5

Wenn ich politische Macht wollte…

Angenommen es wären Wahlen… Angenommen ich wollte politische Macht ergreifen, erhalten oder erweitern – ob um ihrer selbst oder um meines Narzissmus willen… Ich würde nicht zögern,  ein erfolgsversprechendes Rezept anzuwenden, um ausreichend in der öffentlichen Diskussion präsent zu sein und das Interesse der Menschen auf mich zu lenken…

 

Der Aufwand dafür wäre enorm, auch nicht ganz risikofrei, und zusätzlich zeitintensiv – aber ich würde ihn nicht scheuen, wenn es mir um Macht ginge. Ich würde als erstes daran arbeiten das Gefühl mangelnder Teilnahmemöglichkeiten am politischen Geschehen in der Gesellschaft zu verstärken. Das könnte ich unter anderem dadurch erreichen, dass ich darauf achtete in den Schlagzeilen möglichst negativ präsent zu sein, etwa durch eine Reihe von Korruptionsvorwürfen, die idealerweise quer durch die Mitglieder meiner Partei erhoben würden. Ich würde in einem weiteren Schritt mich so wenig als möglich verteidigen und auf die Wichtigkeit meiner Funktion hinweisen. Ich würde kostspielige Freizeitvergnügen wählen und sie mir prominent sponsern lassen. Anschließend würde ich mich darüber empören, dass mein ehrliches Wort trotz meiner Bedeutung weniger zähle als die Verdachtsmomente.

 

Durch die intensive Wiederholung solcher und ähnlicher Schritte, würde es mir gelingen in der Bevölkerung das Gefühl zu bestärken, in unüberschaubaren autonomen Prozessen zu stehen, auf die als Quasi-Naturgesetze kaum Einfluss genommen werden kann. Dann würde ich mit dem Wahlkampf beginnen. Ich würde eine Plakatkampagne starten und mir jene Eigenschaften als Begriffe zuschreiben, die möglicherweise in der Politik vermisst werden, beispielsweise ehrlich, verlässlich oder konstruktiv. Darüber hinaus würde ich den sichtbaren Wahlkampf auf möglichst wenige Inhalte reduzieren. Idealerweise würde ich mir in der Zielgeraden einen altverdienten Herrn oder eine altverdiente Dame in mein Team holen, die schon einmal aufgrund finanzieller oder anderer Ungereimtheiten zurücktreten durfte, und würde diese Person anschließend genau deswegen als besonders ehrlich und zuverlässig bezeichnen. Ganz nebenbei würde ich mich in den von mir mitproduzierten, politisch etwas unsteten Zeiten als die sichere Kraft präsentieren.

 

Damit wäre mir schließlich gelungen, was ich bräuchte: Ich hätte viele Menschen politisch so weit verunsichert, dass sie Wählen nicht mehr als solches wahrnehmen würden und gerne zu Hause blieben. Andere könnte ich zur Identifikation mit mir bewegen – idealerweise jene, die endlich auch so viel Macht wollen und begreifen würden, dass ich der Garant dafür wäre, dass sich jeder und jede nehmen kann, was er oder sie begehrt. Den Übrigen würde ich schlicht versprechen, die sichere und gute Wahl zu sein. Auch würde ich keine Koalition von vornherein ausschließen, damit sich niemand vor meiner künftigen Macht zu fürchten bräuchte. Wenn ich gewählt würde, wüsste ich mich bei allen Wählerinnen und Wählern zu bedanken. Anschließend würde ich ausgiebig über die guten alten Werte sprechen.
 

Martin Varano

5 Comments

  1. Jetzt weißt du ja wie du es nicht machen würdest – wie würdest du es denn machen, wenn du nicht Macht haben, sondern Politik machen wolltest?

     

    Nur eins glaube ich nicht, dass die Leute aus Verunsicherung von Wahlen zu Hause bleiben sondern viel mehr aus Unzufriedenheit und tatsächlicher Unwählbarkeit aus Mangel an Programm und Inhalt. Ich hoffe irgendwann geht zum Kreuzlmachen zur Pfründeaufteilung überhaupt keiner mehr hin!

     

    Außerdem bin ich auch für die Verweigerung der Steuerbezahlung bis sich die Herren und Frauen Politiker mal wieder dazu bequemen Politik auch zu machen und sich nicht nur gegenseitig und untereinander die besagten Gelder in die eigenen Taschen und in die Taschen ihrer Verbündeten und Arschkriecher befördern.

  2.  Der Autor macht es sich meiner Meinung nach zu leicht, auch wenn er mit einigem recht hat. Der relative Erfolg der ÖVP Innsbruck hängt wirklich mit der katastrophal niedrigen Wahlbeteiligung zusammen – und mit dem Umstand, dass sie durch ihren Vorzustimmenwahlkampf ihre SympathisantInnen optimal mobilisieren konnten.

