal höflich: ausgeliehen ist.

Kern im Gespräch samt Publikum2Zwischen einem aus hunderten Kehlen entgegen geschmetterten „Griaß di, Bundeskanzler!“ zu Beginn des Gesprächs und einem „Pfiat di, Bundeskanzler!“ am Ende stellt sich der neue Kanzler als erstaunlich sattelfest dar. Kein Thema, wo er nicht ziemlich Kluges zu sagen weiß. Und es ist vor allem das WIE Christian Kern etwas sagt: die hohe Kunst der Rhetorik, keine NLP-Rhetorik sondern Antworten auf gestellte Fragen. Im Land der antwortarmen ZIB-Interviews schon per se erfrischend. Kern weiß, wie er zu den Menschen reden muss um gehört und verstanden zu werden. Er weiß auch, welche Schlüsselwörter er einweben muss, um die Menschen zu erreichen – doch unglaubwürdig wirkt er dabei nicht. Ganz und gar nicht. Er, der halbe Quereinsteiger in die Politik, bringt tatsächlich frischen Wind und Aufbruchsstimmung mit.

Kern im Gespräch2Bildung, Mindestsicherung, Menschen auf der Flucht – Kern antwortet auf entsprechende Fragen bereitwillig und sagt vielleicht nicht immer zu hundert Prozent das, was etwa ich und vielleicht auch andere gern gehört hätten. Aber auch das zeichnet den neuen Bundeskanzler aus: er kann bittere Wahrheiten schön verpacken und macht sie durch seine Rhetorik eine Spur erträglicher. Und genau das könnte Österreich gut tun: keine manche Probleme weg redende Spreche – aber eben auch keine Probleme aufbauschende Kampfrhetorik. Kern geht hier neue Wege und macht die vergangenen Faymann-Jahre rasch vergessen (schon allein deshalb Dank und Anerkennung meinerseits). Unberechenbare Fragen aus dem Publikum, etwas das ich auf jeden Fall zulassen wollte: kein Versuch seines Beraters, dies abzublocken. Kern hört zu, antwortet, entledigt sich der Krawatte und fällt in den Plaudermodus abseits jeglichen Politsprechs, der ihm tatsächlich fremd zu sein scheint.

Kern beklatsch PublikumNach dem Gespräch wollen noch ganz viele mit dem neuen Kanzler ein Selfie machen, während zwei der Personenschützer ihrem Gesichtsausdruck nach vermutlich noch immer über meinen Auflockerungsschmäh am Anfang des Abends sinnieren. Hernach stehen wir noch eine Weile zusammen, die Stimmung ist gelöst. Und ich sage zum Bundeskanzler: „Herr Kern, ich weiß, was Sie jetzt gerne machen würden.“ „Ja was denn?“, fragt er. „Ein Selfie mit mir“, sage ich. Gelächter – und Kern zückt sein Handy und macht einige Selfies.

Mein Fazit des „Meet & Plauder“ mit Bundeskanzler Christian Kern:
Es gibt keinen (gesellschafts-)politischeren Ort in Tirol als das Treibhaus. 1.200 ZuschauerInnen im Hochsommer sind der beste Beweis dafür.
Und: Österreich hat nach gefühlten Ewigkeiten wieder einen Kanzler. Einen, der auch das Zeug zum Pop- oder Rockstar hätte. Und ja, er muss sich noch in Taten beweisen. Profitieren könnten davon, Vernunft vorausgesetzt, alle Parteien abseits der Scharfmacher – und damit könnten wir als gesamtes Land davon profitieren. Die Worte Kerns machen jedenfalls zuversichtlich.
Kern haben tut gut. Oder? Ja, tut es.

(c) alle Fotos: SPÖ Tirol/Julia Hitthaler

1 Antwort : “Kern haben tut gut. Oder?”

  1. Max John sagt:

    Gut wäre gewesen auf den Pudel`s Kern zu kommen: So hat der Kanzler zwar souverän auf die Probleme hingewiesen, aber keine Lösungen angeboten, z.B. dass 10% der Bürge soviel Vermögen haben wie der Rest. Leider hat Herr Koschuh auch nicht nachgefragt, ob der Absturz der SPÖ in Tirol nicht daher kommt, dass die SPÖ´ler im Landtag praktisch gar nicht in Erscheinung treten, nachdem Kern behauptet, dass es auf die Persönlichkeiten ankommt!
    Leider konnten kritische Fragen vom Publikum nicht angebracht werden, da diese vorprogrammiert waren!

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