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Music and the city Vol. 52 Teil II: Candy Dulfer live in Imst

Was erwartet ihr euch, wenn ihr auf ein Festival geht, bei dem der Begriff „Jazz“ angeführt ist? Richtig: Jazz. Aber nicht immer ist dort auch Jazz drin wo Jazz draufsteht. Nun gut, könnte man sagen, die Zeiten ändern sich eben und die Zeit der engen Begriffsdefinitionen ist ohnehin schon längst vorbei. Es ist doch schön, wenn (zu) enge Genre-Grenzen fallen und alles ein wenig lockerer, bunter und lässiger wird.

Außerdem muss es ja wohl doch begrüßt werden, wenn alles nicht mehr so dogmatisch und bierernst ausgelegt wird. Prinzipiell kann die Sache so gesehen werden. Doch das alles erklärt noch nicht, warum sich Candy Dulfer mit ihrer aktuellen Band zum „TschirgArt“ Jazzfestival nach Imst verirrt hatte.

Candy Dulfer: Auf alle Fälle ein Augenschmaus. Mit der Musik verhält es sich leider zum Teil ein wenig anders...

Candy Dulfer: Auf alle Fälle ein Augenschmaus. Mit der Musik verhält es sich leider zum Teil ein wenig anders…

Das „System Jazz“ und Candy Dulfer

Jetzt mal so ganz direkt gesagt: Ich mag Jazz. Und nein: Ich bin kein Dogmatiker oder gar jemand, der diese Genre gerne „musealisieren“ und beschützen möchte, damit es sich nicht vor lauter „fremden“ Einflüssen auflöst und sich selbst damit überflüssig macht. Ganz im Gegenteil. Ich sehe nämlich Jazz gar nicht als Genre, sondern als eine Art von System, das bestimmte Verfahren auf einen sehr großen Bereich des weltweit verfügbaren Musikmaterials anwendet.

Einfach gesagt: Jazz ist ein komplexes, ausdifferenziertes System, das so einiges an Einflüssen verträgt ohne dass es aufhört, Jazz zu sein. Bis hin zur Inkorporierung von traditioneller chinesischer Musik und deren Skalen ist beim Jazz alles drin und denkbar. Die Verfahren, die sich aus der Musikgeschichte des Jazz ergeben, sind dabei äußerst erfolgreich, wandlungsfähig und stets auf mögliche Innovationen hin ausgerichtet.

Jazz hört also dann auf Jazz zu sein, wenn die Verfahren und die Möglichkeiten dieses System schlichtweg ignoriert werden. Das ist dann auch nicht provokant, sondern, mit Verlaub, naiv und dumm. Es provoziert mich nicht, wenn Hip Hop Einflüssen oder schlicht und einfach Pop bei einem vermeintlichen Jazz-Konzert als Einflüsse in den Gesamtsound integriert werden. Aber es provoziert mich, wenn diese auf dilettantische Weise integriert werden ohne die Möglichkeiten des Systems Jazz auch nur im Ansatz auszureißen oder auszuschöpfen. Und genau das passierte beim Konzert von Candy Dulfer beim „TschirgArt“ in Imst.

Legt sich live ins Zeug, will aber manchmal viel zu viel.

Legt sich live ins Zeug, will aber manchmal viel zu viel.

Candy Dulfer betrat mit ihrer neuen Band jedenfalls kurz nach 21:00 die Bühne und wurde mit Begeisterungsstürmen begrüßt. Diese Begeisterung sollte in den nächsten zwei Stunden nicht verfliegen, sondern diese würden sich sogar noch steigern. Trotz allem. Oder vielleicht genau deshalb. Funk, Soul, Reggae, Pop. Alles war da, da, da. Ihr Saxophon klang dabei, das muss ich wirklich anerkennen, ganz hervorragend. Technisch spielte sie einwandfrei. Es gab Passagen vor allem von ihrem Spiel, die mich begeisterten. Die Band agierte und spielte zum Teil ein wenig platt, aber war im Großen und Ganzen auch sehr in Ordnung. Dass dabei auch viel hörbar war, dass nicht von der Band live gespielt wurde um den Sound ein wenig voller zu machen: Geschenkt, verzeihbar, wenn auch in meinen Ohren sinnlos.

Die Musik und der ganze Abend hatte eher ein anderes Problem. Alles wirkte beliebig, wie in einem Supermarkt, der eine möglichst breite Palette an Waren anbietet, einfach um sie anzubieten. Damit die Kunden das Gefühl haben, hier könnten sie theoretische alles bekommen. Nichts ist ja bekanntlich schlimmer als ein Engpass von Waren.

