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Postkarte aus Berlin II

Berlin wird oft als Vorzeigeobjekt gelebter Multikulturalität herangezogen. Natürlich gestaltet sich das Zusammenleben nicht immer so, wie man sich das im Idealfall vorstellt. Aber Bezirke wie Kreuzberg zeigen, dass über 180 Nationalitäten auf engem Raum zusammenleben können, ohne tagtäglich Debatten über Migrationsgründe oder Daseinsberechtigungen zu führen.
Doch seit ein paar Jahren macht ein neues „Unwort“ auf sich aufmerksam: Gentrifizierung. Ein Unwort deshalb, weil vor allem in letzter Zeit diese Debatte den Aufbau eines Feindbildes anbietet auf das der Frust kanalisiert werden kann – was zu Ansagen wie „Touristen fisten“ auf Berlins Hauswänden führt.
 
Von Gentrifizierung spricht man, wenn ein Bezirk sich durch den Zuzug von Menschen mit höheren sozialen Status in seiner Sozialstruktur verändert. Oft geschieht das dadurch, dass KünstlerInnen und StudentInnen einen Bezirk für sich entdecken. Der Bezirk wird kulturell belebt und über die Jahre werden die Zugezogenen zu einer kaufkräftigen Schicht. Die Immobilienpreise steigen, da Investoren den Bezirk aufwerten. Die Mietpreise werden teurer und der Wohnraum nicht mehr für alle sozialen Schichten leistbar.
 
Der Wohnungsmarkt ist angespannt. Alte Häuser werden abgerissen, Luxus-Wohnungen oder Unterkünfte für Touristen gebaut. Vor allem die Innenstadtbezirke sind betroffen. Der Hass und die Angriffe werden auf Neu-Zugezogene, Hipster und Touristen konzentriert.
 
Doch wie rauskommen aus dieser Dynamik? In Berlin wird bereits über den nächsten „Szene-Kiez“ spekuliert. Gleichzeitig gibt es Anleitungen, wie man sich gegen die Aufwertung zur Wehr setzen kann – die Balkone sollen verwahrlost, die Fensterscheiben zerschlagen aussehen, so die Ratschläge. Gleichzeitig wir die Aufwertung auch von einigen begrüßt. Es stellt sich die Frage, ob Wohnraum den Kräften des Marktes überlassen werden sollte. Was kann sozialer Wohnbau noch bewirken, wenn die Grundstückspreise ins Unermessliche steigen?
 
Auch in Innsbruck wäre es Zeit über Gentrifizierung zu diskutieren. Der 20er berichtet in seiner September-Ausgabe über die Situation in St. Nikolaus – soziale Durchmischung sei erwünscht, aber es dürfe sich kein „Oberschichtenghetto“ in Innsbruck entwickeln so lautet das Resümee dort.

Die Gentrifizierungsdebatte beschreibt einen erneuten Kampf ums Zusammenleben in Berlin. Man kann Berlin nur wünschen, dass die Politik sich auf Wohnbau-Regulierungen einigt und die Berlinerinnen und Berliner sich nicht gegeneinander aufhetzen lassen.  


Juliane Nagiller

One Comment

  1. Berlin ist eine Metropole und hält das schon aus. Gehört eben zum "Berliner Wesen": Dagegen sein, motzy aber auch aktiver Widerstand. In Wahrheit lebt die Stadt auch ganz gut vom Tourismus, das ist ganz ähnlich wie hier, denke ich. Und der Artikel istvielleicht das beste, was ich bisher zu diesem Thema aufschnappte: Respekt für euren provinnsblog 😉

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