Mit dem Arsch zu den Bergen – ein Plädoyer für weniger Tirolität und mehr Innsbruckismus

Es ist noch nicht lange her, da haben diverse Lokalmedien und -politikerInnen in Innsbruck Purzelbäume geschlagen vor Freude über die Kür Innsbrucks zu einer von Europas zehn heißesten Destinationen durch CNN.

Ein Detail scheint dabei niemandem aufgefallen zu sein, nämlich jenes, wie CNN die Auswahl Innsbrucks begründete.
Mit hochkarätigen Kunstausstellungen und hippen Läden, wie bei Istanbul?
Mit faszinierender Architektur und einem hervorragenden Symphonieorchester, wie bei Reykjavik?
Mit kultigen Lokalen und interessanten Museen, wie bei Liverpool?
Mitnichten. Obwohl Innsbruck das alles und viel mehr aufweist, mussten wieder einmal die Nähe zu diversen Skigebieten, die Standseilbahn auf die Hungerburg und die Möglichkeit zum Mountainbiken durch historische Bergdörfer herhalten. Die eigentlichen Vorzüge der Stadt, all das, was selbiger ihr Gesicht gibt, nämlich Architektur, Kultur, Internationalität und urbane Diversität, blieb unerwähnt. Hätten die Jungs und Mädels in der CNN-Redaktion ihren Dartpfeil etwas versetzt geworfen, wäre der Titel halt St. Anton am Arschderwelt zugefallen. Dort gibt es den ganzen Bergfreizeitkram nämlich auch.
Insofern kann mir diese Ernennung gestohlen bleiben. Ein Mensch möchte ja auch seiner selbst wegen geliebt werden und nicht wegen der supertollen Tapeten in seiner Wohnung.

Kürzlich fragte mich an der Haltestelle Sillpark ein freundlicher älterer Herr mit holländischem Akzent und in voller Wintersportmontur (aber ohne Ski), wo es denn hier zur Skipiste und zum Skiverleih gehe. Eine Frage, die man, selbst gerade auf dem Weg ins Büro, mitten in der Innenstadt, umgeben von Menschengetümmel, Verkehrsgewühl und Hochhäusern (OK – im Moment noch nur einem einzigen Hochhaus), so eigentlich nicht unbedingt erwartet. Der Guteste freute sich nicht besonders, als ich ihm erklärte, welche Tram- und Buslinien er nehmen könne, um in sein ersehntes Hochgebirgsparadies zu kommen. Es liegt nahe, dass ihm Innsbruck als Wintersportort verkauft worden war (typischer Spruch der Tourismusmafia: in fünf Minuten zu den schönsten Pisten). Ja. Genau. Fünf Minuten ist die Wartezeit an den ersten zwei von etwa 100 Ampeln bis dorthin.

Es geht aber noch besser. Ein Artikel in der Presse vom 29. Dezember mit dem Titel „Innsbruck als Möglichkeitsraum“ betitelt Innsbruck als „Kleinstadt“. Die Kleinstadt Innsbruck warte mit einer Dichte an Bauwerken weltberühmter Architekten auf, steht dort. In einer österreichischen Zeitung. In einer deutschen wär’s ja noch verständlich und begrenzt verzeihbar, bei dem touristischen Image, das Innsbrucks Tourismusmarketing bis vor einiger Zeit noch gepflegt hat. Bergdorf mit eigenem Flughafen. Mittlerweile ist man dort ja wenigstens „alpin urban“ geworden, was auch immer das sein mag. Ich kenne nur urban urban.

Der Politikwissenschafter Ferdinand Karlhofer verstieg sich in der ORF-Berichterstattung zum Wehrpflicht-Volksbegehren noch während der Stimmenauszählung zu der Aussage, dass in Tirol wohl mit mehr Wehrpflichtbefürwortenden zu rechnen sei, weil das Bundesland noch stark ländlich geprägt sei, im Gegensatz zu Wien, oder aber zur Steiermark, wo es schließlich, und jetzt wird’s in diesem Kontext richtig bizarr, den großen städtischen Ballungsraum Graz gäbe.
Dem in Innsbruck tätigen Karlhofer scheint entgangen zu sein, dass sich vor seinem Büro in der Hauptuni weder Misthaufen auftürmen noch Traktorrennen stattfinden, er sich also eigentlich selbst in einem großen städtischen Ballungsraum befindet. Am Ende waren dann in der karlhoferschen Kürbiskernmetropole auch nur 42,3% gegen die Wehrpflicht, im vermeintlich kuhdörflicheren Innsbruck aber 44,7%. Es lebe der vielleicht doch nicht unbedingt urbanere Steirerhut.

