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Verwunschen, verflochten, vermeintlich…

Seit einiger Zeit empfinde ich, wie so mancher es auch in seiner Vergangenheit vermochte, immer wieder eine gewisse Atemnot, besonders am Wochenende in der vermeintlich zurecht gestutzten Hauptstadt unseres heiligen Landes Tirol.

 

Es trug sich schon so einiges zu, als ich heute Nacht, und es war wieder einmal einer dieser Freitage, mit einem alten Freund durch die Stadt spazierte. Wir saßen gegen Null Uhr, oder war es schon Samstag? – am Domplatz auf den Stufen, als eine Gruppe Jugendlicher auf uns zu kam und meinte, wir sollten/dürften nicht hier sitzen und schon gar nicht fertig essen, was auch immer da verzehrt wurde… Ich riet uns beiden also in diesem Moment dringend davon ab, irgendwelchen Rufen einer vermeintlich co-existenziellenProvokation nachzugehen. Provokation als Mittel zur Selbstdarstellung?! – wie dem auch sei.

 

Die Jungen traten aus irgend einer Trotzreaktion nicht nur einige auf einer Bank stehenden Biergläser um, oder beschimpften auf´s Übelste vorbeischlendernde Mädchen, sondern legten sich prinzipiell mit jedem an, der ihnen in irgend einer Art und Weise in den Weg trat. Da fragte ich mich zum ersten Mal, das Geschehen noch immer von den Treppen davor beobachtend, wofür, weshalb, warum…(?) ! Nun ist es schon einige Zeit her, als ich persönlich zum letzten Mal ein Gefühl des "freien" Daseins und Miteinanderseins Abends beim Ausgehen hatte. Das vermag auch einiger individueller Tatsachen zugrunde liegen, dennoch bin ich überzeugt, etwas habe sich verändert! Konnten wir nicht alle in vergangener Zeit, unlängst, miteinander, ohne irgendeine Art von Wut kompensieren zu müssen, in den alten und neuen Straßen der Innenstadt sitzen, um uns bis in die frühen Morgenstunden zu verreden?

 

Warum ergibt sich ein Trend, alles zerstören zu müssen, auf dem nach Hauseweg, seien es ausgerissene Thujen, zerschlagene Gläser, sodass sich der Hund vom lieben fremden Nachbarn auch ja die Pfote zerschneidet, oder einfach nur ein laut abklingender Schrei jenseits der paar Promillegrenze diverser Nachtlokalbegünstiger…? Müssen wir uns im weiten Land oder auf der ganzen Welt auch anschreien, um gehört zu werden, um sicher zu gehen, dass unser Gegenüber auch ja gehört, verstanden hat, was eben zu sagen war, oder geschieht das nur im Hinterland, der Bergstadt, in welcher wir nun leben? Kann es sein, dass ich einfach und allein, einzig, nicht mehr damit klar kommen kann, was ich sehe, dass dieses Geschehen normal ist ? …- das wollte ich eigentlich nur wissen…

Ich verstehe schon, dass die eine oder andere Veränderung passieren musste, auch in der goldnen Hauptstraße, wie sie sich jetzt nennt, oder hie und da ein Denkmal gesetzt werden muss, vermeintlich oder nicht, ein "Flashmob" organisiert wird, wobei sich laut Facebook schon tausend oder mehr Bürger dieser Betroffenheit solidarisieren…- aber ist das ein Grund, mehr oder weniger, sich selbst nicht wiedererkennen zu müssen?

 

Sogar die Insel der vermeintlich Weltoffenen, eine Alternative zu alldem anderen, was hier geboten wird, enttäuscht bei dem Versuch, Unterschlupf zu finden, indem man(n) bei der Türe gesagt bekommt, man sei aus "weltanschaulichen Gründen" hier nicht erwünscht. Man habe soeben bemerkt, auch wüsste man, hier niemanden von den Angesprochenen jemals zuvor gesehen zu haben, dass es "so einfach nicht gehe" und wir am besten wieder dahin gehen sollten, wo wir herkämen. Warum wird ein Rollstuhlfahrer, namentlich aus dem Bogenlokal "Project", verwiesen, ohne das auch nur 10 Menschen die Bar dort aufgesucht hätten?

