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Leerstand sichtbar machen – Mariahilfstraße

Im zweiten Teil der Serie „Leerstand sichtbar machen“ werfen wir einen Blick auf den privaten Immobilienmarkt in Innsbruck. Während rund 2.300 Menschen für eine halbwegs leistbare Sozialwohnung vorgemerkt sind, floriert das Geschäft mit Wohnraum am freien Markt. Preise von mehr als 6.000 Euro pro Quadratmeter sind keine Seltenheit und Mieten in der Höhe von 20 Euro pro Quadratmeter längst Standard. Die Politik ist völlig hilflos und/oder hält sich an der zahlungskräftigen Klientel der Anleger schadlos. Denn es gilt: Geld schafft an. Wer Wohnraum besitzt, kann damit machen, was immer er will. Ein besonders dreistes Beispiel dafür findet sich mitten im Herzen Innsbrucks.

Die berühmte Postkartenidylle am nördlichen Innufer zählt zu den beliebtesten Fotomotiven der Stadt. Pittoreske Fassaden in knallbunten Farben umrahmt vom gewaltig schroffen Massiv der Nordkette. Doch zwei Häuschen der Zeile strahlen weniger prächtig. Bei den Adressen Mariahilfstraße Nr. 4 (grünes Haus) sowie Mariahilfstraße Nr. 2 (gelbes Haus an der Kreuzung zur Höttingergasse), ist bis auf den Copyshop im Parterre niemand anzutreffen. Seit rund zehn Jahren steht das gelbe Haus leer, das angrenzende grüne gar seit mehr als zwanzig. Die verwitterten Fassaden, die teils kaputten Fenster und das rissige Mauerwerk zeugen von der jahrzehntelangen Vernachlässigung.

Häuser mit jahrhundertealter Geschichte
Die zwei Gebäude gehören zum ältesten Baubestand Innsbrucks und lassen sich bis ins Jahr 1466 mit schriftlichen Belegen zurückverfolgen. Die Häuser weisen gotische Bausubstanz auf und Haus Nr. 2 verfügt mit dem frühgotischen Relief an der Ecke zur Höttingergasse, das aus dem Jahr 1430 stammt, über das älteste Wandrelief Innsbrucks. Es zeigt Christus am Kreuz zwischen Maria und Johannes, in den Seitenfeldern sind der Hl. Nikolaus sowie eine weitere gekrönte Heilige ohne Attribute zu sehen. Als „Gasthaus zum Goldenen Greifen“, wird es seit 1600 in den Chroniken geführt.

Dieser Name taucht bis in das 19. Jahrhundert immer wieder auf. Das anschließende grüne Haus Nr. 4 beherbergte im 17. Jahrhundert einen Schusterladen und Anfang des 20. Jahrhunderts einen Uhrmacherbetrieb. Im Erdgeschoß befindet sich hofseitig ein viereckiger Raum mit Sternrippengewölbe, den „derbe Malereien“ (datiert 1915) zieren. Im 3. Obergeschoß des Hauses, zwischen dem mittleren und dem rechten Fenster, wurde eine Kanonenkugel ins Mauerwerk eingelassen, die das Datum „2. April 1809“ ziert – wobei es sich hier um einen Fehler in der Aufzeichnung handeln könnte, da die erste Schlacht am Bergisel am 12. April 1809 stattfand.

Ensemble unter Ortsbild- und Denkmalschutz
Beide Häuser sowie das Hotel Mondschein in der Mariahilfstraße Nr. 6 gehören einer wohlhabenden Innsbrucker Familie. Sie erwarb die Immobilien Mitte der 1970er Jahre (Nr. 6.) und in den Jahren danach. Das Problem für die Eigentümer: Alle Gebäude der Straße stehen als Ensemble unter Ortsbildschutz sowie Mariahilfstraße Nr. 2 und 6 zudem unter Denkmalschutz. Während der Ortsbildschutz in die Kompetenz des Landes fällt, ist der Denkmalschutz, der rund 60 Prozent dieser Häuserfront betrifft, Bundessache. Beide Formen der Bewahrung historischer Bausubstanz bedeuten für den Eigentümer, dass er sie nicht nach eigenem Gutdünken umbauen oder verändern kann.

Affront gegenüber Denkmalamt
Die Besitzer des „Hotel Mondschein“ wollten das Haus Anfang der 1980er Jahre aufstocken, um Platz für zusätzliche Zimmer zu schaffen. Doch das Denkmalamt verweigerte die Zustimmung. Wie es dennoch zur Erweiterung kam, davon wissen heute nur noch einige Nachbarn zu erzählen: Die Besitzer wollten sich vom Denkmalamt nicht bevormunden lassen. Im Sommer 1981 wartete man kurzerhand ab, bis der damalige Landeskonservator seinen Urlaub antrat und begann dann eigenmächtig mit dem Abriss des Dachstuhles. Das derart überrumpelte Denkmalamt ließ die Bauarbeiten nach der Rückkehr des Landeskonservators sofort einstellen.

Es kam zu einem gerichtlichen Nachspiel und einem – wie es seitens der Behörde heißt – „faulen Kompromiss“: Der begonnene Umbau durfte trotz Denkmalschutz fortgesetzt werden.
Die ebenfalls den Hoteleignern gehörenden Häuser Mariahilfstraße Nr. 4.und Nr. 2 waren als Erweiterung des Hotels gedacht. Um sie zu adaptieren, wären umfangreiche und kostspielige Bauarbeiten nötig. Während Nr. 4 „nur“ unter Ortsbildschutz steht, ist Nr. 2 denkmalgeschützt, was bedeutet, dass auch der gesamte Innenbereich nicht verändert werden darf.

