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Jenseits von Franchise 2: Nimm’s sportlich!

Von Pokalen, Medaillen und anderem phallischen Klunker

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Gut, 1964 war wahrscheinlich wirklich das schlechteste Schneejahr seit Menschengedenken, geschneit hat es jedenfalls erst nach den Winterspielen, aber was macht das schon – Hauptsache, man hat größere und bessere Spiele ausrichten können als die Italiener acht Jahre davor. Und wozu leistet man sich eigentlich ein Bundesheer, so als neutraler Staat? Schickt man die Burschen halt schnell rauf auf’n Gletscher welchen holen.

Jetzt, ein Jahr später, kann man sagen: Es hat sich gelohnt. Der Schah von Persien war da, die Königin von den Niederlanden auch, und seine imamische Hoheit Aga Khan IV. hat es immerhin in zwei Disziplinen über die Ziellinie geschafft.

Zwar ist alles teurer geworden seither, aber zumindest hat Innsbruck seinen Auftritt gehabt, einen Auftritt, fast schon mondän! – Und jetzt, da sich der wärmende Blick der Weltöffentlichkeit wieder anderen Dingen zuwendet, ist es Zeit für eine Bilanz:

Eine Milliarde Schilling hat man in die Hand genommen, das ist keine Kleinigkeit, natürlich, aber vorher war da ja eigentlich gar nichts, im Grunde keine Infrastruktur, kein Eisstadion, kein Flugverkehr, der den Namen verdient, und langfristig rechnet sich das; eingenommen hat man plus-minus eine Million, immerhin, aus Eintrittskarten und Lizenzgebühren von den Fernseh- und Rundfunkstationen. Sonst hätte man jetzt auch kein bezugsfertiges olympisches Dorf mit acht zehnstöckigen Wohnblöcken und auch keine richtige Landepiste aus Beton, die man, ohne sich schämen zu müssen, als Flugkreuz West bezeichnen kann. Dass daraus dann doch nichts geworden ist, weil zwei Wochen später – endlich Schnee! – ein Flieger gegen den Glungezer krachen muss, das hat ja auch schwer vorher wissen können.

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Auf jeden Fall: Innsbruck hat jetzt Ringe im Logo.
Ein bisschen Sportstadt, ein bisschen Weltstadt.
15 Tage Berühmtheit.
Endlich wieder ein bisschen stolz sein dürfen.
Daraus lässt sich doch Kapital schlagen, oder nicht?

Als Bewohner des alpinen Raums weiß man vielleicht nicht viel von der Welt, aber man weiß, dass Schwung etwas ist, was man mitnehmen muss, vor allem wenn es in der Folge bergauf geht.
Es verwundert also nicht, dass es Einigen gelingt, diese Erkenntnis direkt auf den wirtschaftlichen Aufschwung und seine Gesetzmäßigkeiten zu übertragen.

Zum Beispiel Herrn Friedrich Orth, Inhaber einer „Metall-, Preß- und Prägeanstalt“ in der Wiener Josefstadt.
Herr Orth nutzt die Gunst der Stunde und beschließt in der olympisch geadelten Provinzstadt eine Filiale seines Unternehmens zu gründen. Schließlich lassen sich mit dem Knowhow eines Metallbearbeiters relativ erschwinglich Klunker für den kompetitiven Sportsfreund herstellen: Pokale, Medaillen, Kugeln, Münzen, Orden, Teller, Statuen und Statuetten – die ganze Palette des Trophäenallerlei.
Die ewige Wiederkehr der saisonalen Neuauflage garantiert eine stabile Auftragslage, und das Beste: Ob Unikat, Gruppenserie oder Massenware – alles ist personalisierbar, Gravur sei Dank!

Das Schöne an der Trophäe ist, dass sie keine profane, austauschbare Ware ist wie jede andere. Sie ist eine Ware, die – je nach Renommée des Rahmens, in dem man sie verleiht:
– Erfolg auszeichnet (so gut wie immer)
– in der Folge Ruhm bedeutet (manchmal)
– und insofern Unsterblichkeit verheißt (tja).

Und noch in der abgespecktesten Form ist sie nicht weniger als eine honorierte Material gewordene Leistung. Edelmetall im praktischen Vitrinenformat! Hin und wieder mit’m Staubwedel drüber und gut is‘.
Die Trophäe ist immer knappes Gut, völlig unabhängig von der realen Marktlage, und trotzdem kann man Trophäen sammeln wie Spielzeug aus Überraschungseiern.
Trophäen sind Geschenke, die man sich erarbeiten muss.
Trophäen kauft man nicht, Trophäen verdient man.
Trotzdem (oder gerade deswegen) sind sie ein Statussymbol.

