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Im westEN nichts Neues?

Go west – mit diesem ebenso einfachen, knackigen und popkulturell altbekannten Slogan wirbt die Homepage des neuen Einkaufszentrums west in der Höttinger Au. Und weil von Innsbruck aus mittlerweile schon alle Wege, wenn schon nicht nach Rom, dann zumindest in irgendein Einkaufzentrum in irgendeiner Himmelsrichtung führen – warum das gute Teil nicht einfach mal besuchen? Gesagt, getan – und wenig beeindruckt. Was sich auf der Website des neuen KonsumentInnen-Treffpunkts vielleicht noch angenehm unprätentiös  präsentiert, ist bei einem Besuch vor Ort, vorsichtig ausgedrückt, schon etwas langweilig. Nicht weil es dort nichts gäbe, sondern weil es das gleiche gibt wie überall. Zugegeben, als neue Nahversorgungsmöglichkeit und als Arbeitsplatzlieferant spricht nichts gegen west. Aber wenn wir schon ständig dazu angehalten werden zu kaufen, unsere Egos mit dem Glanz von Konsumprodukten aufzupeppen und unsere Identitäten ständig neu zu erwerben, dann muss schon etwas mehr dran sein. Dem west fehlt, simpel gesprochen, das Fleisch auf den Knochen. Selbst die Architektur, die auf den ersten Blick dezent zurückhaltend wirkt, drängt sich nach einigen Minuten unangenehm auf. Denn auf dieser Ebene wird so wenig geboten, dass es schon wieder auffällig ist. Ein paar Farbtupfer durch die bunten Säulen, ein Geschäft reiht sich ans nächste und zum Verweilen lädt gar nichts ein. Und die Geschäftslokale selbst sind großteils von den üblichen Verdächtigen besetzt, die nun wirklich niemanden mehr überraschen.

Bald soll am selben Areal zur Freude aller, denen die Bildung der Innsbrucker SchülerInnen am Herzen liegt, auch eine Schule ihre Pforten öffnen – ein fünftes Gymnasium, lokalisiert im westEN Innsbrucks. Zumindest die fiktive Vorstellung eines Gesprächs zwischen einer Lehrerin und einem nach einer Pause verspäteten Schüler zwingt mich jetzt schon zum Schmunzeln. „Warum bist du denn schon wieder zu spät zum Unterricht gekommen?“ „Ähhh … das tut mir jetzt wirklich sehr leid, aber ich musste mir im erweiterten Pausenhof west noch eine neue Unerhose kaufen, weil ich letzte Nacht nicht nach Hause gekommen bin. Und an der Kassa war einfach sooo viel los …“ „Ja, das kann ich verstehen, da müssen wir wirklich mal mit der Filialleitung sprechen, dass das in der großen Pause besser organisiert wird. Hast du aber schon den GymnasiastInnenrabbat in Anspruch genommen?“ Die Kombination aus Schule und Nahversorgungszentrum mag manchen als richtungsweisend und als tauglicher Zukunftsentwurf erscheinen. Und ist vielleicht insofern ehrlich, dass hier auch räumlich nicht mehr verschleiert wird, dass Jugend nicht erst seit heute vor allem einen beträchtlichen Wirtschaftsfaktor darstellt. Die Frage nach den vom symbolischen Kapital durch mangelnde Kaufkraft Ausgeschlossenen drängt sich in dieser Konstellation nur umso dringlicher auf. Aber Hand aufs Herz, wer möchte sich noch wirklich über solche Angelegenheiten ärgern? Schließlich ist es in Innsbruck auch problemlos möglich, ein Bürgerservice und ein Rathaus fließend mit einer Einkaufspassage zu verbinden. Vielleicht ist aber auch das wiederum nur ehrlich und möchte pädagogisch subtil, aber gezielt vermitteln, dass der Unterschied zwischen Politik und Konsum, zwischen Marketing und politischem Engagement so groß heute nun auch nicht mehr ist.

Und während ich so vor mich hinschreibe, fällt mir plötzlich und unweigerlich eine leicht auch für Innsbrucker Breitengrade adaptierbare Textzeile aus einem Toten Hosen-Song ins Bewusstsein: „Der alte Marx wär sicher stolz auf uns und unseren heiligen Krieg, denn es ging um unsere Freiheit, Gott sei Dank haben wir gesiegt. Und heute können wir wählen zwischen SPD und CDU, zwischen RTL und ZDF, für Pepsi oder Coke.“ Naja, immerhin.

www.innsbruckwest.at

 

Martin Varano

2 Comments

  1. Finde das auch äußerst problematisch, wenn man ein Kaufhaus und eine Schule im gleichen Haus einrichtet. Die Manipulation von Schülern für die neuesten Konsumartikel wird hier wohl nicht ausbleiben. Andererseits könnte man natürlich auch kritische Konsumenten anhand des im selben Haus liegenden Kaufhauses erziehen. Was mir hier aber als das grundsätzliche Problem scheint, ist der Umstand, dass sich die Ökonomie über alles drüberstülpt. So wie eben auch das neue Innsbrucker Rathaus kein solches mehr ist sondern eben nur ein Konsumtempel, der einige schwer findbare Büros der öffentlichen Verwaltung beherbergt, so so ist eben auch das neue Gymnasium kein solches mehr, sondern eben nur eine Schule, die in einem Kaufhaus untergebracht ist. Und wer zahlt, schafft schließlich an und zeigt natürlich Flagge.

    Helmut Schiestl

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