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Die Stadt als Blog – Anpruggen, Teil 1

Mariahilf und St. Nikolaus sind ebenso schöne wie touristisch noch wenig überfüllte Stadtteile voll internationalem Flair – und, wie sich im Zuge des provinnsbruck-Projekts „Die Stadt als Blog“ gezeigt hat, auch äußerst aktive und lebendige Orte des Zusammenlebens und Kommunizierens, so aktiv, dass wir gar nicht alle Meinungen und Themen, die wir dort gesammelt haben, in einem Beitrag zusammenfassen können.

 

Beim Stadtteilfest Anpruggen, bei dem Mariahilf und St. Nikolaus richtig aufgeblüht sind, waren wir gemeinsam unterwegs, haben unsere Boxen in Geschäftslokalen breit gestreut, einen Film gemacht, Situationen beobachtet und mit Menschen gesprochen.

 

Ein Festbesucher teilte provinnsbruck mit, dass es öfter so sein sollte wie an diesem Wochenende mit dem Heart of Noise-Festival und dem Stadtteilfest, ein Wunsch, den auch viele andere Leute an diesem Tag teilten.

 

Sehr früh am Fest trafen wir auf den grünen Gemeinderat Mesut Onay, der uns seine persönliche Vorstellung von einer funktionierenden Demokratie in Innsbruck näher erläuterte:

„Demokratie ist nicht, dass man alle sechs Jahre einmal wählen geht. Den Grad der Demokratie erkennt man dadurch, wie oft man in der sechsjährigen Periode nach der Wahl gefragt wurde und mitentscheiden durfte.“ Wir sind jetzt schon gespannt, was Mesut Onay in sechs Jahren dazu berichten wird. Themen, über die er auf provinnsbruck gerne lesen würde, sind Kunst und Kultur im öffentlichen Raum, insbesondere in der Innenstadt, sowie einen Beitrag zu den Betriebskostenabrechnungen durch gestiegene Ölpreise und hohe Mieten. Jemand anders, der aber anonym bleiben wollte, formulierte einfach und direkt: „Innsbruck ist sauteuer, das Lohnniveau ist nieder“. Dass viele Menschen dies in ihren Brieftaschen zu spüren bekommen, merkten wir in Gesprächen vor allem daran, dass provinnsbruck mehr Berichte über soziale Missstände vorgeschlagen wurden.

 

Während wir durch die Stadtteile bummelten, beobachteten wir auch Situationen, die vielleicht etwas über das Zusammenleben in Innsbruck aussagen können. An einer Straßenecke saßen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen, direkt neben einem Stand mit türkischen Spezialitäten, die übrigens hervorragend geschmeckt haben und preislich ungewöhnlich fair waren. Ein Mann sagte in einem ausgeprägten Akzent: „Wir sind alle gleich. Es gibt nur einen.“ Dabei zeigte er lachend nach oben – im Rahmen des Stadtteilfests eine verbindende Geste.

 

In unseren weiteren Gesprächen mit Innsbruckerinnen und Innsbruckern ging es wesentlich profaner, aber nicht weniger wichtig, zur Sache. Ein ganz irdisches Thema, das mehrere Leute beschäftigte, war die Situation der Radfahrerinnen und Radfahrer in Innsbruck, verbunden mit der Frage, wie es möglich ist, Autofahrerinnen und Autofahrer aufs Rad zu bekommen. Stephan Huter, Arzt und Innsbrucker seit 40 Jahren, forderte eine Anpassung der „Breite der Radwege verkehrsproportional zum derzeitigen Bedarf.“ Ein anderes Thema, das Stephan Huter anschnitt, war das immer noch relativ neue Innsbruck-Logo. Seine Meinung dazu buchstabierte er uns ganz genau: „Apost’roph ist Katast’roph“, eine Ansicht mit er ganz sicher nicht alleine dasteht.

 

Weil auch das provinnsbruck-Team sich zwischen zahlreichen Gesprächen stärken musste, setzten sich einige von uns auf eine der zahlreichen Bierbänke vor der kulinarischen Meile in St. Nikolaus. Als sich vor uns am Tisch einige Bierdosen angesammelt hatten, kam ein Kellner aus einem der benachbarten Lokale, um diese abzuräumen. Um möglichst viele gleichzeitig tragen zu können, steckte er seine Finger in die Öffnungen der Dosen. Im urigsten Akzent kommentierte er seine Arbeit: „Da steck i an Finger eini, normalerweis aber woanders.“ Wir fragten nicht weiter nach.

 

Am selben Tisch schlug ein Gast, der seinen Namen nicht verraten wollte, für provinnsbruck das Thema „Sexismus im Gastgewerbe aus der Sicht der Angestellten“ vor. Derselbe Gast überlegte auch, wie es mit der Burnout-Problematik in Innsbruck aussieht, ob es etwa gleich sei wie in anderen Städten oder vermehrt auftrete. Er verwies dabei etwa auf die Golden Roof Challenge, die er in der Altstadt im Vorbeigehen beobachtet hatte: „Als ich vorbeigegangen bin, habe ich mir gedacht, das ist ja brutal, wohnen möchte ich hier nicht.“

 

Die Innsbruckerinnen und Innsbrucker nannten uns an diesem Tag noch zahlreiche andere Themen und Dinge, über die sie gerne auf provinnsbruck etwas lesen möchten: den lokalen Straßenstrich, Kurzgeschichten und Gedichte zur Stadt, Warum kommen Touristinnen und Touristen nach Innsbruck?, Graffiti und Street Art, Was gibt es alles im Alpenzoo?, Porträts von Menschen quer durch alle Schichten.

 

Einige provinnsbrucker_innen beschlossen den Abend in einem kroatischen Lokal, in dem gefeiert, gesungen und fröhlich getrunken wurde. Wir erfuhren dabei, dass es in Innsbruck eine vernetzte kroatische Community gibt – worauf wir mit einem Karlovačko anstießen. Wir bedanken uns auch für den guten Schnaps auf Kosten des Hauses!

 

Wie viele weitere Themen die Mariahilfer_innen beschäftigten, konnten wir sehen, als wir die provinnsbruck-Boxen wieder eingesammelt haben. Ganz besonders voll war die Box, die wir im integrativen Atelier kunst&drüber aufstellen durften. Die Auswertung dieser Box werden wir euch ein anderes Mal präsentieren. Wir bedanken uns aber jetzt schon herzlich bei den Frauen von kunst&drüber, die mit den Boxen für uns aktiv auf der Straße waren!

Martin Varano

One Comment

  1. Ja das war ein schönes Fest! Hatte an dem Tag das Gefühl, Teil einer wirklich urbanen Stadt zu sein. Ich hoffe, dass sich die BewohnerInnen der anderen Stadtteile was davon abschauen werden und provInnsbruck auch weiterhin berichten wird. Spannende Sache!

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