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Music and the city (Vol. 4)

Die Innsbrucker Ausnahmeband Mother´s Cake hat das Zeug, die Provinz weit hinter sich zu lassen. Musikalisch hat sie das schon längst getan und stellt das als hervorragende Live-Band bei jedem Konzert unter Beweis.
 
…die beste aller möglichen Welten?
 
Eine Welt in der sich eine Band wie Mother´s Cake darüber beklagen muss, dass sie zu wenig Auftrittsmöglichkeiten hat, kann nicht die beste alle möglichen Welten sein. Aber vielleicht kann man dem Verfasser dieser Aussage, anstatt ihn als bloßen Lügner darzustellen, auch unterstellen, die Innsbrucker Band Mother´s Cake nicht gekannt zu haben, die jedoch wohl weniger an der Welt per se als an der Engstirnigkeit der Hörgewohnheiten in Innsbruck zu leiden hat. Wenn schon die Aussage von Leibniz per se angezweifelt werden sollte, so gilt dieser Zweifel für Innsbruck umso mehr. Innsbruck ist weit davon entfernt, die beste aller möglichen Welten bzw. Städte zu sein. Dennoch hat sie eine Band wie Mother´s Cake hervorgebracht. Es muss jedoch gefragt werden, ob diese Entwicklung wegen oder trotz Innsbruck stattgefunden hat.
 
 
…Chaos regiert
 
Diese Bemerkung, die ein sprechender Fuchs in „Der Antichrist“ macht, trifft auch auf die Musik von Mother´s Cake zu, doch nur wenn man erst ein erstes Ohr riskiert hat. Die Passagen wechseln sich schnell ab, Einzelteile werden nur kurz angerissen und angedeutet, nur damit man sich in andere Parts des Songs stürzen kann. Es ist jedoch deutlich zu sagen, dass auch schon der Fuchs angemerkt hat, dass das Chaos regiert, das Chaos also herrscht, eine bestimmte Funktion hat, nicht nur beliebig als nutz- und zweckloses Mittel eingesetzt wird. Wenn Mother´s Cake dieses Chaos im Kopf verursachen, so entsteht dieses nicht aus dem Verzicht der Band auf Struktur, ganz im Gegenteil. Auf ihrer neuen EP lässt sich ein Übermaß an Struktur konstatieren, die oftmals nahe an den virtuosen Wahnsinn von Mars Volta heranreicht.
 
…probier´s mal mit Gemütlichkeit?
 
Es ist kein tatsächliches Chaos das sich hier finden lässt, sondern die Songstrukturen kippen durch das kalkulierte und geschickte Umgehen mit Überforderung in das Chaos hinein. So bildet es niemals die Grundlage, sondern vielmehr den Endpunkt. Der Blick richtet sich daher darauf, wie Mother´s Cake diese Überforderung, diese Hektik und zugleich diesen Groove auf die Reihe bekommen, ohne in bloßes Muckertum zu verfallen. Wie bleibt diese Band stets spannend, überraschend, wie treibt sie einem den letzten Rest an Gemütlichkeit aus, den man so gerne in manchen Songs wiederfinden möchte? Diese Songs sind keine Heimat, sondern die Vertreibung aus ebendieser, nur um dann die Heimat in einer Musik zu finden, die weder klar erkennbares Ziel, noch Schutz, noch Einfachheit und Harmonie kennt.
Ihre Musik ist ein komplexes Geflecht an Möglichkeiten, bei der sich die Musiker niemals für den einfachen Weg entscheiden, sondern sich durch die Vielzahl und Überzahl von Möglichkeitsräumen spielen. Dabei schaffen sie es auch immer wieder, großartige Hooklines, scheinbar mühelos, auf die HörerInnen loszulassen. Eine Vermengung von proggig angehauchter Rockmusik, Funk der Marke frühe Red Hot Chilli Peppers, einem Gespür für die richtigen Sounds und einer außergewöhnlichen Stimme ist etwas, das man nicht alle Tage hört: macht euch auf die Socken und hört und seht euch diese Band an, bevor sie Innsbruck den Rücken kehrt.
 
 

Markus Stegmayr

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