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Vor den Armen auf der Straße

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Letztes Wochenende fand in der KULTURBÄCKEREI ein Symposion zum Thema „Bettelverbote“ statt. Organisiert wurde es von der Bettellobby Tirol und der Initiative Minderheiten.

Dabei gab es interessante Vorträge, die über die Zusammenhänge des Straßenbettelns und  der wirtschaftspolitischen Entwicklungen nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der Globalisierung und des Turbokapitalismus in den ehemaligen kommunistischen Ländern aufklärten. Ebenso wurde über die Sinnlosigkeit der Bettelverbote lange und breit und auch sehr emotional diskutiert. Diese konnten ja nicht zuletzt aufgrund von menschenrechlichten Erwägungen immer wieder erfolgreich von den oben genannten Initiativen bekämpft und aufgehoben werden.

Sozialarbeiter/innen berichteten von ihren Erfahrungen mit den Betroffenen, die für uns ja meistens kein Gesicht haben, und denen wir zum Teil mit Scheu und Ablehnung begegnen. Ein Umstand, der uns allen zu denken geben sollte und mich zu dem weiter unten stehenden Kurzprosatext inspirierte.

Nicht zuletzt der Film Natasha von Ulli Gladik, der die Veranstaltung am vergangenen Samstag abschloss,  fand ich sehr gelungen, eben weil er sehr gut und sehr sensibel einige Menschen aus Osteuropa, die sich in Graz mit Betteln verdingen oder besser, verdingen müssen, weil sie sonst einfach keine Überlebenschance hätten, porträtiert und diesen Menschen ein Gesicht und eine Geschichte gibt.

Vor den Armen auf der Straße

Vor den Armen auf der Straße haben wir Angst und fürchten uns, sagen einige. Vielleicht weil es so nicht ist wie es ist. Oder es wieder so werden könnte, wie es schon einmal war. Vielleicht schon die Vorwegnahme des Unaussprechlichen. Der magische Drehmoment der Aufmerksamkeit, sich dem Bettler, der Bettlerin zuzuwenden oder diskret zur Seite zu blicken: Wer von beiden ist stärker?

 Er oder sie hält die Hand mit der Innenfläche nach oben, oder auch die beider Hände. Wie eine Schale eben. Oder der oder die Bettler/in liegt am Boden wie ein Kreuz, oder kniet. In gebückter Haltung sind sie allemal. Kaum einer, der steht, und wenn er steht, dann krumm. Sie sagen nichts. Sie schweigen. Oder sie sprechen kurze Sätze in fremden Sprachen. Die wir nicht kennen.

 Während wir, gute Gesellen der Konsumindustrie, oft keine Hand frei haben, mit der wir vielleicht geben könnten, wenn wir denn möchten. Weil wir unsere Päckchen tragen, und unsere Taschen und Täschchen. Irgendetwas trägt man immer. So gehen wir vorbei wie vor bissigen Hunden, machen zarte Bögen. Höchstens mal dass ein müder Cent oder Euro bei einem Stück gespielter Musik aus unserem Portemonnaie in ihre bereitgelegten Hüte hüpft. Vielleicht wie ein kleines befreites Tierchen.

Der Mensch in seiner Fülle denkt sich einen Betrug herbei, damit er nicht geben muss, oder soll. Der Bettler als Hülle der Menschlichkeit, nicht mehr. Und fühlt doch alles mit jeder Zelle seines Körpers.

 Während unsere Liebe wie ein Finger in die Leere einer Vagina greift. Oder unsere Hand im Vorübergehen den zarten Rücken einer Frau streift, ohne das sie es vielleicht merkt.

Der Bettler aber schweigt und zählt die Münzen (nicht). Ist er ein Rom? Ist er etwas anderes? Kündet keine Tafel von seiner Herkunft, keine von seinem Fortkommen? Bleibt sitzen, oder liegen, schweigt die Minuten, die Stunden wie im Takt. Wie weiter und wie überhaupt?

Ein Mensch wie ein Tropfen. Langsam und stetig füllt er das Gefäß unseres Durstes nach Gabe und Bestätigung. Wir ziehen weiter. Die Gelegenheit macht uns glücklich und die schönsten Fragen schreibt uns der Wind. Die Antworten behält er aber für sich.

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Helmut Schiestl

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