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Innsbruck spricht VIELFALT

 Ein „normaler“ Freitag in Innsbruck. Ich fahre mit dem Bus in die Arbeit, doch habe kein Buch dabei, also beobachte ich Menschen. Ich nehme ein Gewirr aus Stimmen wahr. Frauen Hötting reden im schönsten Dialektsud über die Markthalle, ein Mann beschwert sich über die Buspreise und auch viele andere Wörter aus bekannten und unbekannten Sprachen kommen an mein Ohr.

Da ist African English, Türkisch, Kurdisch, Arabisch, Französisch, Japanisch und noch viele mehr. Und nein, ich bin in keinem Touristenbus. Die Menschen in Innsbruck sind es, die eine solche Sprachvielfalt leben. Einige drehen sich nach den fremden Wörtern um und beäugen die SprecherInnen. Mehrere Sprachen zu sprechen ist nichts Negatives, doch verkommt Mehrsprachigkeit zusehends zu einem Politikum. Leider haben die meisten PolitikerInnen wenig Ahnung von dieser Materie.

Momentan sind viele Diskurse über Sprachdidaktik verbreitet, vor allem, wenn es darum geht MigrantInnen oder deren Kinder die deutsche Sprache beizubringen. Die Ideen sind separieren und eigene Klassen zu bilden (siehe „Türkenklassen) auf politischer rechter Seite und zu integrieren auf politisch linker Seite. Vom wissenschaftlichen Standpunkt her, ist die Integration das sehr viel wichtigere.

Ansonsten gehen Sprachlernende sprichwörtlich in der Materie unter und dann kommt es zu den schlechten Kenntnissen, die größtenteils als Vorurteil in unserem Kopf herumgeistern. „Du nix deutsch“, hört man dann, wenn ein Migrant in einem Akzent spricht oder Grammatikfehler macht.

Nehmen wir uns aber mal selbst bei der Nase: Sprechen Sie oder sprecht ihr alle euer Schulfranzösisch, Schulenglisch oder Schulspanisch akzentfrei und ohne Grammatikfehler? Das wohl eher kaum.

Innsbruck ist vielleicht nur eine Provinzhauptstadt. Mehrsprachigkeit jedoch ist in Innsbruck Lebensrealität. Zudem ist es etwas Großartiges, mehrsprachig zu sein. Schon in den 60ern wurde durch die Peal&Lambertstudie zweisprachigen Kindern eine höhere kognitive Flexibilität attestiert und weitere Studien in den vergangen 50 Jahren bestätigen ein positives Bild für Mehrsprachigkeit, das leider in der Bevölkerung nicht Einzug fand.

Mehr Toleranz für dieses Phänomen, das nicht mal ein Phänomen ist, wäre wünschenswert. Und mehr Toleranz für jene Sprachen, die in unserer Gesellschaft als niedrig und wenig wichtig angesehen werden, wie Türkisch oder Kurdisch, Mehrsprachigkeit ist ein Geschenk. Schon Goethe sagte: “Wieviele Sprachen du sprichst, sooftmal bist du Mensch.”

Autor: Thomas-Florian Van Hörl

Foto von  Michaela Krunic


2 Comments

  1. Genau dieser Artikel trifft mich mitten ins Gemüt. Wie sind wir doch stolz, dass unsere Kinder in der Schule Englisch lernen, inder AHS eine dritte Sprache, meistens noch mit Nachhilfestunden.Was haben wir doch alle für Genies zuhause. Und dann kommen die „Ausländerkinder“ und sprechen auch fremde Sprachen und unser heißgeliebtes Deutsch. Super nicht? Kann es sein, dass diese Wichteln genau so gescheit sind wie unsere Kinder? Auch die Erwachsenen, zumindest die Frauen, mit welchen ich in Kontakt war, bemühen sich sehr. Ich muss gestehen, als ich versuchte in einem fortgeschrittenen Alter Französisch zu lernen, kam ich ganz schnell an meine Grenzen. aber diese Frauen bekommen es hin, wenn nicht in eindeutig grammatikalischer Form, aber jeder vesteht sie. Nun, Frauen in unserer Stadt, lernt doch auch eine neue Sprache, dann könnt ihr auch beweisen.

  2. Im durchaus lesenswertem Artikel steht: „Nehmen wir uns aber mal selbst bei der Nase: Sprechen Sie oder sprecht ihr alle euer Schulfranzösisch, Schulenglisch oder Schulspanisch akzentfrei und ohne Grammatikfehler? Das wohl eher kaum“
    und da fehlt der zweite Teil dieser Betrachtungen: in Frankreich, Spanien und England ist es durchaus empfehlenswert, diese Sprachen akzentfrei und auch im dort üblichen Sprechtempo zu sprechen.
    Viel Sprachen kenn und noch besser können ist sicherlich ein Bereicherung, aber würde man die Sprache als Geld sehen, dann ist die umläufige Münze noch immer das beste Zahlungsmittel.
    Soweitl eine Relativierung,
    noch einen schönen Tag, wünsch ich!

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