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Music and the city (Vol. 20)

Das Konzert von John Abercrombie war ein Konzert, das auf überaus subtile Art dazu einlud, nicht darüber zu schreiben…

 

…und sich stattdessen an den Traum von Roland Barthes zu erinnern, im Konzert, umgeben von alten Menschen und zu früh alt gewordenen, in dem er sich danach sehnt, langsam zu verstummen, immer leiser zu werden, nach kurzer Präsenz in die Stille zurückzukehren, wie ein Vokal, wie ein gesprochenes, gesungenes Wort, wie eine kurze Störung im sonstigen Rauschen, wie ein kurzer, sinnhafter Einschnitt in einem Meer von bedeutungslosem Knistern.

 

Wenn das zutrifft, und mit Barthes trifft nichts mehr wirklich zu, dann ist jede Zuschreibung abzulehnen. Ich schreibe, als fliehe ich, ich spreche, also werde ich auch wieder verstummen, ich höre zu also werde ich mir auch bewusst werden, wie grandios dieses stille Konzert von Abercrombie gewesen ist und wie sehr es mich daran erinnert, wieder mehr zu schweigen, mich wieder mehr zu enthalten, die Texte kürzer und die Leerstellen wichtiger werden zu lassen. Ästhetik des Werdens, niemals des Seins.

 

Ganz leise spielt John Abercrombie, man wagt es fast nicht sein viertes Bier an der Bar abzustellen, da man sonst stören würde. Er spielt sich, ohne Effekt und auch nicht auf Affekte abzielend, durch die Geschichte des Jazz, ohne jedoch mit seinen Fähigkeiten zu prahlen. Man muss genau hinhören, sich in die Tracks hineinhören, um eine Band zu hören, die man in dieser Perfektion sehr selten zu hören bekommt, zumal auch in Innsbruck.

 

Der Traum von Roland Barthes, abermals, den ganzen Ballast über Bord zu werfen, all die Zuschreibungen zurückzuweisen, mit Foucault dazu überzugehen sich nicht so regieren zu lassen. Stattdessen sich lieber um sich selbst zu sorgen, die "Selbstsorge" als übersehene Marginalie im Spätwerk von Foucault, wie könnte sie jemals besser passen als zu diesem Konzert. Wer zu Abercrombie geht, der hat bereits alles gehört, vieles gut gefunden, ist gealtert und hat letztlich auch das Interesse an vielem verloren, das musikalisch im Umlauf ist. Abercrombie ist Musik für den Rückzug, der allerdings nicht Resignation und Selbstaufgabe meint, nichts weniger als das. Wer zu solchen Konzerten geht, der will sich etwas gutes tun, der möchte nicht von der Musik angeschrien werden, sondern eher gestreichelt, sanft und intensiv berührt : die Musik von Abercrombie ist voller stiller Sensationen, die man als junger, dem blühenden Leben zugewandter Musikhörer nicht verstehen wird.  Wer bei Abercrombie ankommt, stürzt sich nicht mehrs ins Nachtleben, sondern weiß die Zwischentöne zu schätzen.

 

Nicht Barthes sein, aber sich Barthes und auch Abercrombie nahe fühlen. Niemals in der Lage sein, wie Barthes zu sein und dennoch einen stark Drang zu spüren, sich dem "Neutrum" in seiner späten Vorlesung anzunähern – sich zu enthalten, zu schweigen, schräge Antworten zu geben und nicht auf Zurufe von außen zu reagieren. Hin und wieder einen Text zu verfassen, der keinen Erwartungen entspricht. Die Abende damit verbringen, immer wieder John Abercrombie zu hören: sich nicht um das Neue zu kümmern, sondern die Chronologie der Musikgeschichte zu verwirren. Abercrombie war schon immer revolutionärer als so vieles, das im Moment gehypt wird, seine Gitarrenspielt innovativer als von solchen, die an der Spitze der vermeintlichen Neuheit stehen. Das wichtigste aber dabei: sich letztlich auch dem hier getroffenen Urteil enthalten, da es nicht zutrifft, ohne jedoch in einen Relativismus zu verfallen, seiner eigenen Urteilskraft vertrauen, ohne sie anderen aufzuwingen oder gar als wahr hinzustellen. Sich zurückzuziehen und dennoch präsent sein, da sein, hinhören. Herausforderungen, die man nur mit Barthes und Abercrombie wird meistern können.

 

http://www.youtube.com/watch?v=G9tOWjS4I_0&feature=related

 

 

Markus Stegmayr

2 Comments

  1.  sicher eines der besten und interessantesten konzerte des laufenden jahres in innsbruck. danke für den bericht!

    • Ja, ich fand es sogar so gut, dass ich so weit gehen würde  es als eines der besten Konzerte zu bezeichnen, die ich seit längerer Zeit gesehen habe.

      Plus: Mark Feldman und Joey Baron waren natürlich überragend (letzterer ist ja der Schlagzeuger bei den neueren John Zorn Projekten). Ingesamt: ein atemberaubend schöner, stille und intensiver Abend.

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