Innsbruck – eine Liebesgeschichte

Mittlerweile ist mein zwölftes Jahr in Innsbruck angebrochen und gerade in den letzten Wochen habe ich mir viele Gedanken über meine mittlerweile nicht mehr so neue Heimat gemacht.

Gleichzeitig mit Herbst- und Unibeginn habe ich auch meine Leidenschaft für das Spazierengehen entdeckt und streunere so des öfteren durch die kleine Stadt, die manche auch gerne mit einer Provinz gleichsetzen, und sehe die verschiedensten Menschen im Vorbeigehen, sehe Baustellen, die Neues entstehen lassen oder Altes verbessern wollen, entdecke immer wieder bis dato für mich Verborgenes und das alles vor einer der schönsten Kulissen, die die Welt zu bieten hat: Die Nordkette und der Patscherkofel immer in Sichtweite – als Orientierungspunkt für den eigenen Standort und als Anschauungsobjekt für die Jahreszeiten, die wir durchlaufen…

 

…so schlendere ich in Begleitung von Jamie Lidell vergangenen Sonntagnachmittag die Weinhartstrasse entlang, um mir meinen liebgewordenen sonntäglichen Kaffee in der Bäckerei abzuholen und blicke blinzelnd zur Frau Hitt hoch und plötzlich überkommt mich seit Jahren wieder dieses Gefühl. Das Gefühl, das einen ab und zu überrascht, wenn man eine/n langjährige/n Freund/in betrachtet und einem plötzlich wieder einfällt, warum man soviel und so gerne Zeit miteinander verbringt – man lächelt ihn oder sie an und er oder sie lächelt zurück und es ist schön, anzunehmen, dass das Gegenüber gerade dasselbe empfindet.

Aber zurück zu unserem kleinen Zuhause… wie ich dann so weitergehe und mich mit meinem Kaffee auf einen der Sessel der Bäckerei in die Restsonne setze – immer noch mit diesem wohligen Gefühl im Bauch – lasse ich die letzten elf Jahre in dieser Stadt Revue passieren und versuche, dieses wiedererlangte Gefühl für Innsbruck für mich zu konkretisieren.

Ich liebe diese Stadt. Ich habe sie zwar nicht ständig wertgeschätzt, als schön oder interessant empfunden, verstanden, jedoch gab es seit meiner Ankunft im Herbst 1999 in dem alten Mazda, der mich dann in der Glasmalereistrasse absetzte, nicht einen Moment, in dem ich mich hier nicht heimisch fühlte. Zuerst war es nur so eine Ahnung, eine vage Erwartung, wenn man will auch ein Versprechen. Sie hat mich mit offenen Armen empfangen – innerhalb einer Woche hatte ich einen Nebenjob in den Bögen, lernte so die Menschen kennen, die mich zum Grossteil bis heute begleiten und hatte auch bald eine Idee davon, was die Stadt so alles kann.

Und im Gegensatz zu vielen EinwohnerInnen Innsbrucks sehe ich in letzter Zeit sehr bewusst, dass diese Stadt viel kann – und vor allem die Leute, die hier leben und werken dürfen.

Ich sehe die InnsbruckerInnen und bin begeistert von der Vielseitigkeit, die sich durch sie wiederspiegelt. Menschen, von denen die meisten eine Leidenschaft leben und diese auch durch ihre Taten und ihre Worte zum Ausdruck bringen.
Menschen, die fast bar jeder Vernunft Projekte auf die Beine stellen, die sich engagieren, um ihre Liebe zur Musik, zur Kunst, zum Sport, zur Literatur an Innsbruck weiterzugeben. Viele, die dies auch machen, obwohl der meist nicht einmal erhoffte Erfolg ausbleibt. Ich sehe Baustellen, an denen etwas Neues entsteht – Umbauten, die auch in der Nacht nicht stillstehen, die vieles versprechen und auch versuchen, zu halten.

Ich sehe Menschen mit ihren Plattensammlungen durch die Stadt marschieren, um irgendwo für irgendwen den Soundtrack für die Nacht zu liefern. Menschen, die sich auf den ersten Blick nur auf einen Kaffee treffen, aber die – wenn man ein wenig zuhört – etwas aushecken, was wieder eine Bereicherung für die Gemeinschaft darstellen könnte. Snowboards unter den Armen, Skateboards unter den Füßen, zusammengebastelte Fahrräder unter den Hintern, Stöpseln in den Ohren, Bücher in den Händen.

