Music and the city (Vol. XV)

Devin fuckin´ Townsend, oder: die Innsbrucker Metal-Szene
 
Die Frage, die sich angesichts des neuen (grandiosen) Albums von Devin Townsend stellt ist einfach zu stellen aber nur schwer zu beantworten: warum klingt (moderner) Metal auf „Deconstruction“ so aufregend und so euphorisierend, während einen bei den in Innsbruck stattfindenden Metal-Konzerten nur das blanke Grauen, oder, noch schlimmer, die pure Langeweile packt?
 
Ein bißchen Spaß muss sein…
 
Wenn Devin Townsend sich im Metal aufhält, dann ist das plötzlich wieder ein Ort, der nicht abgestanden, langweilig und nur mit äußerster Vorsicht zu betreten ist. Das Betreten der klanglichen Welt des Metal war in den letzten Jahren für den Rezensenten stets von Gähnanfällen begleitet, die zusammen mit der Erkenntnis immer stärker wurden, dass Metal nichts mehr zu sagen hat und in seiner Klischeehaftigkeit gefangen bleiben würde. Auch wenn Iron Maiden plötzlich wieder hörbar zu sein scheint, zumindest wenn man dem Massengeschmack traut, so ist diese Band mit ihrem abscheulichen Pathos und ihren immergleichen Riffs für den Kolumnisten noch immer nicht rehabilitiert – aber vielleicht ist das ja auch nur pure, theoretische und intellektuelle Anti-Haltung, um sich nicht zwischen schwitzende, gealterte, zumeist männliche Maiden Fans bei überfüllten Konzerten quetschen zu müssen.
 
Dann also doch lieber, schon aus Prinzip, Devin Townsend, der immer noch, trotz hymnischer Kritiken vor allem im Metal-Bereich, ein Randdasein zu fristen scheint.
Und dabei sind die Riffs von Devin Townsend, von seinen Fans auch liebevoll „hevydevy“ genannt, gar nicht so originell, neu oder über den Metal hinausweisend. Der Trick seiner Musik ist ein völlig anderer: es ist der Trick der Übersteigerung, der Überschreitung mit Hilfe der Vorführung von Klischees, sei es in der Musik oder sei es in den Texten. Da wird schon mal über einen Cheeseburger räsoniert, der das Geheimnis der Welt lüften könnte – während der Protagonist des Liedes doch Vegetarier ist. Ein „Humor“, der auf den ersten Blick eher überflüssig wirkt, jedoch so konstituierend für die Musik von Townsend ist. Interessant dabei ist jedoch, dass seine Musik trotzdem vor Ernsthaftigkeit und Anstrengung nur so strotzt. Hier ist kein Humorist oder Kabarettist am Werk, der auch seine Musik der Lächerlichkeit preis geben würde. Der Humor ist ein Mittel, um die Musik den Metal-Klischees zu entreißen, um etwas Neues aus dem eigentlich abgedroschenen Material zu gestalten. Die Umsetzung der Musik ist letztlich abenteuerlich, virtuos und von einer großen Leidenschaft getragen.
 
Die leiden des jungen M…
 
Devin montiert, verschiebt, transzendiert, übersteigert, spitzt zu, so lange, bis nur noch eines übrig bleibt: Euphorie und Wahnsinn. Genau die Essenz also, die man sich im Metal wünschen mag und von der man glaubt, diese einst in den frühen Slayer oder Metallica Platten gefunden zu haben. „Deconstruction“ klingt dann auf alle Fälle so, wie die Jugend vermeintlich geklungen hat. Doch klingen die Platten der Jugend lange schon schal, so legt Townsend hier ein paar Schäufelchen Raserei nach, um die Jugend wieder zu beschwören, diese wieder zu evozieren. „Deconstruction“ klingt so gut, wie es die Platten der Adoleszenz nur in der Erinnerung tun. Sein Album ist, ohne Ironie, eine Metal-Meisterwerk, wie man es wohl nur mehr selten zu Gehör bekommt. Seine Riffs sind so interessant, als würde man zum ersten Mal Metal hören und hätte sich nicht seit Jahren eher in anderen musikalischen Bereichen aufgehalten.
 