Eine Renovierung der Häuser ist demnach mit entsprechendem Aufwand verbunden. Wobei seitens des Denkmalamtes darauf verwiesen wird, dass dafür großzügige Fördermittel vergeben werden. Doch das Einvernehmen zwischen Denkmalamt und den Eigentümern ist seit der Hotelanekdote nicht unbedingt herzlich. Und zum Renovieren zwingen könne man schließlich niemanden, heißt es seitens der Behörde, die den Leerstand offenkundig bedauert.

Trotziger Leerstand?
Die so genannte „Ersatzvornahme“, also den eigenmächtigen Eingriff des Denkmalamtes, um eine Gebäude vor dem endgültigen Verfall zu retten, ist juristisch heikel und wird nur als ultima ratio herangezogen. So schlimm sei es um die Substanz beider Häuser jedoch (noch) nicht bestellt. In Sachen Ortsbildschutz wäre die Stadtpolitik gefragt. Sie könnte auf den Besitzer einwirken, um ihn zum Renovieren zu bewegen oder zum Veräußern des Gebäudes, wenn er es nicht selbst nutzen möchte. Doch auch hier passiert nichts.

Für Außenstehende scheint es, als ob beide Häuser „Opfer“ eines Machtkampfes sind, den die einflussreichen Besitzer mit dem Denkmal- und Ortsbildschutz ausfechten. Und weil kein Nutzungsdruck zu bestehen scheint, lässt man die Gebäude einfach leer stehen und gibt sie dem Verfall preis. Die Besitzer waren trotz mehrmaliger Anfrage zu keinem Gespräch bereit. Natürlich ist die Nichtnutzung absolut legal. Jeder darf Häuser kaufen und sie ungenutzt verfallen lassen.

Christian

Helfen Sie uns, Leerstand in Innsbruck sichtbar zu machen. Melden Sie sich bei uns, wenn Sie Wohnungen oder Häuser kennen, die seit längerer Zeit ungenutzt leer stehen:
leerstand.innsbruck@hotmail.com

7 Comments

  1. Gut recherchierte Geschichte! Vielleicht sollte da der Gesetzgeber (Bund) mal daran denken, dass der Besitz eines Hauses auch dazu verpflichtet, dieses zu vermieten und eben nicht verfallen zu lassen. Das würde zwar ein großes Geschrei geben von wegen Eingriff in die Besitzfreiheit oder Eigentum, andersrum aber sollte Wohnraum zu kostbar sein, um ihn einfach verfallen zu lassen.

    • quelle bbc

      in england dürfen länger leerstehende wonungen/häuser gratis bewohnt werden!!!
      (man muss nur ohne beschädigung – also durch ein offenes fenster z.b. – in die wohnung kommen und darf dann auch neue türschlösser einbauen lassen)
      altes gewohnheitsrecht

      eine zentraleuropäische variante wäre frei gefundenen wohnraum beim magistrat anzumelden – dieses gibt dem besitzer 4 monate zeit das objekt zu vermieten/bewohnen/nutzen oder bauliche massnahmen zu starten – sonst wird das objekt ohne kostenersatz vergeben (zumindest mal für ein halbes jahr)

      schau ma mal wie schnell dann alle objekte/wohnungen vergeben würden

      p.s.:und alle die jetzt enteignung oder kommunissmus schreien….england ist alles, nur nicht links

  2.  Danke für die Geschichte! Hab mich schon immer gefragt was hinter dem Verfall der beiden Häuser steckt.

  3. Guten Tag!

    Finde ich natürlich eine gute Idee diesen Leerstand sichtbar zu machen, nu wäre es möglich das ihr nicht die exakten Standorte der Gebäude nennen würdet?

    War vor einigen Wochen da zum fotografieren, die Hintertür war aufgebrochen und teilweise Einrichtungsgegenstände und Wände zerstört.

    Wenn natürlich so was der Fall ist wird es mit dem Leerstand nicht besser werden, sondern schlimmer weil dann vermutlich keiner mehr die Kosten der Renovierung tragen will!

  4. Mein letztes Kommentar wurde scheinbar nicht veröffentlicht, trotzdem danke ich euch das ihr zumindest die Fotos rausgenommen habt.

    Wie gesagt es ist gut das ihr auf den Leerstand aufmerksam macht, wenn aber dafür der Zustand der Gebäude auf den Spiel steht bzw. deren zukünftige Nutzung durch Vandalismus gefährdet ist macht es aber wenig Sinn.

    Besonders wenn wegen der Zerstörung ein Abriss zustande kommt, dann haben wir wieder mal ein Haus weniger. : )

  5. und was soll es helfen, wenn der standort nicht bekannt ist? nichts! der standort dieses gebäudes ist beinahe jedem in innsbruck bekannt

    • Bei diesen Objekt gebe ich dir recht, es ist auch nicht zu übersehen. Ich wollte damit allgemein auf Gebäude hinweisen bei denen man es nicht vermutet. Ich denke da z.B. an die leerstehenden Wohnungen und Häuser in St. Nikolaus oder Sadrach. Oder auch Richtung Technik.

      Leider kommt es sobald diese Objekte Aufmerksamkeit bekommen gerne zu Vandalismus. Nehmen wir einfach mal die alte Lodenfabrik oder das blaue Häuschen nahe des Flughafens.

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