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„Die Nordtribüne das sind wir alle“ wer zum Teufel seid denn ihr???

Über die umstrittene, aber niemals fragwürdige Selbstreinigungskraft einer Kurve.

 Es ist Samstag, der 22. Mai 2011, das letzte Heimspiel der Saison. Nach gefühlten zweihundertfünfunddreißig Eckbällen ohne Ausbeute gelingt Öbster in der 49. Minute gegen Fixabsteiger LASK der Führungstreffer für Wacker Innsbruck. Doch kaum jemanden auf der gut besuchten Nordtribüne interessiert der Torjubel. Unschöne Szenen spielen sich ab, das Prädikat ‚besonders wertvoll’ haben sie sich nicht verdient: Die ‚Tivoli Nord’ entledigt sich (nicht ganz gewaltfrei) zweier Skins, einschlägig angezogen, der nackte Oberkörper spricht eine noch eindeutigere Sprache.
Als „Nazis raus!“ Chöre ertönen, durchschauen auch die unpolitischsten ZuseherInnen die Vorgänge – wenngleich sie auch nicht alle gutheißen. „Bin ich froh, wenn ich hier heil wieder raus komm!“, sagt eine junge Tivoli-unerfahrene Mutter neben mir, die ihrer ca. 10jährigen, aber sichtlich stadionerprobten Tochter den Anblick ersparen will. Die Securities reagieren gelassen auf die Tumulte, der Verdacht liegt nahe, dass das was passiert, nicht zufällig jetzt passiert. Auch die Polizei konzentriert sich ausschließlich auf die beiden Skins und verweist sie letztlich des Stadions.
Gewalt legitim?
Lange Diskussionen folgen dem Spiel, wenngleich der Tenor einstimmig ist: „Nein, wir wollen keine Nazis auf der Nord!“. Aber rechtfertigt dieser hehre Wunsch den Einsatz von Gewalt? Spontan würden viele diese Frage wohl mit Nein beantworten. Eine genauere Betrachtung lässt mich in dieser Sache allerdings nicht mehr so sicher sein.
„Die Glatzen sind wieder mehr geworden in letzter Zeit“, schildert W.A. „Wenn wir nicht Zustände wie in den 90ern haben wollen, muss man früh genug eingreifen und ihnen klarmachen, dass sie nicht erwünscht sind!“ Eine nachvollziehbare Einschätzung, die eingangs gestellte Frage bleibt allerdings unbeantwortet. „Immer wieder tauchen rechtsradikale Schlägertypen im Tivoli auf.“, erzählt mir C.K. „Für Fußball interessieren sie sich eigentlich nicht. Unter dem Deckmantel des Patriotismus versuchen sie ihre Aggressionen loszuwerden. Das wollen wir hier nicht.“ Für ihn geht der körperbetonte Einsatz absolut in Ordnung. „Mit Diskussionen kommst du da nicht weit!“, fügt er augenzwinkernd hinzu.
Zusammenhalten gegen Nazis
E.R., Schwarz-Grüner seit Kindesbeinen, teilt diese Einschätzung, vor allem aber freut ihn eines: „Endlich haben alle wieder zusammengehalten. Die ‚Tivoli Nord’ hat so viel Anti-Rassismus-Arbeit geleistet. Das lassen wir uns von ein paar Vollkoffern nicht kaputt machen. Das klare Signal war absolut angebracht!“
Fußball verbindet. Er fesselt und begeistert. Er vermag Aggressionen abzubauen, kann sie aber auch schüren. Und Fußball enthemmt. Nirgendwo sonst hört man Managerinnen oder Altenpfleger ungeniert Fäkalausdrücke brüllen. Junge Fans vermögen diesen Aggressionsabbau durch Rufe ins Stadion wohl kaum von der Alltagssprache zu unterscheiden. Nicht nur im Sinne dessen sei’s der ‚Tivoli Nord’ gedankt, dass sie alles unternimmt, sodass rassistische, antisemitische und homophobe Chöre, wie sie in anderen Stadien durchaus noch zu hören sind, im Tivoli für immer der Vergangenheit angehören!
Autorin: Julia Schmid
Foto von Robert Parigger

2 Comments

  1. es ist durchaus begrüßenswert wenn nazis von der nord vertriebn werdn aber man sollte doch endlich überlegn ob es nicht ein fehler war den nordpol innsbruck zur auflösung zu zwingen und so die antirassismus arbeit im stadion massiv zu schwächen…

  2. wer heil hitler oder scheißtschusch schreit, spricht, was er gerne täte: sich zum herrenmenschen hochschwingen, hass sähen und in nächster konsequenz morden. ich wage zu bezweifeln, dass sich solche entfernen lassen – vertrieben gehören sie allemal. wer schweigend zulässt, das gewalt verherrlicht und menschen erniedrigt werden, tut auch gewalt. wer der unmenschlichkeit nicht wehrt, wird selber: unmensch.

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