Devin in Innsbruck?
 
Warum also spielt Devin nicht einfach in Innsbruck und zeigt der eingeschlafenen Innsbrucker Metal-Szene, wie ernsthafte und interessante Musik in diesem Bereich heute zu klingen hat? Man muss keine Namen von Veranstaltern, Räumlichkeiten usw. nennen um leicht zu sehen, wie sich die Bands in ihrer eigenen Geschichte verstrickt haben, in ihrer eigenen überlieferten Form unterzugehen drohen. Erstaunlich daran ist: je klischeehafter eine Band zu sein scheint, desto größer der Ansturm der HörerInnen. Die Vermutung liegt nahe: es geht nur noch um Szenen, um Zugehörigkeiten, um Musik, die sich möglichst gut zur Identifikation eignet, die dazu da ist, den nivellierten Geschmack einer Szene zu entsprechen. Devin Townsend übersteigt eine solche Möglichkeit, allein in Bezug auf Komplexität und manischer Raserei um Welten. Mit dieser Musik lässt sich vermutlich (zumindest in Innsbruck) keine Halle füllen. Er bedient keine einfachen Gefühle und ruft keine platten Emotionen hervor, die dann letztlich nur Spiegelbild einer stur nach Dresscodes funktionierenden Szene sind. Seine Musik kennt keine Dresscodes, keine Grenzen, sondern nur die Infrage-Stellung dieser Grenzen. Zu dieser Musik kann man sich nicht den Thorhammer umhängen, auch das umgedrehte Kreuz müsste für einen solchen Konzertabend zuhause bleiben. Mitzubringen stattdessen: Lust auf musikalisches Abenteuer, die Abwesenheit einer strikten Zugehörigkeit zu einer Szene, eine gehörige Portion Überdruss in Bezug auf das, was aus Metal geworden ist. Konzerte von Devin Townsend können, und das ist das schlimmste was passieren kann, dazu führen, dass man wieder an die Musikrichtung Metal glauben kann: der Glaube würde vermutlich enttäuscht werden. Bis dahin bleibt nur „Deconstruction“ immer wieder zu hören.
 
 
Hier noch ein paar Hörbeispiele:
 
 
 


9 Antworten : “Music and the city (Vol. XV)”

  1. Gost sagt:

    Schöner Beitrag, der dem verkannten Meister zur Ehre gereicht. Ein tolle Platte…

    • Markus St. sagt:

      Naja…ich würde nicht sagen, dass Devin Townsend verkannt ist. Gerade werden ja seine neuen Alben und auch "Deconstruction" mehr als nur hymnisch besprochen.

      Aber angesichts der immensen Qualität seiner Musik hätte er noch mehr Aufmerksamkeit verdient…

      • hans sagt:

        einfach nur scheiße, dieser überflüssige krach!

        • Markus St. sagt:

          @Hans: einfach nur scheiße, dein überflüssiger Kommentar.

          Aber an sich sind ja Meinungen frei, wenn sie denn Meinungen sind. Selbst der Taube sollte bemerken, dass das kein Krach ist, sondern komplexe Musik auf einem sehr hohen spielerischen und musikalischem Level. Ob man das dann mag, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

           

          • hans sagt:

            jimi hendrix sagte einst (und louis armstrong bereits vor ihm): "es gibt eigentlich nur 2 arten von musik- die gute und die schlechte" …gemeint war damit, dass musik gut ist, sobald sie gefällt, weil irgendjemand sie sodann gut findet…. aber weißt ja wie das so ist- die alten metalpeinlichund nervigfinder, wozu ich mich gerne bekenne, müssen halt oft mal ein kindisches kommentar abgeben…

  2. Markus St. sagt:

    @Hans: Ich mag Metal ja auch nicht (mehr). Aber für diese grandiose Platte mache ich gerne mal einen "Geschmacksausnahme).

    Wie du aber gemerkt hast, sind meine Musikempfehlungen ansonsten eher weit vom Metal weg. Von daher: einfach meine anderen Kolumnen lesen, dann brauchst dich nicht mit nervigem Metal rumplagen.

     

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