Ich höre Ideen und Vorstellungen und hoffe, dass die Sprecherinnen sich entgegen allen Punkten, die dagegen sprechen könnten, für das Machen entscheiden.
Mir scheint es doch tatsächlich so, dass es doch noch einige ambitionierte, mutige und engagierte InnsbruckerInnen gibt, denn wie sonst lässt es sich erklären, dass es Tage und Nächte gibt, in denen man verflucht, dass dort ein Lokal Jubiläum feiert während an anderer Stelle ein Konzert stattfindet, dass es hier eine Lesung gibt während man sich doch eigentlich schon seit Tagen auf die Party dort gefreut hat. Und dazwischen immer wieder die Absacker in den bekannten Klassikern.

Und dann schlendert man durch die Strassen und es begegnen zwischen neuen und unbekannten Gesichtern die bekannten, die lächeln, die Zeit auf einen kurzen Quatscher haben, die neben dem üblichen Smalltalk wirklich etwas zu sagen haben, lustige Anekdoten, Geheimtipps, Gossip.

Doch die schönsten Momente sind die, in denen unbekannte Gesichter zu bekannten werden, in denen bekannte Gesichter zu vertrauten Personen werden. An Tagen und Abenden und Nächten, von denen man glaubt, dass sie sich doch alle irgendwie ähneln. Doch es werden Geschichten geschrieben, Verknüpfungen erstellt, Ideen geboren. Und dann sitzt man da „einfach nur so herum“ und manchmal erkennt man dann doch, dass es gut ist, hier zu leben. In dieser Stadt. Mit Euch.

 

Text: Karin Hollenstein

Bild: Winfried W. Linde

12 Antworten : “Innsbruck – eine Liebesgeschichte”

  1. Gast4711 sagt:

    Sehr nett geschrieben!

    Aber ein kleiner Einspruch: BewohnerInnen von Städten wie Innsbruck, Salzburg, Linz, Graz hören es nicht so gern, wenn "ihre" Stadt als "klein" bezeichnet wird. Das ist kein positives Attribut. Ibk ist nicht klein.Gottseidank nicht!

    • Gast345 sagt:

      innsbruck ist klein. der artikel ist auf einer seite die provinnsbruck heißt. innsbruck ist eine provinzstadt. aber immerhin eine stadt. klein ists trotzdem

  2. B. sagt:

    … die schönsten Momente sind die, … in denen bekannte Gesichter zu vertrauten Personen werden …

     

    ..schön gedacht gefühlt geschrieben..

    Bernd

  3. Garst sagt:

    Unsere baustellen sind noch niemals so schön verpackt worden!

  4. kleener punker sagt:

    Fakt ist: Innsbruck ist keine Großstadt, nicht einmal annähernd … wer anderes behauptet, macht sich lächerlich. Ob Innsbruck als "groß" bezeichnet werden kann, hängt davon ab, was man vergleichsweise heranzieht: Tirolweit ist es die größte Stadt, in Österreich im Mittelfeld, im Vergleich zu Berlin, Rom, Paris: bestenfalls ein Städtchen. 

     

    Einige der Vorteile Innsbrucks liegen genau darin begründet, dass es eben eine vergleichsweise kleine, überschaubare Stadt ist: Kurze Wege und daher schnelle Erreichbarkeit, direkte Nähe zu Bergen und Naherholungsgebieten und ein Stadtbild, das auf kleiner Fläche sehr vieles zu bieten hat: Small isch eben beautyful 😉

  5. Gast1367 sagt:

    Innsbruck ist laut Definition eine Großstadt – siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fstadt#Gro.C3.9Fst.C3.A4dte_in_.C3.96sterreich und Kernstadt einer Metropolregion.