     

    Die Schwarzen sind stark in Vereinen, bei der Feuerwehr, Sportklubs, Volksbühnen etc. engagiert – und vielen wählen dann eben Personen (und die Partei gleich mit) und so konnte die ÖVP mit einem knappen Prozent Vorsprung stimmenstärkste Fraktion werden. Jetzt gibts eine Stichwahl und die Karten werden neu gemischt http://www.tt.com/Überblick/Politik/PolitikTirol/4647258-6/oppitz-plörer-schießt-scharf-gegen-platter-und-platzgummer.csp – schauen wir mal …

  3. Wahlbeteiligung hin – Wahlbeteiligung her. Was liegt, das pickt! Auch das ist Demokratie. Ich persönlich werde mich jedenfalls nicht für das eine oder andere Schwarz entscheiden. Pack schlägt sich – Pack verträgt sich und bei den nächsten GR-Wahlen werden die beiden aufgrund fehlenden FI-"Charismas" wahrscheinlich ohnehin wieder geschlossen als ÖVP antreten.

    Dass sich die Bürgermeisterin gegen einen Rechtsruck ausspricht, ist selbstverständlich begrüßenswert – und strategisch nicht unklug. Irgendein Abgrenzungsszenario brauchts ja zwischen den "Giganten" wie sich der ORF, nennen wir es ungeschickt, ausdrückt. Wer das FI-Interview auf provInnsbruck genau angehört hat wird jedoch merken, dass sich die gute Frau selbst ins rechte Eck plaudert. ("Links redet und Rechts handelt"… wie sie selbst sagt…)

    Und irgendwie kann ich jetzt, wo die Wahlen geschlagen sind und die eine oder andere Partei augenscheinlich wieder in den Partymodus a la La Boum die Fete umgeschalten hat  – obwohl sich nur mehr die Hälfte der Bevölkerung für Politik interessiert –  ja sogar verstehen, dass zum Beispiel die Grünen eifrig für die konservative Bürgermeisterin Stimmung machen. Der Wunsch auch endlich mitzuregieren zu dürfen sitzt tief und wird ja seit Jahren artikuliert.

    So zu tun, als ob FI der Garant dafür wäre, Innsbruck in Zukunft lebens- und liebenswerter weil "menschlicher", ein Wort, das vom ÖVP-Plakat nun aufs FI-Plakat übergesprungen ist, zu machen, halte ich jedoch für Augenauswischerei. Platzgummer ist ÖVPler. Oppitz-Plörer ist ÖVPlerin. Ach ja und Mutter. Mamma mia, aber nicht meine.

  4. @sebi, @gast 13,

     

    mir geht es in meinem Beitrag weniger um eine aktuelle Wahlanalyse als um einen sozialpsychologischen Interpretationsversuch. Mit Verunsicherung meine ich, dass immer größere Bevölkerungsanteile das Gefühl haben, an politischen Prozessen nicht mehr wirksam teilhaben zu können – was Wahlen aus dieser Sicht sinnloser erscheinen lässt. Wenn medial eine große Partei beispielsweise durch Korruptionsvorwürfe etc. überdurchschnittlich stark vertreten ist, steigert das das negative Gefühl gegenüber den offiziellen politischen Geschehnissen und auch gegenüber dem Bild von PolitikerInnen und Politikern – warum diese also überhaupt erst wählen gehen, wenn "ich eh nichts ändern kann"? Gleichzeitig vermute ich, dass Menschen, die sich in ihrem alltäglichen Handlungshorizont als unfrei wahrnehmen, sich genau mit jenen politischen Kräften identifizieren, die jene Macht ausstrahlen, die sie selber gerne hätten – was wiederum genau jene sind, die sich bestimmte Rechte einfach herausnehmen (ob dies nur medial vermittelt so erscheint oder real ist, ist vermutlich für diese Gefühle nur bedingt relevant). Zusätzlich erzeugen politische Verstimmungen und Ungereimtheiten bei vielen auch eine Angst vor Veränderung, was wiederum das erstarken konservativer Kräfte begünstigen kann. Dies alles sehe ich allerdings nicht pessimistisch als unumstößlich an – zahlreiche Wählerinnen und Wähler haben sich ja auch anders entschieden. Dennoch glaube ich, dass das negative öffentliche Erscheinungsbild bezüglich der Rollen von herrschenden Politikerinnen und Politikern bzw. Parteien (das sie sich durchaus selber mitzuzuschreiben haben) unbewusste Prozesse in Form von Identifizierung, Abwehr von Angst etc. begünstigt und verstärkt. Solche Prozesse mitzudenken ist ebenfalls der Versuch einer teilweisen Befreiung aus der Umklammerung von Ängsten und Sorgen.

  5. nicht zu vergessen ich – oder du – würden dann noch ca. 1,5 Mio in den Wahlkampf investieren.. daraufhin würden jene, die eigentlich objektiv berichten sollten, derartig dankbar oder sprachlos? dass Lobhudelei alles vergessen machte, was kritikwürdig wäre…

    Ja wenn das so wäre – das wäre echt arg. So schlimm kann die Realität nicht sein, wie in deiner Phantasie?!

Schreibe einen Kommentar zu Martin V. Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.