Äußerst originell auch ein Diskutant in einem Onlineforum, der behauptete, dass Innsbruck keine Vororte hätte, sondern nur Umlandgemeinden. Vororte besäßen schließlich nur große Städte.

Und dann war da noch jener Bekannte, der in einer Diskussion mit mir darauf beharrte, dass es so etwas wie eine Metropolregion Innsbruck gar nicht geben könne, weil Innsbruck ja schließlich keine Metropole sei.

Woher kommt sie, diese sich unter manchen Menschen hartnäckig haltende vorsätzliche Ausblendung des großstädtischen Wesens unserer Stadt? Welche Wirrungen haben dazu geführt, dass manche Innsbruckerinnen und Innsbrucker die Stadt ganz offensichtlich nur als einen von vielen Orten im Inntal wahrzunehmen scheinen, und nicht als die durchaus eine gewisse weltweite Bekanntheit genießende Regionalmetropole, die sie in Wahrheit ist, und auf die all die anderen Orte ausgerichtet sind?
Trifft der Satz etwa immer noch zu, den ein mir leider nicht mehr mit Sicherheit erinnerlicher Autor, möglicherweise war es Helmut Schönauer, einst verfasste und der sich mir damals nachhaltig einprägte:

„Die Innsbrucker leben mit dem Gesicht zu den Bergen und mit dem Arsch zur Stadt“?

Eine große Stadt definiert sich nicht durch ihre Umgebung, sondern durch sich selbst.
Durch die Menschen, die an ihr schrauben und basteln, die sie umbauen und neu bauen, die darin leben und kleben. Durch den bunten Mix der Kulturen. Den niemals endenden Tango der Schatten- und Lichtgestalten. Sie definiert sich auch durch ihre Architektur, durch all die von Menschen geschaffenen großen und kleinen Objekte, durch ihre Trashigkeit und ihre Bohème, durch unzählige, überall verteilte und im Stadtraum sichtbare Spuren kreativer Köpfe. Da wird verwaltet und gestaltet, gelehrt und verkehrt, gebaut und verhaut. Es sind unzählige kleine Mosaiksteinchen, die die Stadt zu dem machen, was sie ist. Sie alle haben eines gemein, nämlich ihre Künstlichkeit. Der Mensch hat sie gemacht. Innsbruck ist nicht seine Naturkulisse, sondern das von uns Menschen geschaffene, sich permanent verändernde und weiter wachsende Gesamtkunstwerk.

Ich bin Hobbyfotograf, und wenn ich die Stadt fotografiere, dann bemühe ich mich, die Berge weitgehend auszublenden. Lichtstarke Objektive und kleine Blendenzahlen sind da oft hilfreich. Ich bin auch froh um jede Nebelschwade, die den Hintergrund neutralisiert. Jedes noch so gute Motiv verliert seine eigentliche Aussage, wenn die Berge die visuelle Herrschaft an sich reißen.
Man fotografiert Innsbruck am besten ost-west-orientiert. Steinhaufenfrei.
Ich mache auch gern Landschaftsfotos in den Bergen, das ist aber etwas anderes. Da will und brauche ich dann keine sichtbaren Spuren der Zivilisation.

Es muss manchen von uns vielleicht erst einmal bewusst werden: diese Stadt ist eine Großstadt. Sie ist die Mutter, die uns im Denken nährt, die uns alles bietet, was wir brauchen, geistig und materiell. Denn sie kann es. Sie ist die bunte Vielfalt. Sie ist keine dünne Kulisse vor allgewaltiger Natur. Das unterscheidet sie von den kleinen Orten im Inntal und überall auf der Welt, wo eurem Gehirn die Füße einschlafen, während die neue Fassadengestaltung der Ortstankstelle als kulturelle Innovation gefeiert wird oder zum hundersten Mal alternativlos die selbe Brauchtumsveranstaltung abläuft. Die haben dort am Land nichts anderes, die müssen auf die Berge setzen. Wir nicht.

Das hier ist nicht Tirol. Das hier ist die Kernstadt der EU-Metropolregion Innsbruck mit dem Metro-Code AT005M.
Bedenkt das und stellt euch doch bitte mit dem Gesicht in die richtige Richtung.

11 Antworten : “Mit dem Arsch zu den Bergen – ein Plädoyer für weniger Tirolität und mehr Innsbruckismus”

  1. arthurius sagt:

     Innsbruck ist genau das, was es ist: eine kleinstadt in einem ländlich-geprägten Bundesland in den Alpen. Definiert durch die Berge die es umgeben, das kleinräumige Denken seiner Bewohner_innen und es hat halt aus historischen Gründen eine Universität. Ohne die Monarchie hätte wohl Innsbruck genauso keine Uni gehabt wie es bei Bozen oder Klagenfurt lange der Fall war 😉

     

    Wer eine Zeit in der Welt herumgereist ist, und in anderen Städten (wirklichen Städten!) gewohnt hat, für den ist eines schnell klar: Innsbruck ist keine Großsstadt. Nichtmal eine Stadt. Innsbruck ist ein Freiluftmuseum in den Bergen. Aber keine Stadt. Das wäre Selbstbetrug.