Ein Konzert wie im „Candy Store“

Ähnlich breit präsentierte sich die Musik von Candy Dulfer und ihrer neuen Band. Ganz so als ob sie Sorge hatte, dass ihr die Menschen nicht mehr zuhören würden, wenn sie sich mal mehr als ein paar Minuten auf eine Sache konzentrieren würde. Beliebig wurden Stile aneinander gereiht, in der Hoffnung es möge passen. In der Hoffnung, die Masse würde zuhören. Hier geht es um eine Art von Konsumhaltung in der mehr auch wirklich mehr ist. Anspruch und Langweile sind der Tod. Alles musste schön bunt, lässig und schrill sein. Am liebsten hätte man Candy zugerufen, dass sie sich auf das konzentrieren soll, was sie auch wirklich kann: Saxophon spielen. Sie hätte sich auf ihr Saxophon-Spiel fokussieren sollen, auf ihre zum Teil tatsächlich schillerenden und guten Soli. Auf ihre Fähigkeit, mit ein paar Tönen Stimmungen und Atmosphären zu erzeugen.

Dieses immer wieder durchschimmernde Potential wurde von dem ständigen Zuviel-von-Allem der Stile und des künstlich aufgeblasenen Sounds zunichte gemacht. Übertüncht, übertönt, verunmöglicht. So musste ich auch bereits ein paar Minuten bevor das Konzert dann auch tatsächlich endete, die Halle verlassen. Weil ich das Gefühl hatte, mich akustisch „überfressen“ zu haben. Zu üppig war der Sound und die stilistische Bandbreite von Candy Dulfer gewesen. Ich hatte mich ganz so in wie in einem „Candy Store“ gefühlt.

Candy bot zu viel des Süßen und des Üppigen an. Zumindest für meinen Geschmack. Aber vielleicht war es genau das, was sie gewollt hatte? Als Party hat das Konzert zu 100 % funktioniert und Candy präsentierte sich auch in bester Laune, energiegeladen und in Tanz- und Feierlaune. Schön anzusehen war ihre gute Laune schon. Das Konzert hätte auch zweifellos auf einem Pop-Festival hervorragend funktioniert. Vielleicht am besten auch in der nicht fernen Area 47?

Jazz war das, in meiner oben beschriebenen Definition, eher keiner. Eher ein nicht näher definierbares Gebräu aus allen möglichen Stilen, das man mit Vorsicht genießen sollte. Außer man mag seinen Sound tanzbar, süßlich und ein wenig „Over-The-Top“. Tanzen und feiern konnte man dazu ganz hervorragend. Nur seinen Anspruch an ein funktionierendes, ästhetisches Gesamtkonzept sollte man am besten gleich ganz vergessen.

Markus Stegmayr

4 Comments

  1. Wo candy dulfer draufsteht ist halt candy dulfer drin… (-; das „gute“ liegt näher
    Vor 9 Tagen war das zu hören was du suchst-im Treibhaus beim 3.Tonartfestival (leider immer noch ein Geheimtipp obwohl dort über den Tag mehr als 10 hochkarätige Bands aufgetreten sind)
    Ansonsten immer das Programm vom Birds checken! da gibts sehr oft Jazz vom feinsten vor (oft sehr kleinem) auserwählten Puplikum..
    apropos: die vom Birds für Ibk „entdeckte“ Cynthia Nickschas spielt am do in der Galerie. kein Jazz aber ein dringender Tipp!

  2. Danke für die Tipps. Das ist mir aber so weit alles bewusst. Und sowohl im Treibhaus als auch im Early Bird bin ich regelmäßig.

    Nebenbei erwähnt: Ich mag natürlich nicht nur Jazz. Sondern auch „Neue Musik“, manches aus der „Weltmusik“, „Alte Musik“. Und ja: manchmal auch auch nur guten Pop.

  3. Also zu einem Candy Dulfer Konzert gehen (und ich gehe einfach mal davon aus, dass du sie schon vor dem einen Auftritt gekannt hast) und erwarten, dass sie irgendwas anderes macht als ihr Programm nur weil im Namen des Festivals das Wort „Jazz“ vorkommt …

    Sagen wir mal zu magst asiatische Küche, aber nur die echte asiatische Küche, nicht das, was uns hier im Westen als asiatisch vorgesetzt wird. Und dann gehst du zu McDonalds (wenn sie mal wieder ihre asiatischen Wochen haben) und regst dich darüber auf, dass das „asiatische“ Essen bei McDonalds so richtig scheiße war, dass du es nicht mal fertig essen konntest.

    ECHT JETZT, ODER WAS?!!!!

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