 

Warum warum warum…
 

 

Autor: Nicolas Kadhmaér

Nicolas Sattler

5 Comments

  1. bin ja ganz und gar deiner meinung, dass dieses verhalten ein sehr unschönes ist- ein neu auftretendes phänomen ist aggressives gruppenverhalten in der öffentlichkeit jedoch sicher nicht.

    du beschreibst äußerst bedeutungsschwanger eine feststellung, die banaler nicht sein könnte: nämlich, dass es menschen mit sinnlos destruktiven verhaltenszügen gibt und fragst verständnislos nach dem grund… ich bin kein psychologe, aber finde, das wissen wir doch eigentlich alle…. mangel an fürsorge, zuneigung, zärtlichkeit, elterliche liebe in der kindheit, frustrierende schulzeit, frustrierender arbeitsplatz, gewalterfahrung in der kindheit, fehlende anerkennug in familie und/oder freundeskreis, an individueller entfaltung gehindert, schwierigkeiten mit multioptionalen zukunftsgestaltungsmöglichkeiten, ausbildungsdruck, mangelndes angebot sinnstiftender hobbys,….. vielleicht spielen aber faktoren, die früher nicht existierten, eine gewichtige rolle… z.b.: gewaltverherrlichende pc-und konsolenspiele, gewaltbeladene pornographie und generell der praktisch unbeschränkte zugang zu gewalt mittels multimedia. zudem fällt es vielleicht im jahr 2011 ohnehin schwerer an etwas in der welt zu glauben, als es das so von 1950 bis 1990 tat- aber das ist nun reine mutmaßung..

  2.  Mir geht es nicht um Banalitäten, Hans. Ich wollte den Lesern lediglich vor Augen führen und dabei festhalten, was ab und an, immer wieder vergessen, am Rande dieser "Idylle" geschieht, ohne aber,  dass ein weiteres Wort darüber am nächsten Tag verloren werden würde. Ich finde es nur schade, dass der Zusammenhalt, wie ich ihn – und ja, das ist eine sehr persönliche Erfahrung, dennoch aber erfahren durfte, noch vor ein paar Jahren, als die Bögen für jedermann zugänglich waren und man in der Innenstadt sitzen durfte, wo man wollte, deutlich spürbar war, im Gegensatz zu heute. Mir wird immer öfter sehr bewusst, dass die eine oder andere Kindheit, Jugend all inklusive (…) – und oder das Leben später nicht einfach zu sein scheint. Ich sehe, was ich sehe, und der Herr an der Haltestelle Museumstrasse, jeden Mo – Fr von 09.00 – 17.00 Uhr, sieht alles andere als glücklich aus, mit dem Aktentäschlein und seiner ohnehin schon resignierenden Haltung… und ich verstehe ihn, wenn er am Wochenende die Sau rauslassen will. Ich glaub das ist überall woanders auch so. Nur, muss das in dem Ausmaße sein? Sind wir schon, wie von Brecht in seinem Theater nur allzu gut beschrieben, zur völligen Einsamkeit abgestumpft, die nichts als den eigenen Vorteil behält ?! Mir kommt es so vor, als ob sich die Menschen hier langsam aber doch stetig immer weiter verschließen, selbst ausgrenzen, sich die Möglichkeit neues zu entdecken nehmen. Wie auch anders könnte es sein, dass es mit nur mehr auf einer Hand abzuzählende Lokale gibt und der Rest sich dem sich offensichtlich abfärbendem Spiegel unserer selbst anpasst. Wie gesagt, die einen meinen, meide, wie feige, dem Mann im Rollstuhl, warum auch immer, ohne Grund – das sei hinterfragt! – den ein-Tritt zu verwehren! Die anderen sind wohl schon gut geformt, vom jährlichen Geschäft, taub, ohne Danke, ob Central oder DeCentral, man weise streng mit runzelnder Stirn oder eben erweiterten Pupillen auf die andere Straßenseite… Auf dieses Warum, gibt´s wohl keine Antwort – nur Beifall, Zuspruch oder die Faust ins Gesicht.

    Kadhmaér

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      Du schreibst, dass ein Rollstuhlfahrer aus einem Lokal in der Bogenmaile ohne Begründung rausgeworfen wurde. Das finde ich einen Skandal und dürfte meines Wissens auch rechtlich ein Problem für den Wirtin oder die Wirtin sein. Schließlich ist das eine Diskriminierung, genau so wie wenn ein Afrikaner oder ein Chinese wegen seiner Hautfarbe aus einem Lokal gewiesen wird. Kommt zwar immer wieder mal vor. Auch mir und einem Freund von mir ist das vor annähernd zwanzig Jahren mal in Innsbruck in einem Lokal passiert. Wir haben dann die Medien (ORF) verständigt und die haben dann auch gleich einen Bericht darüber gebracht. Das sollte man einfach nicht so hinnehmen.

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