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Der Alpenzoo wird 50

 – Der Frühling kommt!!! So scheinen es nach den letzten kalten Wochen an diesem Wochenende die zwitschernden Vögel, die Sonnenstrahlen und die lächelnden Gesichter zu jubilieren. Kurzerhand beschloss ich, zur feierlichen Eröffnung des Frühlings eine Aktion zu starten, die ich schon lange nicht mehr gemacht hatte. Schon saß ich im Bus zum Nordrand der Stadt, auf dessen dicht bewaldeten Hängen sich die wilden Tiere tummeln.

 

Unmittelbar nach dem Eintritt widerstehe ich dem Versuch, übermütig zum gusseisernen Steinbock zu laufen und auf seinen Rücken zu springen. Das war immer die erste Aktion nach der Kassa. Es ist schon lustig, als 22-Jährige an einen Ort zurückzukehren, den man als Kind begeistert frequentierte! Lächelnd geht es zur traditionell zweiten Attraktion: Dem Braunbären. Grinsend wieder retour: natürlich hält dieser noch seinen Winterschlaf. Doch Pirol, Beutelmeise, Girlitz und all die anderen Vögel zwitschern übermütig mit ihren freilebenden Artgenossen um die Wette. Als Erwachsene bin ich sogar still genug, so dass die Wasseramsel trotz Raubtieranwesenheit weiterbadet!

 

Rege Kommunikation im Frühling

Vorbei am quirligen, gut gelaunten Fischotter mischt sich am Weg zu den Adlern ein neues Geräusch unter die Gesänge: die Samstags-Sirene! Natürlich habe ich als Insiderin den Ausflug so gewählt, dass er auf die Sirene fällt. Prompt stimmen auch die Wölfe zur Sirene ein. Ich möchte zu ihnen queren, und stehe plötzlich vor lauter todernsten Eulenaugen. Eine Sackgasse! Jaja, der Alpenzoo. Hinauf und hinunter geht es, bis ich im Netzwerk der steilen Pfade endlich auf den richtigen Weg stoße. Die PflegerInnen müssen ganz schön trainiert sein! Beim Wolfsgehege angekommen, ist das heulende Spektakel im vollen Gange. Fasziniert schaue ich auf die fünf Wölfe, die am Felsen einträchtig heulend ihren Kopf in den Nacken werfen. Kleine Kinder animieren sie mit ähnlichen Vokalkunstwerken zum Weiterheulen und sind begeistert ob des Frage-Antwort-Spiels.

Ich kann die Augen kaum von meinen Lieblingstieren abwenden: Gemeinschaftlich und gefährlich zugleich, kommunizieren sie ununterbrochen. Wenn man auch nur die Grundlagen über Körpersprache kennt, entpuppen sich die Höhe der Rute, Ohren, gestreckte Beine oder Sich-Hinwerfen als klare Botschaften. Da die Paarungszeit bevorsteht, wird gerade jetzt im Februar die ansonsten etwas legerere Hierarchie umso klarer aufgestellt; Die Gesten sind sehr, sehr deutlich. Doch nach einigen Stunden wird die von der Alpha-Wölfin (Männchen und Weibchen kämpfen untereinander gleichermaßen) recht harsch zurechtgewiesene Wölfin wieder zur Gemeinschaft eingeladen.

Während der zwei Stunden, die ich auf der Bank beobachte, bin ich genauso fasziniert von der Sichtweise der anderen BesucherInnen. Die Kinder: Fast alle gleich. 1, Mit großen Augen und offenem Mund, laufen sie völlig fassungslos zum Zaun 2, Kurz davor stoppen sie plötzlich mit respektvoller Angst und bitten um Einordnung: „Mama, frisst der mi?“ „Mama, was macht der?“ Unter den Erklärungen ist alles dabei: von lobenswerter Pädagogik („Die ranggeln – genau wie ihr!“) über Inspiration zu tieferem Verständnis („Der würd di nit fressen! Respekt musst aber trotzdem haben und wegbleiben! Schafe frisst der nämlich zum Beispiel schon!“ „Schafe? Dann is der ja voll bös‘!“ „Da gibt’s kein Gut und Böse! Fressen müssma alle!“), über die schaudernde ältere Besucherin („Geben’S Acht! Des Kind hat die Hand im G’heg!“) bis zum völlig unnötigen Schüren von Angst (Kind ist laut – „Wennd nit brav bist, schmeiß ma di da rein!“ – anhaltende Totenstille auf Seiten des Kindes).

