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Music and the city (Vol X)

Die Musik von Mary Halvorson verhält sich zu konventionellem Jazz wie Robert de Niro zu David Hasselhoff. Wenn der Kolumnist jemandem über den Weg gelaufen sein sollte, seine Schrittgeschwindigkeit immer wieder ändernd, dann soll hier eine Entschuldigung ausgesprochen sein – und eine Rechtfertigung.

 

Er ist wieder mal, dieses Mal nicht in schwarz gewandet, sondern bunt wie der Frühling, durch die Straßen Innsbrucks geschlendert und hatte sich eigentlich vorgenommen, sich mit seiner Stadt zu versöhnen, der Provinz auch schöne Züge abzugewinnen. Mit Mary Halvorson im Ohr ist allerdings das Schlendern umöglich, das gemütliche und leise in sich hineinlächelnde vor sich hin träumen schlicht sabotiert. Man findet keinen Gehrhythmus, keine Einheitlichkeit, man stolpert immer wieder fast  über seine eigenen Füße, der Weg wird zum Ziel. Welches Lied lief gleich nochmal, warum bin ich nochmals überhaupt rausgegangen in diese Stadt, die eigentlich ein Dorf ist?

 

Wenn sich Halvorson die Gitarre umhängt, dann klingt das manchmal so, wie wenn jemand spielt, der eigentlich gar nicht spielen kann – ob sie den Musiktest von Herrn Federspiel bestehen würde? Wenn sie, eher nachlässig gekleidet, eine schüchterne "graue Maus" in das Büro des Herrn Federspiel ginge, leicht verlegen lächelte und dann ihre schrägen, verschrobenen Akkorde und Melodien vorspielte, was fiele ihm wohl dazu ein? Mary spielt wie ein Kind, das seine Gitarre erst vor kurzem zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, ihr Blick ist jedoch nicht leuchtend, sondern nach innen gekehrt, nachdenklich, versponnen. Ihr Zugang ist jedoch kindlich und naiv, forschend, fragend. Wenn es einen Akkord so gar nicht gibt, warum sollte man ihn nicht doch spielen? Wenn der Gesang schief ist, wie bei ihrem Projekt mit Jessica Pavone, warum sollte man ihn nicht einfach so lassen? Fehler und Abweichung sind hier kein Versehen, kein Dilletantismus, sondern pure und böswillige Absicht ohne wirkliche Böswilligkeit. Ihr Spiel ist weniger dissonant als discordant: neue Akkorde vermischen sich mit bekannten, jedoch stets interessanten Jazz und Rock-Akkorden, sie in einen neuen Zusammenhang gestellt werden. Ihre Song lehnen sich an Größen wie Antony Braxton an, bei dem sie außerdem studiert hat. Sie kann also spielen, sie spielt virtuos, ohne auf die Versuchung der allzu einfachen Virtuosität hereinzufallen.

 

Diese junge Frau, gerade mal 30 Lenze zählend, ist vielleicht das größte Gitarrenwunder der letzten Jahre, neben Nels Cline die derzeit interessanteste Musikerin in diesem Bereich überhaupt. Könnte solche Musik auch in Innsbruck passieren, oder hat die Provinz bereits jeden Hang zum Abenteuer, zur Nonkonformität, zum Experiment abgetötet, schal und fade werden lassen? Warum spielen und anders spielen, wenn einem doch niemand zuhören würde? Klar ist jedenfalls: Innsbruck braucht mehr Mary Halvorson, ihre Musik könnte auch diese Stadt berühren, anders machen, zum ästhetischen und künstlerischen Aufbruch zwingen.

 

Doch zur Entschuldigung: wenn der Kolumnist jemanden fast vor die Füße gefallen ist, weil er über seine Füße gestolpert ist, als er einen waghalsigen Tempowechsel eines Tracks von Mary Halvorson auch in seine Art zu gehen integrieren wollte, dann möge man ihm verzeihen und sich nicht über seine Merkwürdigkeit wundern. Man möge sich doch bitte stattdessen die Musik von Halvorson anhören, sich von dieser anstecken lassen und auch mal mit DIESER Musik im Ohr durch unsere Provinz-Stadt zu schlendern versuchen und dabei auch versuchen nicht aus dem Rythmus zu kommen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Musik von Halvorson, die so natürlich und wieder mal nur in New York existieren kann, auch ein völlig anderes Leben einfordert. Ihre Musik spricht und beginnt zu sprechen: DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN, anderswo ein anderes Leben anfangen, einen Ort finden, wo diese Musik verstanden, gehört und geschätzt wird und wo man nicht schräg angeschaut wird, nur weil man sich nicht im Rhythmus der Konformität bewegt. Eine Stadt, in der man sich verlieren kann, nicht nur eine Stadt, mit der man immer wieder und jeden Tag aufs Neue verliert. Mary, would you marry me? Maybe we could start again, somewhere else?

 

http://www.maryhalvorson.com/

http://www.youtube.com/watch?v=-bCWYIrYVCI

http://www.youtube.com/watch?v=C46rlccIk4s

http://www.youtube.com/watch?v=J0Gg856ZLlw


Markus Stegmayr

4 Comments

  1. Tolle Kolumne, interessante Tipps und ein Beitrag zu mehr Urbanität im Stadtraum – und da gehört Musik zweifelsohne dazu!

  2.  … sehe ich genauso: finde es schön, wenn jemand über Musik schreibt und die Worte zum Klingen bringt.

  3. Ich möchte das auch so sehen: Musik als Teil der Stadt und als wichtiger Beitrag zur Urbanität. Von daher erlaube ich mir auch mal meinen subjektiven Musikgeschmack hier zum Thema zu machen und zwischen den Zeilen auch einen Musiktipp weiterzugeben. Man kann ja nicht immer nur Ö3 und FM4 hören.

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