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Sonderschule: Gute Alternative oder schlechte Gewohnheit?

Obwohl der Schultyp nachweislich zur Aussonderung, Entfremdung und Benachteiligung von Kindern beiträgt, wird das System Sonderschule seit Jahren kontrovers diskutiert.

 

Dass junge Menschen auch in unzeitgemäßen Schulmodellen auf Wohlwollen stoßen können, steht außer Frage. Ob sie der Besuch einer defizitorientierten Bildungseinrichtung wirklich  weiterbringt, aber nicht. 

Vortrag und Diskussion: Donnerstag, 08. März 2012, 18.30 Uhr, ÖGB (Sitzungssaal)

KEINE HALBEN SACHEN!

Es referieren, hinterfragen und diskutieren:


Dr.in  Sabine Abram
: Psychologin, Psychotherapeutin, Direktorin des Psychologischen Dienstes Bozen

Mag. Bernhard Schmid: Generalsekretär der Lebenshilfe Wien und Präsidiumsmitglied der Lebenshilfe Österreich

Wolfgang Begus: betroffener Vater und Obmann von Integration-Tirol

 

Die Veranstaltung wird von Bildungslandesrätin Dr.in Beate Palfrader eröffnet – die Moderation übernimmt Mag.a Ulli Schindl-Helldrich. 

Veranstaltungsort:

Sitzungssaal des ÖGB (barrierefrei!)
Südtiroler Platz 14 – 16
7. Stock
6020 Innsbruck

 

Weitere Informationen:


http://www.integration-tirol.at/
http://tirol.orf.at/news/stories/2521837/

Isabella Krainer

9 Comments

  1.  obwohl ich mich sehr für bildungspolitische aspekte interessiere, bin ich mir in dieser frage nicht so sicher. natürlich ist es wünschenswert, wenn die kinder mit speziellen bedürfnissen auch in gemeinsamen schulen unterrichtet werden. aber gilt das ausnahmslos für alle kinder? oder gibt es eben doch einige, für die eine spezielle, ja "geschützte" atmosphäre zuträglicher ist? und zum ersten satz "Obwohl der Schultyp nachweislich zur Aussonderung, Entfremdung und Benachteiligung von Kindern beiträgt" – das ist sorry einfach nur polemisch und ungerecht. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern eben unterschiedliche pädagogische konzepte.

    • hallo anna,

      sämtliche untersuchungen und langzeitstudien der letzten jahrzehnte belgen klar, dass es keiner polemik bedarf um festzustellen, dass menschenrechte nicht teilbar sein können/dürfen…  gerade menschen mit dem etikett "schwere behinderung" und "mehrfachbehinderung" profitieren am meisten von gutem, inklusiven unterricht. neben einem signifikanten anstieg an "freude am schulbesuch" erreichen gerade diese kinder ein wesentlich höheres niveau an kommunikationsfähigkeit und wunsch nach kommunikation, lernen auch messbar als in sondereinrichtungen und sogar ihr gesundheitszustnad ist signifikant besser als eben bei kindern in ausgesonderten "schonräumen"…  (PALS-studie)

       

      die neueste studie aus der schweiz belegt diese erkenntnis und kommt zum schluss:
      Die Bildungspolitische Schlußfolgerung aus unseren Forschungsergebnissen liegt unseres Erachtens eindeutig auf der Hand: Die Integration der bisher als "lernbehindert" diagnostizierten Kinder und Jugendlichen in die Regelklassen und damit die Abschaffung der Sonderklassen für Lernbehinderte ist unter dem Aspekt der Chancengleichheit unumgänglich.

      ….

  2. Die Formulierung "nachweislich zur Aussonderung, Entfremdung und Benachteiligung beiträgt" finde ich ebenfalls völlig indiskutabel. Im Vergleich zu früheren Zeiten ist die heutige Sonderschule, wie ich am Beispiel Imst selbst feststellen durfte, äußerst fortschrittlich und vorallem an der individuellen Förderung der Schüler orientiert. Dass viele Kinder besser integriert werden sollten und in der Sonderschule nicht bestmöglich gefördert werden, steht meiner Ansicht nach außer Frage. Doch darf man nicht vergessen, dass unser Schulsystem allgemein an einer Norm orientiert ist, die Kinder mit schweren körperlichen Defiziten wesentlich mehr isoliert und diskriminiert als sie integriert. Bei einer Schülerzahl über 20 ist das auch kein Wunder. Sonderschulklassen für Schüler mit erhöhtem Förderbedarf sind dagegen so ausgerichtet, dass auch Zeit bleibt, den Kindern essen zu geben, sie zu wickeln und ihnen andere notwendige Förderungen zukommen zu lassen. Alle Kinder über einen Kamm zu scheren und alle Kinder ohne Achtung auf ihre Bedürfnisse integrieren zu wollen, ist dagegen eine Missachtung der Unterschiede und für die Kinder mehr Schikane als Förderung. Ich empfehle wirklich jedem, sich die Sonderschule Imst von innen anzusehen und sich dann zu überlegen, ob ein Kind mit schweren körperlichen Defiziten nicht doch dort mit mehr Liebe und Fürsorge betreut wird als in unserem eh schon völlig überforderten Gleichschaltungssystem von "Normalschule".