Aber gibt es irgendein Statussymbol, das nackter, ehrlicher und gewaltiger daherkommt?
Einen Pokal zum Beispiel kann man schlecht bereifen lassen und tieferlegen, man wird niemanden repräsentativ darauf Platz nehmen lassen können, ja, man kann ihn sich nicht einmal um den Hals hängen wie anderen zweckbefreiten Klunker. Und auch Medaillen sind außerhalb von Stockerl, Siegesfeier und Pressetermin ein modisches No-Go.
Aber anders als andere Statussymbole lässt eine Trophäe keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie es ist, die uns zum Objekt macht, und nicht umgekehrt – aber wann fühlt sich das besser an als in diesem Fall, in dem man zum wortwörtlich Ausgezeichneten wird?

Seit dieser ersten Olympiade, die nicht die letzte sein sollte, sind fünfzig Winter, schneereiche und schneearme, ins Land gegangen. Was wurde eigentlich aus Friedrich Orths Trophäen-Schmiede?

Aus der Keimzelle im achten Wiener Gemeindebezirk wurde über die Jahre eine Firma mit dem vielleicht weltläufigsten Namen, den die Branche je gesehen hat: VICTORIA AWARDS.

Besonders stolz ist man bei Victoria Awards auf die Herstellung von VIP-Armbändern. Wegwerfware, Lochtechnik, Plastik. Aber wen interessiert schon Sportsgeist, wenn er bella figura am Society-Parkett machen und Haltungsbestnoten kassieren kann?

Ganz anders Innsbruck:
An der Fassade über dem Geschäftslokal in der Bürgerstraße steht noch immer in großen Lettern aus Metall „Friedrich Orth“. Hier ist lange nichts gemacht worden. Der Laden hat seinen Charme behalten, keine Frage.
Die Auslage wirkt gepflegt, die Scheiben zeugen von Frühjahrsputz, und überhaupt: Da kümmert sich jemand. Die weibliche Hand – ich nenne sie weiblich, ein Klischee pro Tag entspannt das Gehirn –, ist vor allem im rechten der beiden Schaufenster spürbar, da hängen Herzen aus Weideholz mit Schleifchen und Seidenblumen dran.
Darunter ein Pokal, der aus zwei getrennten, selbstverständlich kunstreich gravierten Sektflöten besteht, deren Stiele einander so kreuzen, dass die beiden, die gleichzeitig daraus trinken, einander an den Händen berühren und sich vielleicht sogar in die Augen schauen müssen; einen Liebestrank müsste man daraus trinken, Modell Tristan und Isolde. Ja, dieses opulente Werkstück hat das Zeug zur Bayreuth-Requisite und wird das Herz eines jeden Fast-wie-im-echten-Mittelalter-Fetischisten im Sturm erobern.

Für die weibliche Zielgruppe und für den Verkauf ganz allgemein ist, so sieht es aus, eine blonde Dame zuständig, eher umsichtige Haus- als knallharte Geschäftsfrau, eine, die, so nehme ich an, ganz einfach schöne Dinge mag und es versteht, mit einfachen Mitteln für Behaglichkeit zu sorgen. Sie will lieber nicht fotografiert werden, schade, sie ist bestimmt nicht unfotogen und sieht sogar aus wie frisch vom Friseur.
Nach einem kurzen Gespräch ist klar, es handelt sich um Frau Edeltraud Mifka, Gattin des Inhabers und, wie vermutet, verantwortlich für das gesunde Gegengewicht zum eher testosteronlastigen Hauptsegment. Sie gestaltet Kerzen für Hochzeiten und Taufen, gerne auch nach Sonderwünschen, alles Einzelstücke, sagt sie freundlich und lächelt sanft. Man sieht ihr an, dass sie das gerne macht.

Dann holt sie doch den Chef, Helmut Mifka Junior, der kennt sich besser mit dem Betrieb aus, meint sie. Herr Helmut Mifka wirkt etwas scheu, blass und nicht sehr mitteilsam. Er habe kein Interesse, dass über ihn geschrieben werde; er habe auch viel Arbeit im Moment. Er schiebt den Ärmel hoch, als er das sagt, und kratzt sich den Arm. Man sieht ihm an, von Gerede hält er prinzipiell nicht viel.
Wie er zu dem Geschäft gekommen sei? – Naja, habe er halt von seinem Vater übernommen und bei seinem Vater habe er den Beruf auch gelernt. Helmut Mifka Senior. Inzwischen sei aber fast nichts mehr so wie früher, graviert werde mit Laser, also Glas und Holz, fürs Metall gebe es die CNC-Fräse. Er verschränkt die Arme über der Brust und lehnt sich, etwas entspannter jetzt, zurück und an der Theke an.