    • KlausiMaier sagt:

      Schöner kann man es nicht auf den Punkt bringen Arthurius! Wer schon mal in Berlin, Paris, London, New York usw. war weiß, Innsbruck ist ein Dorf! Aber ein schönes Dorf wo ich alles bekommen kann was man sich wünscht. Nette Lokale, Einkaufsmöglichkeiten, Sport, Lifestyle und wer drauf steht holt sich den "Kick" in einer gefährlichen Gegend wie den Bögen und macht die Nacht zum Tag…

  2. Klabautermann sagt:

    Warum nicht das Kleine im Großen schätzen. In Innsbruck gibt es oft in einer Straße auf der einen Seite städtische, oder meinetwegen auch großstädtische Gründerzeithäuser, und auf der anderen Straßenseite ehemalige zu Bürgerhäusern umgebaute Bauernhäuser, oder zum Teil auch noch wirkliche Bauernhäuser. So etwa in Wilten (Neurauthgasse), Hötting und Pradl. Und das erscheint mir als das Liebenswerte an Innsbruck, auch wenn es das in anderen österreichischen Landeshauptstädten  vielleicht auch geben mag. Aber hier fällt es mir immer wieder auf.

  3. Andreas Wiesinger sagt:

     

    Was Innsbruck auszeichnet, ist neben der beeindruckenden Naturkulisse vor allem die geographische Lage. Ein Freund von mir hat IBK einmal als "Stadt zwischen Europa" bezeichnet und das finde ich sehr zutreffend: Innsbruck liegt nicht nur geographisch, sondern auch kulturell zwischen Deutschland und Italien, die Stadt ist sehr zentral – München, Zürich, Milano sind von hier aus in wenigen Stunden locker erreichbar. 

     

    Innsbruck ist Transit, ist die Brückenstadt zwischen Nord und Süd – das beeinträchtigt die Luftqualität, es eröffnet aber auch neue Perspektiven und offenbart kulturelle Bruchlinien ebenso wie Verbindungen. Zur ewigen Diskussion, ob Innsbruck denn nun eine "echte (Groß-)Stadt" sei oder nicht, möchte ich auf das auch schon etwas ältere Projekt TirolCity verweisen, das sehr interessante Perspektiven eröffnet: Im Prinzip geht es darum, das gesamte Inntal als urbanen Raum zu begreifen.

     

  4. Echter Innsbrucker sagt:

    Ich finde absolut nicht, dass Innsbruck eine Grossstadt ist! Innsbruck ist eine kleine Stadt, aber ganz sicher eine feine. Und ja, Graz ist eine weitaus grössere Stadt. Innsbruck hat ca. 120000 Einwohner, Graz ca. 270000. Innsbruck hat faszinierender Architektur und einem hervorragenden Symphonieorchester, wie Rekjavik, oder auch kultige Lokale und interessanten Museen, wie Liverpool. Innsbruck hat aber auch Berge, im Gegensatz zu anderen Städten. Und wie ein/e Vorposter/in schon geschrieben hat, Innsbruck hat auch seinen ländlichen Charme von einem Bauerndorf. Als ambitionierter Fotograf wundert mich eigentlich, dass du das noch nie so gesehen hast.

    Innsbruck hat sicherlich mehr als Berge, was es auch von St. Anton am Arlberg unterscheidet, aber auch die Berge sind ein sehr grosses Wahrzeichen unserer Stadt.

  5. Manni sagt:

    Zur Frage, ob Innsbruck eine Großstadt ist oder nicht: das ist keine Glaubensfrage. In Österreich gibt es den Begriff offiziell nicht, aber laut deutscher Definition beginnt eine Großstadt bei 100.000 EinwohnerInnen. Somit ist Innsbruck eine Großstadt.

    In Österreich wird der Begriff von Wien umgangssprachlich für sich allein beansprucht. Das heisst aber noch lange nicht, dass Restösterreich das akzeptieren muss.

  6. Nochn Piefke sagt:

    Was mir als Außenstehendem auffällt, ist das seltsame Verhältnis der meisten Innsbrucker zu ihrer Stadt. Anscheinend gehört es hierzulande zum guten Ton, Innsbruck provinziell, dörflich und langweilig zu finden. Vielleicht halten viele es für ein Zeichen von Intellektualität und Weltläufigkeit, die eigene Heimatstadt schlecht zu reden?

