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IBK, Kindheit bis 1989

wir wuchsen auf zwischen Hochhäusern
wo der Himmel laut wurde
ein Leben in der Flugschneise

Geboren ins Kleinbürgertum
durfte ich nicht zu den Kinderfreunden
das sind alle Proleten, meinte Papa

Es gab Bussis, Bücher und Watschen
den Hof, die Bande und Verstecke
Schlug mir die Knie blutig am Asphalt

Am Wochenende gemeinsam einkaufen
im Konsum mit meinem Opa
ein enttäuschter Sozi & grundgütiger Mensch

Meine Kindheit war eine einzige Fragerei
gute Güte, nach all der Zeit
bin ich ein altes Kind

Meine Mutter lautet Sprache
mein Vater arbeitete im Amt
die ZIB war unser Abendaltar

Nie werde ich vergessen
wie die Menschen die Mauer zertanzten
dann brach die neue Zeit

Andreas Wiesinger

6 Comments

  1. Es fröstelt mir der Gedanke einer Kindheit, die mich in den Bauten knechtet, gerüstet mit dem Verstand diese zu überfliegen.

    Gesegnet bin ich, im blanken Fels, des Schauspiels Tourismus aufgezogen worden zu sein.
    Dabei hättens mich gar nicht ziehen müssen. Ich ging ja von ganz allein….

    Es gefällt mir sehr gut Wiese. Es trägt den bürgerlichen Schwermut in sich. Den Konflikt von Generationen. Und die Hoffnung Auf_Brüche der Zukunft.

  2. Die sogenannten Sternhochhäuser in der Reichenau, die übrigens baugleich auch an der Lan in der Gegend rumstehen – keine Wolkenkratzer, aber doch dreizehn Stockwerke HOCH und für den Kindskopf Wiese geradezu riesenhaft.

  3. Ein geradezu lyrischer autobiographischer Text, voll von Konnotationen, und jedes Wort hat wenigstens ein "memory"-Gegenstück. Eines weiß ich von dir gewiss: die tausendjährige transgenerationale Weitergabe von Watschen wirst du unterbrechen.

  4. und Du fragst weiter,immer weiter,altes Kind Wiese.
    Gott sei Dank.
    Das ist die Freiheit des Geistes, die es jedenfalls zu bewahren gilt. Jedenfalls.
    Ãœbrigens: ein Spruch des Ignatius von Loyola.
    Alles Gute für ein langes „fragwürdiges“ Leben!
    Dein Lothar (Müller)

  5. Es gab noch mehr Bussis als Watschen, die ich meinen Eltern schon oft vorgeworfen habe und von denen ich sie hiermit öffentlich freisprechen möchte. Schon in jungen Jahren war ich ein echter provi und meine geliebten Vorkommen erzogen sich hart an mir – habt Dank!

    Danke für dieses frag-würdige Leben und dafür, dass ich umgeben bin von Mitwesen, die mich bereichern, beglücken und jedenfalls weiterbringen. Wofür ich dieses fortwährende Wunder/n verdiene, weiß ich nicht – manchmal denke ich, fast das Leben dichtet mich. 

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