Gravieren kann man prinzipiell alles, meint er unvermittelt und nickt.

Als ich frage, ob ich die Schaustücke in der Vitrine fotografieren dürfe, meint er, Fotos gebe es auch auf der Homepage, also gute Fotos, Fotos ohne Spiegelung. Er schluckt.
Und da sehe man dann auch den Karl Schranz, den Olympiazweiten von ’64, wie er dem Herrn Orth die Hand schüttelt, damals bei der Lokaleröffnung, ja, da war der Schranz auch dabei.
Herr Mifka wirkt kein bisschen unfreundlich, nur ziemlich reserviert, schüchtern – aber doch auch stolz, auf die Homepage wahrscheinlich und auf die Geschichte.

Ich sehe mich im Geschäftsraum um, studiere Flachmänner, auf denen „Flachfrau“ eingraviert steht, sehe Ehrentafeln der Wiltener Schützengilde, Schnapsgläser mit Tiroler Adler und die vielen, vielen Pokale in Kelch-mit-Henkel-Form, mit und ohne Deckel, Pokale, die mehr Statuen sind als Pokal, deren Formensprache schon gebrauchsfertig den Anlass oder die Sportart verrät.
Ringer, Golfer, Feuerwehrmänner in Schutzanzug und Löschpose, Rennlenkräder, Kanonenrohre, gestählte Körper in Aktion. Ein bisschen Kitsch, ein bisschen Leni Riefenstahl. Herr Mifka ist offensichtlich in die Werkstatt verschwunden.

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Seine Frau verrät mir, was sich am besten verkauft: die Pokale für die Kleinen vor allem, die sollen wirklich einen halbkugelförmigen Kelch haben und die dürfen auch richtig glänzen, gold, blau, Zierleisten, Strassbesatz.
Eishockeyspieler stehen dagegen auf voluminöse Kelche mit Riesenhenkeln.
Und bei Fußballern ganz beliebt: alles, was so ähnlich ausschaut wie der FIFA-Pokal, mit Kugel oben drauf, ob’s die Erdkugel ist oder ein Fußball, ist nicht so wichtig.
Die dynamische Riesenausgabe dieses dann doch recht phallischen Typs, die mit dem farbechten Fußball, der aussieht wie eine frisch geplatzte Frucht, aus dem gerade ein Spieler in Goldtrikot herausspringt, ja, dieses Modell gehe auch sehr gut, vor allem bei den türkischen Clubs. Die mögen es besonders grellglänzend und laut. Mentalitätsfrage. Bei uns gehe es ein bisschen dezenter zu, klassischer, nur die an der Antike inspirierten bauchigen Modelle in Vasenform, auf denen Ringer abgebildet sind, die gingen generell etwas schlechter.
Und die Damen?
Die Damen seien im Prinzip das Gegenteil von den türkischen Männen, sie mögen es bescheiden und vor allem funktional, und trotzdem soll’s was fürs Auge sein. Kristalle mit Solitärschliff zum Beispiel – halbes Kilo, ganzes, anderthalb –, bilderrahmenähnliche Selbststeher mit muschelähnlicher Chromverzierung an der Seite oder überhaupt ganz schlichte Glasvasen, keine Spur von Firlefanz. Damit könne man dann wenigstens was anfangen.

„Die Frauen nämlich“, sagt Edeltraud Mifka fast verschwörerisch, „wollen nicht nur was zum Abstauben haben. Davon hat man schon genug.“

Gravieren lassen kann man übrigens alles. Auch den Ikea-Billigspiegel oder das Stück Treibholz aus dem Inn, zum Beispiel mit dem Namen des Liebsten oder dem Einmaleins.
Und Gravieren kostet bestimmt weniger als Tätowieren und hat vermutlich auch sonst noch ein paar Vorteile.

Firma
Helmut Mifka
Bürgerstraße 28
6020 Innsbruck

geschäftl

von ELISABETH MAYR

Gast

One Comment

  1. Ich bin ganz in der Gegend aufgewachsen, aber sicher schon zwanzig Jahre nicht mehr im Geschäft gewesen: Danke für diese amüsante Zeitreise!

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