Integrations-(H)Aus – ein Nachruf

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Es ist einigermaßen schwierig geworden, durch Pradl zu spazieren. Der Stadtteil ist derartig von Baustellen durchzogen, dass ich als Fußgängerin bei meinem letzten Versuch alle paar Meter die Straßenseite wechseln, oder zumindest den gewohnten Pfad für eine Weile verlassen musste. Der Baustaub, der durch den heftigen Föhnsturm aufgewirbelt wurde und mir komplett die Sicht vernebelte, machte dieses Unterfangen nicht unbedingt einfacher.

Mitten in der Gumppstraße begegneten mir jedoch ganz zufällig zwei sonnige Gestalten, die meine Laune allein mit ihrem ungetrübten Lächeln sofort verbesserten. Ein serbisches Ehepaar, das mich in seiner gewohnten Herzlichkeit begrüßte. Bereits in den ersten Sekunden unseres Gesprächs, schlug die Stimmung ein wenig um. „Wir sind die letzten, die noch übrig sind. Alle anderen sind bereits gegangen“, sagten sie mir, „und nun bleiben wir eben, bis sie uns hinauswerfen“.

Die beiden wissen noch nicht genau, wo sie dann mit ihrer Tochter hin sollen. Sie wissen nur mit Sicherheit, dass sie, obwohl das Haus vorerst als Notschlafstelle stehen bleibt, raus müssen, um für etwas Neues Platz zu machen. Und damit stehen sie sinnbildlich für eine ganze Ära, die nun definitiv zu Ende geht. Das Integrationshaus wie wir es kannten, als einen bunten Ort der Vielfalt, an welchem unterschiedlichste Menschen zusammenlebten, interreligiöser Dialog geführt wurde, Bildungs- und Begegnungsprojekte stattfanden, hat seine Türen geschlossen und wartet nun darauf, abgerissen zu werden. Das Haus ist baufällig geworden, es soll nun Platz für ein neues Integrationsprojekt machen.

In ihrer hilflosen Verlorenheit stehen die beiden aber auch für die Art und Weise, wie diese Ära in ihren letzten Zügen zu Ende gebracht wurde, nämlich hilflos, verloren und insbesondere von den leitenden Entscheidungsträgern sich selbst überlassen.

So standen wir da noch eine Weile und unterhielten uns über die verschiedenen Menschen, die das Haus nach und nach verlassen hatten in den letzten Wochen und Monaten.

Da war zum Beispiel unser ehemaliger Hausmeister aus Kroatien. Wie kein anderer hat er das Leben im Integrationshaus geliebt und zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit hatte er stets den auf jeden Fall passenden Alkohol parat. Manchmal konnte er auch ziemlich „grantig“ sein, was aber sein gutes Recht als „Dorfältester“ war und seiner Liebenswürdigkeit keinen Abbruch tat. Ich weiß noch, wie er vor Jahren mit mir im Eingangsbereich des Hauses saß und mit einer Engelsgeduld meine ersten Gehversuche in der kroatischen Sprache begleitete. Und wie er mit den Jahren nicht müde wurde, meine Fortschritte zu loben, während einer unserer zahlreichen Unterhaltungen über seine, meine, unsere Heimat.

Der Imam des Hauses, in dessen Begleitung ich zum ersten Mal in meinem Leben einen muslimischen Gebetsraum betreten hatte und aus dessen Mund ich zum ersten Mal eine Koransure auf Arabisch gehört hatte. Am meisten liebte ich sein köstliches Essen, das er oft im Zuge eines Dinnerclubs oder jedes Jahr beim gemeinsamen IFTAR-Essen, welches er mit unserer wunderbaren Sozialberaterin aus Marokko veranstaltete, zubereitete.

Unser aktueller Hausmeister, der nun gerade im Ausland weilt und der wie kein anderer Reparaturen nicht nur vornehmen, sondern vor allem auch darüber reden konnte, und zwar mit einer Leidenschaft, die man in Bezug auf Türklinken, Siphons und Steckdosen so noch nie gesehen hat. Obwohl es auf mich rein vom Verständnis fast immer wie eine schräge Mischung aus Suaheli,  Rätoromanisch und algerischem Arabisch mit einer Prise Chinesisch wirkte, wenn er was erklärte, wusste ich mich immer bestens aufgehoben, wenn ich mal ein technisches Problem hatte. Und ich werde nie vergessen, wie er, der das Haus besser kannte als überhaupt irgendwer, sagte: „Die schönsten Orte im Integrationshaus sind die Menschen!“

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Das Team aus der multikulturellen Kinderkrippe, wie sie mit den Allerkleinsten unermüdlich für einen gelungenen Start ins Integrationsleben sangen, tanzten, trommelten und ganz nebenbei viele Nationen und Sprachen im Kleinkindalter zusammenbrachten. Eine Sozialarbeiterin und Hausmama, die in ihrem nicht enden wollenden Engagement fast schon zu viel von sich gegeben hat. Die vielen Ehrenamtlichen, die sich über viele Jahre hinweg im Haus engagiert haben.

Ich weiß gar nicht, wen ich noch aller erwähnen soll. So viele Menschen, die das Integrationshaus im Laufe der Jahre geprägt haben. Manche sind gekommen und geblieben, manche sind wieder gegangen. Manche sind in diesem Haus geboren und manche, die uns wahrhaftig unvergessen bleiben werden, sind in diesem Haus gestorben.

Als junger Mensch setzte ich zum ersten Mal einen Fuß in das Integrationshaus und bis heute hat es mich als wichtiger Bestandteil meines Lebens begleitet. Für meine berufliche Laufbahn habe ich vieles aus diesem Haus mitgenommen. Das Haus hat mir viel gegeben und es hat ebenso viel von mir abverlangt. Ich werde nie vergessen, wie mir vor sieben Jahren zwei junge Männer aus Nigeria, welche gerade erst in Innsbruck gestrandet waren, von ihrer Reise übers Mittelmeer erzählten, von Todesangst, Schubhaft und neuer Hoffnung. In diesem Haus habe ich auch erfahren, was Diskriminierung bedeutet und wie man zum Opfer eines Machtmissbrauchs durch das bloße Vorenthalten von Informationen und mangelnder Transparenz werden kann.

Eine Ära geht nun zu Ende. Ein Teil von mir ist froh, dass das alte Haus nun abgerissen wird, damit etwas Neues entstehen kann. Ich stelle mir vor, wie die Geschichten aller Menschen, die in diesem Haus gelebt und gewirkt haben mit dem Staub des Abrisses in die Luft gewirbelt werden. Unter ihnen ist auch meine und die Summe all dessen, was dieses Haus mich gelehrt hat. Nämlich, dass es, egal was passiert, am wichtigsten ist, mir selbst immer treu zu bleiben und für mich einzustehen, weil ich nur dann ganz Mensch bleiben und Menschlichkeit schenken kann.

Das serbische Ehepaar verabschiedete sich von mir mit den Worten: „Wir melden uns dann nächste Woche bei dir und werden dir sagen, dass wir eine super Unterkunft gefunden haben, da bin ich sicher!“ Ich ging weiter meiner Wege und musste daran denken, dass wohl niemand das Ende dieser Ära mit so viel Würde trägt, wie sie.

 

BIRGIT HOHLBRUGGER

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