    Eine Millionenstadt ist’s natürlich nicht. Schon Wien ist eine ganz andere Klasse, von Megastädten wie London oder Moskau ganz zu schweigen. "Klein" und "groß" sind relativ. Klar sind Österreichs "Großstädte" überschaubar, Innsbruck oder Graz oder Salzburg sind in ein, zwei Stunden zu Fuß durchquert. Aber diese Städte als "klein" abzutun, ist irgendwie herabwürdigend, da gebe ich dem Ausgangsposter Recht. 

  6. Tobi sagt:

    Danke für den Text! 

    Gefällt mir sehr gut… man kommt ja fast ein bisschen ins Schwärmen für diese Stadt, vor allem, wenn man sie mal nicht um sich rum hat.

    Danke provinnsbruck.

     

  7. bernhard sagt:

    mein kompliment an jeden, der es in diesem dreckskaff länger als zwei tage aushält, ohne völlig wahsinnig oder vielleicht besser gesagt schwachsinnig zu werden. ich selbst lebe seit fast vierzig jahren in diesem dorf, das sich den stadtstatus anmaßt, ja auf verzweifelte weise als stadt, weiland sogar weltstadt vermarktet und ich habe ausnahmslos die bekanntschaft von wahnsinnigen und schwachsinnigen, hauptsächlich aber wahnsinnig schwachsinnigen ertragen müssen.

    • Tobias sagt:

      … bei Ihnen scheint der Wahnsinn ja schon Halt gemacht zu haben… so viel Negativität kennt man ja sonst nur aus dem Osten.

    • Christine Pernlochner-Kügler sagt:

      mein tipp:

      wenn einem innbruck nicht gefällt: ganz einfach woanders hinziehen. wer nur mehr wahnsinnige um sich herum sieht, sollte sich fragen, ob er nicht selber einen wahn hat.

      • Whisker sagt:

        @bernhard:
        > mein kompliment an jeden, der es in diesem dreckskaff länger als
        > zwei tage aushält,
        Es zwingt dich niemand, hier zu wohnen, wenns dir hier nicht gefällt. Ich habe selbst fünf Jahre in Wien und insgesamt sechs Jahre in Bregenz und Bludenz gewohnt, daher weiß ich, dass es anderswo auch schön ist – und dass Innsbruck durchaus auch seine Qualitäten hat.
        Wien hat z.B. eine riesige Auswahl an Veranstaltungen und Lokalen, aber war mir fast schon etwas zu groß (weil unübersichtlich), und vor allem: den Winter dort muß man erst mal aushalten (der Sommer kann dort allerdings einiges).
        Bregenz ist mit ~30.000 Einwohnern schon fast schnuckelig im Vergleich zu Ibk, aber man fühlt sich doch meistens wie in einer „echten“ Stadt (und man hat Dornbirn in der Nähe, das ca. 1,5 mal so groß ist).
        Einzig Bludenz war wirklich nicht meins, weils ziemlich genau ein Zehntel der Einwohner Innsbrucks hat (~13.000) und wirklich ein Nest ist (aber da gibts auch wieder Leute, denen das gefällt, ich gehör halt nur nicht dazu).
        Also, wie gesagt: wenn dir Innsbruck nicht gefällt, dann schau dich halt ein bißchen um. Wie gesagt, du mußt ja nicht hier wohnen, wenns dir hier überhaupt nicht gefällt.

        > ich selbst lebe seit fast vierzig jahren
        > in diesem dorf, das sich den stadtstatus
        > anmaßt
        Also anmaßen tut sich Ibk da gar nichts, gerade im Verhältnis zu ihrer Größe hat die Stadt einiges zu bieten. Und zwar auch wegen der vielen Studenten, welche die meiste Zeit des Jahres hier sind, davon profitiert Ibk sicher sehr.

        @Christine Pernlochner-Kügler:
        > wenn einem innbruck nicht gefällt: ganz einfach woanders
        > hinziehen. wer nur mehr wahnsinnige um sich herum sieht,
        > sollte sich fragen, ob er nicht selber einen wahn hat.
        Meine Rede. Ich denk, wenn man 40 Jahre in einer Stadt wohnt, die einem offensichtlich nicht gefällt, dann sollte man sich besser fragen, ob man nicht schon lange etwas falsch macht, anstatt zu keppeln.
        Denn durch letzteres verbessert sich garantiert nichts.

  8. F. sagt:

    blaaaaaaaa.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.