Music and the city (Vol. 33 Teil 1)

Heute Abend ( 29.04. um 20:30) gastiert mit Craig Taborn einer der wichtigsten Pianisten der zeitgenössischen Musik im Treibhaus. Neben Vijay Iyer und Matthew Shipp ist er zweifellos einer der Musiker im Jetzt, die Jazz nicht als Musikrichtung und Genre interpretieren, sondern  vielmehr als System der unendlichen Möglichkeiten von Kombination und Rekombination musikalischer Elemente.

 

Sein Musikerkollege Vijay Iyer hat es vorgemacht bzw. eine passende Definiation gefunden dafür, was „Jazz“ im Heute ist oder noch sein könnte: ein Wissensarchiv. Man könnte dieses Wissensarchiv auch als Feld der fast unendlichen Möglichkeiten beschreiben, wie man mit anderen Musikrichtungen umgeht, sich dieser bedient und sie systemimmanent  transformiert. So verwandelt Iyer z.B. einen Michael Jackson Track in einen lupenreinen Modern-Jazz-Track, ohne den Resepekt dem Original gegenüber zu verlieren. Auch Craig Taborn ist ein solcher Musiker, aus mehreren Gründen.

 

Sein Spiel wirkt, als ob es keine Grenzen kennen würde, sprich: sein System kennt (vermeintlich) keine Grenzen – und das scheint auch zu stimmen, wenn man sich sowohl seinen musikalischen Output als auch seine Platten anhört. Darauf findet sich, neben einem beeindrucken Gespür für harmonische und strukturellen Experimente, auch ein Gespür für Melodien, wie sie nur wenige haben. Im Gegensatz zu anderen Avantgardisten hat er fast schon eine „Pop-Sensibiltät“, wenn es darum geht, Melodien zu entwerfen, zu verändern, zu umspielen und auch, wenn nötig, einfach nur wirken zu lassen. Diese verlieren sich aber nie, und da grenzt er sich von Pop klar ab, in allzu einfacher Wirkung und Vergänglichkeit. Er schafft es seine Melodien geschickt mit neuesten Strömungen zu verquicken. Dabei findet das Fragmentarische und Zerstückelte genauso Platz wie das Schöne und das Unantastbare, dasjenige, das im gesamten Diskurs in Bezug auf Innovation, Avantgarde usw. heil geblieben ist und immer noch strahlt und sich hin zur Eingängigkeit wagt.

 

Der Kommentar eines Freundes, der sich noch kaum mit zeitgenössischem Klavierspiel beschäftigt hatte, spiegelt diese Rezeptionsweise wider: „Schön, wie die Mondscheinsonate, nur ohne Mond“. Dabei trifft dieser, vielleicht auch zufällig, einen der wesentlichen Punkte der Musik von Craig Taborn. Seine Musik ist schön, hat sich aber auch von jeglichen Romantizismen freigemacht und würde es auf keinen Fall mehr wagen, den Mond und die romantischen Stimmung so manch historischer und klassischer Klavieraufnahmen zu beschwören. Doch er lässt sich, wie erwähnt, vor allem eines nicht nehmen: die Schönheit – und treibt dabei zugleich das Projekt voran, das man als paradigmatisch für die gesamte jetztige Klavier-Avantgarde ansehen könnte: die Austreibung der oberflächlichen Schönheit und des Schwärmens. Taborn weiß also, wann es genug ist mit der allzu einfachen und einlullenden Schönheit und wann es Zeit ist, sich in die Atonalität und in das Experiment zu begeben.

 

Eine unbedingte Konzertempfehlung! Der Konzertbericht folgt demnächst im Teil II. Musikbeispiele könnt ihr schon jetzt hier hören:

http://www.youtube.com/watch?v=tphHIgez5ko

 

 

 

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