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Music and the city (Vol. VI)

Die französische Dark-Metal Band Alcest, die auch schon mal als Black-Shoegaze bezeichnet wird, spielte ein Konzert in Innsbruck, das auf mehr als nur eine Weise eindrucksvoll war.
 
…die Kinder der Nacht
 
Als die Band auf die Bühne trat, das Konzert um Mitternacht begann, schien der Mond noch heller zu scheinen, schienen die BesucherInnen noch dunkler, düsterer und morbider zu wirken, das P.M.K. aber, ansonsten eigentlich nicht unbedingt der Ort, in dessen Enge man eine laue Aprilnacht verbringen will, erstrahlte in einem helleren Licht, blauer Schimmer legte sich über die Hallen.
 
Die Kinder der Nacht, die aus ihren dunklen, völlig schwarz gestrichenen Zimmern gekrochen waren, hörten dem Hall des ersten Gitarrenakkords lange nach, bevor auch schon Trockeneis auf die Bühne geblasen wurde, um den Abend noch mysteriöser erscheinen zu lassen. Dass Neige, Frontmann und Mastermind von Alcest, auch noch einen Traumfänger um den Hals trug, passte da nur zu gut ins Bild. Es wurde zwar kein Traumfänger um die vielen Hälse im Publikum gehängt gesehen, jedoch war so manch verträumter Blick von so manchem weiblichen Fan wahrzunehmen, der sich an die Lippen und an die, natürlich verträumten und nach Eskapismus sich sehnenden, Augen des Frontmanns heftete.
 
die „schwulen Franzosen“
 
Nach ersten Rufen, die sich über die „schwulen Franzosen“ da auf der Bühne mokierten, kam allerdings eine Band zum Vorschein, die es nicht nur im Sinn hatte, sämtliche Klischees der Dark-Metal und Gothic-Szene zu bedienen. Man glaubte seinen Ohren kaum, als man bemerkte, dass hier überaus talentierte Musiker am Werk waren, und das, obwohl der zweite Gitarrist so aussah, als ob er in einer 80er-Metal-Band spielte. Die Musik jedoch transzendierte diesen Eindruck, ließ auch den Traumfänger von Neige vergessen lassen. Die Struktur der Songs war komplex, die Akkorde originell und noch nicht tausendfach gehört, die Stimme oszillierte gekonnt zwischen verträumtem Clean-Gesang und bösen, emotional anrührenden Black-Metal-Shoutings, abgerundet mit einer gesunden Portion Blast-Beats.
 
…die guten alten Zeiten
 
So verzieh man Alcest sogar das Cover des neuen Albums, das, natürlich, auch ganz in einem melancholischen Blau gehalten war. Auf nur schwer zu beschreibende Weise überzeugten Alcest nämlich dennoch, trotz allem, der Vorsatz, die Band und ihr Image und somit auch die Musik ganz schlimm zu finden, konnte angesichts eines perfekt abgemischten Sounds und einer perfekt spielenden Band leider nicht in die Realität umgesetzt werden. Vielleicht liegt die Begeisterung aber auch daran, dass der Rezensent mit My Dying Bride und Paradise Lost aufgewachsen ist und somit weiß, wie sich Selbstmitleid und das alleinige Tragen des Weltschmerzes anfühlen und anzufühlen haben.
 
Dann wäre es aber immer noch die Errungenschaft von Alcest gewesen, die eigene Jugend wieder auferstehen zu lassen, den Rezensenten nach dem Konzert gierig zum Merchandise-Stand laufen zu lassen und dort sowohl T-Shirt als auch Album zu kaufen. Ergebnis: eine CD, die er vielleicht nie mehr hören wird und ein T-Shirt, das er nirgends anziehen kann. Doch für einen Abend war er wieder der alte Metal-Head, der eigentlich schon immer lieber Pop hörte und diese Affinität in einer Band befriedigt fand, die zwischen diesen beiden Polen oszilliert, harte Gitarren mit Melodie verband. Ein wunderbarer Abend!
 
 

http://www.myspace.com/alcestmusic

http://www.youtube.com/watch?v=9l_8Ie2vl74 (Live in Wien)

http://www.youtube.com/watch?v=6sn5aS85ZfM&feature=related


Markus Stegmayr

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