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Der Osterspaziergang

Ostern, noch einmal zum Ausklang. Für den Osterspaziergang ist heute ist ja immerhin schönes Wetter. Und danach noch auf einen Whisky. Oder der Gang der beiden Frauen zum Grab des Jesus, den sie dann nicht mehr finden. Eine doch irgendwie makabere Szene, denke ich. Sie fragen dann den Gärtner, wo der Leichnam ist, und erkennen in ihm nicht den Gesuchten wieder. Eine Geschichte fällt mir dazu ein, vielleicht nicht weniger schräg.
 
Ein junger Mann hat ein hässliches Gesicht, mit dem er nie eine Frau finden wird. Was macht er. Die Gesichtschirurgie ist schon weit fortgeschritten, das Gesicht des jungen Mannes wird in einer komplizierten Operation durch das eines eben gestorbenen schönen jungen Mannes ersetzt.
 
Nach einigen Wochen ist alles schön verheilt, die Narben sehr diskret unter der Haarpracht verborgen. Der junge Mann macht einen ersten Spaziergang, es ist Frühling, vielleicht ein Osterspazergang, ohne Mephisto, ohne Pudel. Nur im Frühlingsmantel, weil es doch noch ein bisschen kühl ist. Die Wiesen und Bäume beginnen schon ein wenig zu grünen. Da trifft der junge Mann zwei junge Frauen, die er von früher her kennt, von denen ihm eine besonders gut gefiel, die ihn aber wegen seines hässlichen Gesichtes immer abgewiesen hat.
 
Er grüßt sie freundlich. Die beiden Frauen schauen ihn irritiert an, erkennen ihn nicht wieder. Er beginnt mit ihnen ein Gespräch. Redet über den schönen Tag, den zart beginnenden Frühling.
 
Die Frauen sind beide angetan von des jungen schönen Mannes Ausstrahlung und wohl auch seinem schönen Gesicht. Sie gehen miteinander ein Stück des Weges, setzen sich auf eine Bank, reden über dieses und jenes. Schließlich fragt der junge Mann nach dem mit dem hässlichen Gesicht, den er gut kennen würde, auch die Frauen kennen ihn. Sie sagen, wie arm, wie schrecklich, ein armer Teufel, bedauernswert. Sonst wäre er ja so nett, aber …
 
 
Der junge Mann lächelt verlegen, weiß nicht, was er jetzt sagen soll. Soll er sich ihnen zu erkennen geben, oder soll er weiter den Fremden spielen? Auch seine Stimme kommt den beiden Frauen nicht bekannt vor, was ihn noch mehr wundert. Aber er kann es doch kaum mehr aushalten, soll er lachen, soll er weinen?
 
Der junge Mann hat das Gefühl, dass besonders die eine Frau, die ihn früher immer wegen seines Gesichtes verachtet hat, sich in ihn zu verlieben beginnt.
 
So liebe Leserin / lieber Leser, jetzt sind Sie oder seid Ihr aufgefordert, die Geschichte, wenn Ihr wollt, weiterzuschreiben. Wie wird sich der junge jetzt schöne Mann verhalten? Soll er sich den beiden Frauen zu erkennen geben oder soll er das Spiel weiterspielen?

Helmut Schiestl

One Comment

  1. … ein interessantes Gedankenspiel: Was würde sich verändern, wenn wir unsere Gesichter, ja unsere Körper überhaupt, wechseln würden wie T-Shirts und andere Kleidungsstücke. Identität wäre auf andere Weise feststellbar: sei es als Code oder als spezifischer, einzigartiger Name.

     

    Wäre unsere Welt wohl menschlicher – wenn Gesicht, Körperlichkeit nicht mehr wäre als ein austauschbares Accessoire?

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