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Kunst und Kultur in Tirol (4): Peter Simon Altmann zu Gast bei den Innsbrucker Wochenendgesprächen

Peter Simon Altmann, 1968 in Salzburg geboren, Studium der Philosophie an der Universität Salzburg, Mitarbeit bei verschiedenen Theaterproduktionen, mehrere Arbeitsaufenthalte in Japan und Südkorea. Zuletzt erschienen: Der Zeichenfänger (Otto Müller Verlag, 2006), Der Zurückgekehrte (edition laurin, 2012).
(aus dem Flyer zu den 36. Innsbrucker Wochenendgesprächen) 

Du warst Gast bei den 36. Innsbrucker Wochenendgesprächen. Wie hat dir die Veranstaltung gefallen?
Es war eine tolle Veranstaltung. Wir waren zuerst im ORF Kulturhaus. Da wurden Aufzeichnungen von uns gemacht. Insgesamt waren wir zwölf AutorInnen, d. h. elf, weil eine Autorin krankheitsbedingt abgesagt hatte. Es ist ein sehr vielseitiges Bild entstanden, jede/r AutorIn hatte einen anderen Zugang zum Thema Natur. Bei manchen hat es Berührungspunkte gegeben, es waren AutorInnen da, die einen ähnlichen Zugang zur Natur hatten wie ich. Andere Zugänge haben mich eher befremdet, zum Beispiel wenn das Organische und das Anorganische vermischt worden sind. Da habe ich ein Problem damit, wenn ein technisch hergestellter Gegenstand, also etwas Anorganisches, als Natur bezeichnet wird.
Ja, eine tolle Sache war diese Veranstaltung. Den Veranstalterinnen kann ich an dieser Stelle nur mein Lob aussprechen. 

Wie erlebst du die Literaturszene in Innsbruck?
Da ich einen Innsbrucker Verlag habe, kenne ich die Literaturszene hier ganz gut. Auch haben mehrere Freunde von mir in Innsbrucker Verlagen veröffentlicht. Es gibt eine gute Verlagslandschaft hier: Da sind der Haymon Verlag, die edition laurin oder der Limbus Verlag. Das sind drei Verlage, die sich um die Gegenwartsliteratur bemühen, auch um AutorInnen, die sich vielleicht nicht von vornherein so gut verkaufen lassen, aber hohe literarische Qualitätskriterien erfüllen. Innsbruck bietet da einiges, meine Heimatstadt Salzburg hält in diesem Punkt einem Vergleich leider nicht stand. 

