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Chris Moser: M. E. – Aufzeichnungen eines Unbeugsamen

Als ich Chris Moser vor einigen Jahren kennengelernt habe, begannen wir fast augenblicklich miteinander zu streiten. Wobei unser "Streit" keinerlei Aggressivität, sondern eine geistig überaus anregende Auseinandersetzung bezeichnet. Eine dieser Auseinandersetzungen, die eigentlich bis heute andauert, betrifft die Bezeichnung "Hühner-KZs". Ist ein solcher Begriff angesichts unermesslichen Tierleids angebracht – oder eine unzulässige Verharmlosung der millionenfachen Morde durch die Nazis?

Wahrscheinlich werden Chris und ich uns nie darüber einig, aber uns sind unsere Ansichten (die eigene und die des jeweils anderen) einfach zu wichtig, um einfach darüber hinwegzugehen. Dass Chris Moser ein hochpoliitischer Mensch ist, wissen auch viele, die ihn nicht persönlich kennen: Als Tierrechtsaktivist saß er zusammen mit seinen MitstreiterInnen mehrere Monate in Untersuchungshaft.

[video:http://youtu.be/36H32CTgIwk]

Der darauffolgende Prozess – über den inzwischen ein Film und mehrere Bücher (auch von Moser selbst) erschienen sind – verschaffte dem Aktivisten überregionale Bekanntheit. Ein schwacher Trost, wenn man monatelang von der Familie getrennt, inhaftiert und sogar terroristischer Umtriebe bezichtigt wird. 

Chris Moser ist aber nicht nur ein unbeugsamer politischer Kopf, sondern auch bildender Künstler und Autor. Vor allem seine Radikalkunst verbindet politische Botschaften mit Kunstschaffen von hoher Könnerschaft: Kunst soll nach Mosers Ansicht nicht unterhalten, belustigen oder gar ablenken – sondern verstören, aufrütteln und zum Nachdenken anregen. 

Über eine so starke und facettenreiche Persönlichkeit wie Chris Moser lässt sich noch vieles sagen bzw. schreiben, was aber immer die Gefahr des Verklärens oder Missverstehens in sich birgt. Umso besser, dass er nun in "M. E." – die Abkürzung steht für "Meines Erachtens", kann aber auch englisch als "me" gelesen werden – seine Ansichten selbst zu Papier bringt.

Mosers Buch schildert seine persönlichen Überzeugungen und seinen bisherigen Lebensweg, ohne je in egozentrische Nabelschau oder gar Selbstbeweihräucherung zu verfallen. Er begreift die eigene Person in ihren politischen und gesellschaftlichen  Zusammenhängen und wird niemals missionarisch, sondern aufklärerisch im besten Wortsinn. "M. E." verbindet seine persönlichen Erlebnisse, seine Auffassungen von Politik und Kunst mit ebenso kenntnisreich wie flott geschriebenen Darlegungen über Kunstgeschichte, Philosophie und politische Subversion.

"M. E." ist ein radikales  Buch und eine überaus lohnenswerte Lektüre für alle, die sich mit den herrschenden Verhältnissen nicht einfach so zufrieden geben und nach Denkanstössen und möglichen Alternativen suchen. Vortrefflicher Lesestoff – nicht nur für Querköpfe und Streithähne (und -Hendln), sondern für alle, die Bestehendes nicht nur einfach so hinnehmen. 

Chris Moser
M. E.
Kyrene Verlag, 2013

Andreas Wiesinger

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