Dialog und Dschihad

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Ein strahlend schöner Spätsommersamstag vor dem Landesmuseum: Keine zehn Meter vom VGT-Stand meines Lieblingsveganers Chris Moser hat eine Gruppe junger Männer ihren Büchertisch aufgebaut.

„Lies!“ – einer der wenigen Imperative, denen ich allermeistens gerne nachkomme. Die Burschen haben ihren Tisch mit Rosen und Koranen in mehreren Sprachen ausgestattet. Ich versuche mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Als Salafisten möchten sie nicht bezeichnet werden – das sei eine Bezeichnung der Medien, sie seien einfach gläubige Muslime, die für ihre Religion werben wollen. Als ich sie nach den 72 Jungfrauen frage, werden sie ein bisschen unruhig.

Ich sage, dass meiner Erfahrung nach das Liebesleben umso besser wird, je besser beide aufeinander eingespielt sind. Übung macht die Meisterin bzw. den Meister, das gilt auch im Bett. Ob ich mich denn mit AIDS anstecken wolle, fragt einer. Sie alle sind etwa Anfang 20 und das Thema scheint ihnen etwas peinlich zu sein.

Ungläubiges Staunen

Ob sie sich die Einführung der Scharia wünschen? Sicher, alles Recht gehe schließlich von Gott aus. Wenn einem Dieb die Hand abgeschlagen wird, würde es weniger Verbrechen geben.

Einer kommt aus Ägypten, ein anderer aus der Türkei und auch ein österreichischer Konvertit ist unter ihnen. Er habe schon viel Blödsinn gebaut, aber jetzt würde sein Leben Gott gehören. Als ich frage, ob er für Gott sterben würde, bejaht er die Frage, ohne zu zögern.

Ich kann nicht  beurteilen, ob diese Burschen wirklich gefährlich sind. Sie scheinen sehr stolz auf ihre Mission zu sein, was allerdings schnell in Fanatismus umschlagen kann. Ich habe schon häufig mit Gläubigen diskutiert – ob mit Altkatholiken, Zeugen Jehovas oder Mitgliedern von Scientology.

Als Agnostiker finde ich es faszinierend, wie überzeugt sie von ihren Glaubensgrundsätzen sind. Wichtig ist mir, dass Glauben etwas rein Persönliches ist und niemandem aufgezwungen wird. Wann immer im Namen eines Gottes Recht gesprochen wurde, ist das blutig ausgegangen – dafür finden sich zahlreiche Belege in der Geschichte und Gegenwart.

Ich werde sicher bald wieder beim Landesmuseum vorbeischauen. Viele der Stellen im Koran verstehe ich nicht und manche finde ich ziemlich heftig. Aber Dialog ist die einzige Möglichkeit, einander zu verstehen: Nur wenn wir miteinander reden, statt uns einfach zu verurteilen, können wir gemeinsam klüger werden.

 

Foto von Karin Hollenstein

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