Dein drittes Buch Der Zurückgekehrte ist in der edition laurin in Innsbruck erschienen. Im September wird der Erzählband Sommerneige in ebendiesem Verlag veröffentlicht. Wie bist du zu diesem Verlag gekommen?
Ich bin mit dem Büchner-Preisträger Walter Kappacher ein bisschen befreundet, der hat mir von einem Buch C. W. Aigners erzählt, das in der edition laurin erschienen ist, und mich ermuntert, es bei diesem Verlag zu versuchen. So habe ich mein Manuskript hingeschickt und es hat geklappt.
Deine Bücher haben einen Ostasien-Bezug, du hast Arbeitsaufenthalte in Japan und Südkorea gehabt. Deine Figuren sind rastlos und nirgends aufgehoben…
…sagen die RezensentInnen…
… Wie ist es dir persönlich bei deiner mehrmaligen Rückkehr nach Österreich ergangen?
Das kann man ein bisschen im Buch Der Zurückgekehrte lesen. Es ist zwar keine Autobiographie in dem Sinn, aber ich hatte ähnliche Erlebnisse. Immer wieder bin ich aus Ostasien zurückgekehrt. Am Anfang habe ich mich überall zu Hause gefühlt. Als ich 2006 von Wien wieder nach Salzburg übersiedelt bin, habe ich in den anschließenden Jahren von Salzburg aus zweimal pro Jahr Japan oder Korea besucht. Das heißt, ich war fast ein halbes Jahr in Ostasien, ein halbes Jahr in Salzburg. Das war am Anfang spannend für mich und ich finde die ostasiatische Kultur nach wie vor sehr interessant, und da ich eine Einladung von der Österreichischen Botschaft in Seoul habe, werde ich aller Voraussicht nach im Herbst schon wieder nach Korea fliegen. Es hat sich da ein netter Kontakt mit dem Botschafter und dem Kulturattaché ergeben. Irgendwie komme ich von Ostasien nicht los. Aber ich bin vor drei Jahren an einem Punkt angekommen, an dem ich gemerkt habe, dass ich innerlich zerrissen bin. So sehr ich Land und Leute schätze, fühle ich mich auf Dauer dort nicht zu Hause, obwohl ich ganz gut Japanisch und auch etwas Koreanisch spreche. Im Zustand der Krise habe ich dann beschlossen, in Salzburg sesshafter zu werden. Mal schauen, ob mir das gelingt.
Diese Aufenthalte in Ostasien, welcher Art waren sie?
Das waren geförderte Arbeitsaufenthalte beziehungsweise Einladungen zu Veranstaltungen. Zum Beispiel spielt die Geschichte Der Schriftsteller, die in meinem nächsten Buch Sommerneige zu finden ist, in Seoul. Die habe ich dort geschrieben. Ein anderes Mal machte ich Lesungen an verschiedenen Universitäten, ein Teil von meinem Buch Der Zeichenfänger ist damals auch von den StudentInnen übersetzt worden. Beim letzten Mal in Südkorea habe ich einen Essay geschrieben. Ich bin mit dem Bus bis zur nordkoreanischen Grenze gefahren. Der Essay lässt sich in Literatur und Kritik nachlesen.
Was hast du von der ostasiatischen Kultur gelernt oder mitgenommen?
Zur japanischen Kultur hatte ich wahrscheinlich schon immer eine Affinität. Dieses Feine, Zarte und dieses gar nicht Laute, auch in der Literatur, das Kontemplative, dass nicht immer gleich alles sofort ausgesprochen wird. Die JapanerInnen sind sehr zurückhaltend, sehr höflich, lassen nicht alles raus wie zum Beispiel die SüdländerInnen. Wobei letzteres ja auch nett sein kann, genau dieses Gefühl vermisst man dann wiederum manchmal in Japan. Es ist sehr spannend, eine außereuropäische Sprache, eine Sprache aus einem völlig anderem Kulturkreis zu erlernen, das würde ich allen empfehlen, nicht nur SchriftstellerInnen.
Der Zurückgekehrte weist einen deutlichen Bezug zu den Briefen des Zurückgekehrten von Hugo von Hofmannsthal auf…
Das Thema trug ich lange mit mir herum. Die Übersetzerfigur hatte ich schnell konzipiert. Der Protagonist übersetzt einen japanischen Schriftsteller namens Kunikida Doppo und denkt währenddessen über die Unterschiede zwischen Ost und West nach. Die Figur hatte ich zwei Jahre lang im Kopf. Es war mir dann aber zu wenig, dass sie in Salzburg am Schreibtisch sitzt, spazieren geht und über Ost und West nachdenkt. Da haben mir dann Die Briefe des Zurückgekehrten geholfen. Das sind fiktive Briefe. Da kommt jemand nach einem jahrelangen Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurück und findet sich nicht mehr zurecht. Er hat Probleme mit den Menschen, alles erscheint ihm unecht, selbst die Bäume. Ich habe das in meinem Roman dann noch verschärft, indem meinen Protagonisten die Krise schon im Ausland überfällt. Das hängt auch mit den Unterschieden der Wahrnehmung beziehungsweise der Landschaftskonzeptionen zusammen. In Asien wird die Natur anders wahrgenommen als in Europa. Meine Übersetzerfigur hofft, dass sich die Krise in Salzburg nach seiner Rückkehr legen wird, dass ihn nur ein übertriebenes Heimweh übermannt hatte, doch bleibt die Misere bestehen. Beim Text von Hofmannsthal sind es Bilder von van Gogh, die den Briefschreiber wieder neu an die Welt knüpfen. Bei mir ist es die chinesische Tuschmalerei. Das ist das Spannende daran, dass es die Kunst ist, die die Heilung bewirkt, dass das Kunstwerk in dem Moment realer erscheint als die Realität. Die chinesische Tuschmalerei versucht einen Prozess darzustellen. Es geht nicht primär darum Gegenstände abzubilden, vielmehr soll der Prozess des Werdens und Vergehens dargestellt werden. Mein Buch kann in dieser Hinsicht auch als eine Kritik an der Zentralperspektive beziehungsweise der Subjekt-Objekt-Spaltung von Descartes verstanden werden.
In Der Zeichenfänger geht es um einen Semiotiker. Es werden chinesische Schriftzeichen ins Buch integriert. Im Zurückgekehrten geht es um einen Übersetzer, der noch mehr in die Sprache hineingeht. Wenn er die Welt anders wahrnimmt, braucht er dafür auch eine neue Sprache. Vielleicht ist er nur in der Krise, weil er sich nicht ausdrücken kann.
Wie läuft bei dir der Schreibprozess ab?
Jedes Buch ist anders. Kurzgeschichten habe ich zumeist fertig im Kopf, die müssen dann nur noch herausgearbeitet werden. Wenn ich einen Roman schreibe, brauche ich natürlich länger. Da spielt der Faktor Zeit eine Rolle, weil ich mich während des Schreibens ja auch verändere, neue Gedanken hinzukommen, die dann den Text beeinflussen können. Bezüglich Arbeitszeiten bin ich ein Vormittagsmensch. So etwa um halb neun beginnt mein Arbeitstag. Es gibt aber auch Zeiten, in denen ich nicht schreiben kann, da hat es keinen Sinn, sich zum Schreibtisch zu zwingen.
Hast du ein Lebensmotto?
Die meisten Menschen stellen sich die Sinnfrage. Ich halte es in dem Fall gerne mit Sigmund Freud, der meint, dass sich der Mensch die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht stellt, wenn er arbeits-, genuss- und liebesfähig ist. In diesem Sinn versuche ich arbeits-, genuss- und liebesfähig zu bleiben.  Infos unter: http://www.editionlaurin.at/autorinnen/peter_simon_altmann.htm

Foto: Andrej Krementschouk

Barbara Zelger

4 Comments

  1. Apropos:
    kennt jemand eine Werkstatt oder ein Geschäft in Innsbruck und Umgebung, wo man noch CD-Player reparieren lassen kann? 

  2. Lieber Herr Herzog,
    kennen Sie ein solches Geschäft?
    Das wäre sehr hilfreich.
    Der Player verweigert nämlich das Spiel.
    Und ich hänge an dem alten Teil. 
    Schönen Sonntag,
    Graf Herbert

    • Leider nein, verehrter Graf! Wenn CD-Player mal seinen Geist aufgibt, werde ich ihn wohl gegen einen neuen austauschen müssen. Er läuft aber auch schon an die fünfzehn Jahre. Jedenfalls viel Glück beim Weitersuchen!

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