  3. Keine halben Sachen!           

     

    Vor nun beinahe schon 20 Jahren wurde in der Salamanca-Erklärung (UNESCO) verankert, „dass Schulen alle Kinder, unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten aufnehmen sollen. Das soll behinderte und begabte Kinder einschließen, Kinder von entlegenen oder nomadischen Völkern, von sprachlichen, kulturellen oder ethnischen Minoritäten sowie Kinder von anders benachteiligten Randgruppen oder –gebieten.“

     

    Und auch auf die Gefahr hin, wieder polemisch zu wirken, halte ich in diesem Kontext höchstens die Tatsache für indiskutabel, dass damals ausschließlich Vertreter_innen deutschsprachiger Länder auf die Existenzsicherung des Systems Sonderschule drängten. Doch weiter im Text.

    Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen stellt ein internationales Übereinkommen dar, in dem sich die Vertragsstaaten dazu verpflichten, „die  Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten“. Durch den Beitritt und die Ratifizierung im Jahr 2008 verpflichtet sich Österreich unter anderem dazu, das Recht auf Bildung von Menschen mit Behinderung anzuerkennen.

    Artikel 24 – Bildung:

    1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel,

    a) die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken;

    b) Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen;

    c) Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen.

     

    Der österreichische Monitoring-Ausschuss, dessen unabhängige Mitglieder die Einhaltung der Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen durch die öffentliche Verwaltung im Bundesbereich überwachen,  erklärte die Sonderschulen im Jahr 2010 für „menschenrechtswidrig“ und forderte eine „tiefgreifende Strukturreform des österreichischen Bildungswesens“, die das Ziel verfolgen muss, „die Segregation und Exklusion von Menschen mit Behinderung zu beenden“.

    Das die Forderung nach Nichtaussonderung nach wie vor heftig und zum Teil emotional diskutiert wird, liegt meiner Meinung nicht zuletzt auch daran, welche Möglichkeiten und Beschränkungen dem eigenen Gegenüber zuerkannt werden.

    Nachweise:

    http://bidok.uibk.ac.at/library/beh1-03-feyerer-bildungsprozesse.html#id2983336

    http://www.inclusion.cc/wiki/%C3%9Cbereinkommen_%C3%BCber_die_Rechte_von_Menschen_mit_Behinderungen/Artikel_24_-_Bildung
    http://www.monitoringausschuss.at/
    http://derstandard.at/1276413751830/Monitoring-Ausschuss-fordert-Ende-der-Sonderschulen
    http://bidok.uibk.ac.at/library/beh1-03-feyerer-bildungsprozesse.html#id2983336
    http://www.bizeps.or.at/news.php?nr=11247
     

  4. In der besten aller Bildungswelten sind Sonderschulen sicher nicht mehr adäquat. In einem System, das die unterschiedlichen Lerntempi und Interessen der Schüler bestmöglich berücksichtigt und in dem Leistung durch Möglichkeit definiert wird, braucht es auch keine Integration mehr. Wir haben aber in Österreich beileibe nicht das beste aller Schulsysteme, sondern immer noch eines, in dem durch Frontalunterricht ein normiertes Bildungsniveau erzwungen werden soll und wehe dem, der das nicht erreicht. Und oftmals stehen hinter dem Lehrerpult noch dazu völlig überforderte, wütende und ängstliche Pädagogen, die den Kindern ihren Schulranzen noch schwerer machen. Vielleicht könnte man die Sonderschule ja, statt sie als eine Möglichkeit unter mehreren zu elimieren, stattdessen fördern und ihr den negativen Beigeschmack nehmen. Der Sonderschule Imst ist dieser Schritt zu einer reformpädagogischen Schule zum Beispiel gut gelungen.

  5. Es ist nichts, aber auch gar nichts, polemisch daran, bezüglich der Sonderschule zu sagen, dass "der Schultyp nachweislich zur Aussonderung, Entfremdung und Benachteiligung von Kindern beiträgt". Wer jemals mit SonderschülerInnen nach ihrem Schulabschluss zusammengearbeitet und sie in ihrer Lebensplanung begleitet hat, kann nur schwer zu einem anderen Ergebnis kommen. Die Optionen für eine freie Lebensgestaltung werden durch das System Sonderschule radikal eingebremst, die Möglichkeiten von SonderschülerInnen, an gesellschaftlichen Prozessen – etwa einem erfüllenden Berufsleben – voll teilzunehmen durch die vorherige Separation drastisch eingeschränkt. Auch lernen Kinder am schnellsten und besten gemeinsam und nicht getrennt voneinander. Allein die Gründe, warum ein Kind in eine Sonderschule "abgeschoben wird, schockieren. Beispielsweise finden sich neben Kindern und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten auch Mobbingopfer plötzlich in einer Sonderschule wieder. Wenn ich dann in öffentlichen Diskussionsveranstaltungen noch hören muss, wie eine Sonderschullehrerin das System dadurch rechtfertigt, dass die Kinder dann wenigstens an einem Ort sind, wo man sie lieb hat, wird mir wirklich ganz anders – als ob Liebhaben eine Kategorie für das Recht auf Bildung wäre. Wenn die Verantwortlichen für das Schulsystem, die staatlichen Einrichtungen und schlussendlich auch die VertreterInnen der LehrerInnengewerkschaft endlich gemeinsam den Willen aufbringen könnten, Bildung für alle gleich zugänglich zu machen, könnte sich vieles ändern. Aus meiner Sicht ist das System Sonderschule ein Unrecht, das Menschen vielleicht nicht systematisch, aber zumindest gestützt durch das System in ihrer freien Entfaltung und Entwicklung behindert.

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