    Der Artikel ist sehr amüsant, nur eine kleine Anmerkung: Ganz ohne Berge wäre Innsbruck auch nicht das, was es ist. Gerade die Verbindung von Stadt und Berge macht doch den Reiz aus.

  7. stadtlandfluss sagt:

    der text ist gut geschrieben. mit dem, was er zum inhalt hat, kann ich trotzdem nicht übereinstimmen. in einer glokalen gesellschaft ist das gegenseitige ausspielen von stadt vs. land naiv und wenig zielführend. egal ob es von seiten der landidylliker kommt ("echt", "authentisch", was weiß ich) oder von seiten der urbanfetischisten ("bunt", "kreativ", blabla).

    und zur fotografie: eine gute fotografie lebt vom plötzlichen auftauchen des unerwarteten (dem sog. punktum bei w. benjamin). es kann also weder ums ausblenden von zivilisation in naturregionen gehen, um einen homogenen sehnsuchtsort herzustellen, noch um das herstellen vermeintlicher oder echter (?) urbanität durch das ausblenden der natur oder lodentragender freunde der volksmusik. dadurch würde fotografie zu einem nivellierungsinstrument in dem sinne, wie es die werbung einsetzt. 

     

  8. Marco sagt:

    Mit dem Inhalt stimme ich zwar nicht überein aber dafür hier ein vielleicht passender Beitrag in der NY Times ^^ (via @ArminWolf). travel.nytimes.com/2013/02/03/travel/36-hours-in-innsbruck-austria.html

  9. Gast20131 sagt:

    Stellt man Innsbruck mit Gesamttirol in den Kontext, so mag es DIE (Gross-)Stadt im Land sein.

    Aber schaut man über den Tellerand hinaus und vergleicht, so ist alles relativ.
     

    "Das unterscheidet sie von den kleinen Orten im Inntal und überall auf der Welt, wo eurem Gehirn die Füße einschlafen, während die neue Fassadengestaltung der Ortstankstelle als kulturelle Innovation gefeiert wird oder zum hundersten Mal alternativlos die selbe Brauchtumsveranstaltung abläuft. Die haben dort am Land nichts anderes, die müssen auf die Berge setzen."

    Sticht IBK durch herausragende kuturelle Veranstaltungen heraus? Nein, Jahreshöhepunkte der Einheimischen (Touristen bekommen dies ja eher zufällig mit) sind der alljährliche alkoholgeschwängerte Fasching, Bergsilvester / Schützenparaden am Rennweg, oder unsägliches Nightshopping. Da ist die kulturelle Innovation genauso auf der Streckn bliebn.

    Wo sind die Stadtteilfeste ? Warum wehrt sich die Stadt auch, die Theresienstrasse anstatt dem Konsum auch mal der Kultur zur Verfügung zu stellen, Stichwort Strassenfest.

    Warum nur1x im Jahr eine "Nacht der Museen", welche auch nur durch Initiative des ORF 2012 stattfand ! Warum nur 1x im Jahr einen Tag des Denkmals http://www.tagdesdenkmals.at/tirol/, welcher ajuch auf eine europaweiten Idee basiert.

    Da fehlt einfach die Initiative der Verantwortlichen hier der Stadt eine eigene Initiative weg vom alpenländischen 1×1 zu geben.

    Wie dein Beispiel mit dem Touristen aus Holland zeigt, verbinden viele Auswärtige/Touristen IBK immernoch "nur" mit Bergen, Schnee, Skifahren, Apres Ski. Gestrandet ist der Arme dann zwischen Frachtenbahnhof  und dem EKZ Sillpark. Hättest du ihn am besten Fragen sollen, wie er sich IBK vorgestellt hat, bzw. wie es auf ihn jetzt wirkt. 

    Ironischerweise verstehen aber viele Auswärtige (gleich ob Bekannte/Freunde aus dem Ausland oder der verzweifelte Tourist) dann wieder nicht, dass z.B. am Sonntag nur 1 Supermarkt in der ganzen Stadt geöffnet sei (am Hauptbahnhof). Sie schmunzeln dann ob dem seitens der Tourismusbranche verliehenen Slogan "Capital of the alps" / "Hauptstadt der Alpen".

    Guys, this is Innsbruck!

     

     

     

     

     

  10. i sagt:

    über der stadt donnern die flugzeuge, in der einflugsschneise der alpinen mcdonaldisierung, des ausverkaufs, der speichelleckerei dienst-leist-ung genannt. wer zahlt, schafft sich an. und den anderen wird angeschafft.

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