Buchrezension: Lebenslinien von Eva Stöckl

Lebenslinien

Autorin auf Augenhöhe

Lebenslinien ist kein humorvolles Buch, trotzdem musste ich bei der Lektüre mehrmals grinsen und einmal sogar lachen. Der Roman kreist um die Lebenskrise einer Frau, die sich aus einer lieblosen Ehe flüchtet und dabei von ihren angeblich wohlmeinenden Angehörigen eingekreist wird, bis ihr die Luft zum Atmen fehlt. Trotz dieses tristen Themas gelingen der Autorin immer wieder amüsante Passagen. Sie kommt ihren Figuren sehr nahe und schildert ihre Handlungen, Gedankenstränge und Motive so exakt, dass diese in ihrer Eigentlichkeit greifbar und angreifbar werden.

Stöckl beschreibt ihre Protagonisten schonungslos, doch nicht ohne eine gewisse Zärtlichkeit – so wie auch im Leben Zorn und Zärtlichkeit manchmal eben nahe beieinander liegen. Sie entfaltet dabei eine sanfte Ironie, die jedoch nie in Zynismus abgleitet, und schildert manche Episoden so komisch, dass auch beklemmende Reflexionen durchaus zum Lachen reizen können.

Daher ist Lebenslinien keine Betroffenheitsliteratur, sondern durchaus auch ein gesellschaftliches Statement, das den alten 68er-Spruch „Das Private ist politisch“ literarisch bestätigt. Die Figuren verkörpern zugleich Archetypen ihrer sozialen Klasse, sie sind also Zeitgenossen, die ihre historische Situation und ihr gesellschaftliches Milieu repräsentieren.

Dass sie dabei trotzdem nicht konstruiert erscheinen, ist der Handlung geschuldet. Diese scheint direkt aus dem Leben gegriffen, die Figuren agieren ebenso überzeugend wie allgemein gültig – somit wird zugleich ein zentrales Narrativ unserer Zeit behandelt: Das Subjekt steckt in der Krise und einer Welt des beständigen Kommunizierens bleibt die (und der) Einzelne in den entscheidenden Situationen oftmals sprachlos. Lebenslinien ist kein unterhaltsames, aber ein bemerkenswertes Buch: Der Autorin ist mit ihrem Erstling ein Roman auf Augenhöhe mit der Gegenwartsliteratur gelungen.

EVA STÖCKL, Lebenslinien, BoD 2016

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