 

Das Schildchen vor dem Gehege verrät mir, dass der prächtig pink blühende Busch den Namen Seidelbast trägt. Bei meinem weiteren Besuch entpuppt sich der Zoo als ästhetisches Kunstwerk: Die gekonnt bepflanzten Randgebiete, alpinen Steinlandschaften für die Schlangen und künstlichen Sandwände für die Waldrappen sind die reinste Augenweide. Aber schließlich war der Zoo die letzten Jahre auch ständig im Umbau. 2012 feiert er sein 50-jähriges Bestehen.

 

Mehr Freiraum

Wieder zwitschern die Vögel, während ihre Verwandten innerhalb des Gitters aufgeregt hin und her hüpfen. Als Naturfreundin überkommt einen da schon manchmal eine tiefe Traurigkeit. Aber das muss man dem Alpenzoo lassen: Kein Jahr ist vergangen, in dem nicht wieder ein Gehege vergrößert wurde. Ununterbrochen wird für mehr Bewegungsfreiheit gesorgt, den Tieren Möglichkeit zum Spielen und den BesucherInnen Nähe geboten, wo es geht.
Die meisten der Tiere machen auf mich auch einen sehr wachen Eindruck, teilweise regelrecht übermütig. Einige wie der Steinadler blicken jedoch, seit ich sie kenne, ohne Bewegung sehnsüchtig über das weite Tal. Respekt für das Opfer, das diese Tiere für ihre frei lebenden Artgenossen bringen! Jedes Jahr ermöglichen sie einem Haufen Kinder mehr Bezug zur Natur. Als Erwachsene werden diese sich mit etwas Glück um die frei Lebenden sorgen – nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern weil sie sie einfach lieb gewonnen haben. Außen zeigt ihnen kaum jemand die Begegnung. Hier ist sie möglich.

 

Als Letztes geht es natürlich hinauf bis zum schnaufenden Wisent, das früher in Herden durch das Inntal stampfte, welches nun durch Maria-Theresien-Straße, Museumstraße und Co seine neue Gestaltung findet. Irgendwie eine faszinierende Vorstellung. Überhaupt kann ich jedem nur empfehlen, sich einmal für ein paar Stunden in diese Welt entführen zu lassen. Man kann etwas Abstand zu den Menschen gewinnen, um anschließend wieder das Miteinander unter den eigenen Artgenossen zu beobachten und zu analysieren, zum Beispiel auf provinnsbruck.
Der Frühling ist nun wirklich da; All die Lebewesen erwachen zu sehen, hat die Frühlingsfreude noch multipliziert. Zum Glück hab ich mich überwunden, für kurze Zeit das Zentrum zu verlassen und hier in die wilde Welt zu fahren! Beim Austreten – es dämmert bereits – fällt mein Blick auf die ewige grüne, uralte Brotlade. Ach ja, das harte Brot! Nächstes Mal wird eins mitgenommen.

 

Linktipp Alpenzoo

Annette Baubin

4 Comments

  1.  supernetter text, finde ich – sicher, tiere in freiheit sind mir generell auch lieber, aber der alpenzoo ist einfach ein schönes platzerl und insgesamt tiergerecht. und auch weils jetzt sicher gleich kommt: für bestimmte tiere ist ein schutzgehege die artgerechtere alternative, weil der mensch längst alle natürlichen rückzugsgebiete besetzt/zerstört hat – leider!

  2. Ja, leider muss man sagen, hat der Mensch heute schon so weit das Sagen, das Tiere oft im Zoo bessere Rückzugsgebiete haben, man/frau merke die dabei die Ironie dieses Wortes. Mit dem Alpenzoo verbinde ich auch noch einige Kindheitserinnerungen. Mit meiner Großmutter bin ich da oft hinaufspaziert oder mit der alten Hungerburgbahn hinaufgefahren. Jetzt kenne ich den Alpnezoo nur mehr von den diversen Tiergeräuschen, wenn ich daran vorbeigehe. Vielleicht noch mal eine kleine Ironie. Wie wäre es, wenn wir da mal einen kleinen Menschenzoo machen würden und die Tiere würden uns betrachten. Der Fuchs und der Wolf betrachten den oder die Scnitzelessenden Wohlstandsbürger/in, der Steinbock beäugt uns dabei aus luftiger Höh und der Auerhahn balzt dazu ein lustiges Holladrio!

     

  3. Mich macht es einfach nur maßlos traurig, eingesperrte Wesen zu beobachten. Wie unmenschlich ist es, Lebewesen, die manchmal einen natürlichen Lebensraum von 100en von Kilometern haben, in kleine Gehege zu sperren? Manchen muss tatsächlich mit Gewalt der Wille gebrochen werden, damit sie nicht pausenlos versuchen, auszubrechen.

    Den meisten Tieren gegenüber schäm ich mich, Teil dieser unverfrorenen menschlichen Spezies zu sein.

     

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