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Music and the city Vol. 46 – Iiro Rantala (02.02.)

Jazz war immer schon ein gutes Mittel gegen Traurigkeit und Verzweiflung. Traurigkeit ist die Verengung von einer einstigen Fülle an Möglichkeiten hin zu einigen wenigen Optionen von denen man weiß, dass jede einzelne davon ins Unglück führt. Traurigkeit ist ein diffuses Gefühl von Beklemmung, ein Gefühl, dass die eigene Entscheidungen zu nichts führen und letztlich ins Leere laufen. Während sich viele Musikrichtungen in den Tiefen der Traurigkeit aufhalten und die Traurigkeit beschwören, hat sich der Jazz seit jeher schon damit beschäftigt, wie er der Traurigkeit und der Verzweiflung entkommen könnte. Spielerisch, ästhetisch und textlich.

Iiro Rantala findet seinen ganz eigenen Weg durch die Geschichte des Jazz. Mit sehr viel Witz, Spaß und Spielfreude...

Iiro Rantala findet seinen ganz eigenen Weg durch die Geschichte des Jazz. Mit sehr viel Witz, Spaß und Spielfreude…

Jazz ist eine Weitung der Möglichkeiten, ist Entscheidungsfreude, ist Auslotung und Transzendierung des bisherigen Möglichkeitsraumes. Und ein Witzchen hat guter Jazz auch immer mal von Zeit zu Zeit auf den Lippen. Man darf auch mal schmunzeln, wenn die Spielentscheidung wieder mal allzu absurd gewesen ist und man Dinge hört, die man so noch nicht zusammen gedacht hat. Jazz ist eine Verwirrung des bisher für möglich Gehaltenen. Dann jedenfalls hat Jazz, vor allem auch der moderne Jazz, sein Ziel erreicht. Nur um sich dann geschickt aus der Affäre zu ziehen und zu behaupten, dass er überhaupt kein Ziel hat. Dada und das Koan feiern im Jazz im Heute oftmals fröhliche Urstände. Und man darf sich gerne dazu gesellen, denn der Jazz im heute ist weniger sperrig als gemeinhin angenommen. Manchmal ist er sogar richtig einladend.

 

His „history of jazz“…

Es ist ein Glücksfall, dass es Musiker gibt, die all das verstanden haben. Und die bei all der Geschichte und Geschichtlichkeit des Jazz ihren ganz eigenen Weg finden. Iiro Rantala hat seine letzte Aufnahme nicht umsonst „My History Of Jazz“ genannt. Mit der ganz einfachen Betonung auf „my history“. Denn die eine Geschichte gibt es überhaupt gar nicht. Man wird sich seinen Weg schon selbst bahnen müssen und sich seine spielerischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten aus einer Fülle an Material selbst erarbeiten müssen. Rantala nimmt diese Herausforderung souverän an.

Iiro Rantala hat dabei immer ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. Und das Schmunzeln der Zuhörer_Innen stets auf seiner Seite. Unter seinen Händen wird selbst Bach zu Jazz und einfach mal so in seine Geschichte des Jazz eingegliedert. Ganz einfach weil es möglich ist, er es sich traut und er es sich herausnimmt, zu tun was eben zu tun ist. Und weil Grenzen dazu da sind, ignoriert zu werden.

Am 02.02. kann man im Treibhaus hören, wie er sich witzig und aberwitzig durch die Geschichte des Jazz spielt und dabei natürlich auch sehr viel von seiner Person preisgibt. Bei einem Konzert von Iiro Rantala ist gewiss: Niemand kommt hier weinend raus. Und das, obwohl Rantala gar keine Witze machen wird oder gar zum Klamauk neigt. Es ist das leichtfüßige Umgehen mit Fülle und Überfülle bei gleichzeitiger Wahrung einer immensen positiven und fröhlichen Intensität. Das muss ihm erst mal jemand nachmachen.

Markus Stegmayr

7 Comments

  1. Was für ein Grundschul-Aufsatz. Gratulation! Sie hinterlassen mich staunend zurück Herr Stegmayr.

    • Lieber Dietmar. Interessant. Meist wirft man mir vor, zu verkopft zu sein. Wenn die Sätze dann ein wenig einfacher werden, ist es wieder ein Grundschul-Aufsatz. Was denn nun? Und vor allem: Woran machst du deine Kritik fest?

    • aha, den rantala kannte ich gar nicht – guter tipp (überhaupt ab 10:12 im video – da lacht auch das rockerherz)…

      und von wegen grundschulaufsatz – ein sehr schön-lockerer beitrag von herrn stegmayr: thumbs up!

  2. Grundschulaufsatz würde ich da auch nicht sagen. Ich finde den Text sehr präzise geschrieben. Man muss Jazz ja nicht mögen, aber man kann sich doch von der Begeisterung des Autors anstecken lassen oder sich zumindest die Musik im Video anhören.

  3. Kurzinfo:

    Ich finde auf der neu gestalteten Homepage den Reiter „Aktuell“ nicht mehr.
    Es ist leider recht unübersichtlich geworden, auch wenn grau grad modern ist.

    lg, Heini

  4. weil ich grad da bin, iiro rantala mag, den beitrag spannend und aufschlussreich finde und helfen kann

    @ heini: alle aktuellen beiträge findest du, wenn du aufs provinnsbruck banner drückst!

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