16 Jahre Cognac & Biskotten – Ein Gespräch mit Thomas Schafferer

Am 27. März wird die Jubiläumsausgabe von Cognac & Biskotten, die im Rahmen der stadt_potenziale gefördert worden ist, in einem Innsbrucker Luftschutzkeller präsentiert. Vorab habe ich mit Thomas Schafferer ein Gespräch geführt, um einen Einblick in 16 Jahre Kulturarbeit in Tirol zu gewähren.
Wie bist du auf die Idee gekommen, das Literaturmagazin mit dem Wow-Aha-Effekt, Cognac & Biskotten, zu gründen?
Ursprünglich wollte ich gemeinsam mit Melanie Steiner, inspiriert durch eine Lehrveranstaltung an der Universität, ein regelmäßiges TV-Magazin herausbringen. Irgendwie hat sich das aber verlaufen, weil es sehr aufwändig gewesen wäre. Da wir beide geschrieben haben, wollten wir unsere literarischen Texte mal zusammenwerfen und ein Magazin daraus basteln. Doch wie sollten wir es nennen? Schon 1998 wollten wir Stermann und Grissemann als Stargäste für dieses vorerst geplante TV-Magazin gewinnen. Da haben wir uns in so „Alte-Oma-Cafés“ Mut mit Cognac angetrunken. So haben wir den scharfen Teil des Namens gefunden. Dazu passen brüchige, etwas antiquiert wirkende Biskotten. Und so haben wir dann unser vorerst nur kopiertes Magazin auf den damaligen Poetry Slams im Bierstindl präsentiert. Schon bei der dritten Ausgabe haben wir dann eine Audio-Kassette herausgebracht, weil wir bei den Slams zu zweit sehr speziell gelesen haben und diese Texte in ihrem vollen Klang auch hörbar machen wollten. Denn wir sind damals als zwei Kunstfiguren aufgetreten, nämlich als Putzfrau und Fernsehstar, die Cognac & Biskotten verkörpert haben. Das Magazin hat immer den Zweck gehabt, unsere eigenen Texte nach außen zu bringen. Das ist bis heute so geblieben. Co & Bi ist nicht nur ein Magazin, um irgendjemanden zu veröffentlichen, sondern um sich auch selbst künstlerisch zu betätigen, inhaltlich, textlich, gestalterisch.
Es hat ja auch ein Publikationsorgan für junge AutorInnen gefehlt.
 
Ja, das hat damals gefehlt. Vor unserem Start 1998 hat es ein Projekt u.a. von Robert Renk gegeben, das in seinem Konzept unserem sehr ähnlich war, da Lesungen an speziellen Orten veranstaltet wurden. Kurz bevor wir begonnen haben, ist hier im Land aber alles versandet, was es gegeben hat. Auch die Literaturzeitschrift Der Inn ist gerade zu Ende gegangen. Das war ein Niemandsland und wir haben uns gedacht: Hey, wenn es nichts gibt, dann machen wir selber was!
Wann habt ihr mit den Ausschreibungen für andere AutorInnen begonnen?
Relativ bald. Bei der dritten Ausgabe haben wir mit DJs kooperiert. Am Beginn war es ein Freundeskreis, wir haben die Ausgaben präsentiert, gelesen und Parties gefeiert. Dieser Party-Charakter ist bis heute immer wieder augetaucht.
Cognac & Biskotten präsentiert sehr oft sehr kurze Texte.
Das hängt meistens vom Format ab. Ich komme ohnehin aus dem Kurzen, Lyrischen. Bring es mal aufs Kurze! Das ist Dichtung, diese Verdichtungen machen es aus, bringen es auf den Punkt, auf die Pointe, machen auch das Kurzweilige aus.
War es von Beginn an geplant, dass sich das Format von Ausgabe zu Ausgabe ändert?
Nein, das war nicht geplant. Es ist uns darum gegangen, das Ganze ziemlich kosteneffizient über die Bühne zu bringen. Aber es hat mir relativ schnell nicht mehr genügt, nur A5-Hefte zu produzieren. Bald haben wir angefangen, mit befreundeten KünstlerInnen zusammenzuarbeiten. Die 6. Ausgabe hat zum Beispiel Christian „Yeti“ Beirer künstlerisch gestaltet als zwei Bilderrahmen, die mit einem Scharnier miteinander verbunden worden sind. Drinnen waren neben dem A5-Heft auch einige Gimmicks. Es ist ein richtiges Kunstwerk daraus geworden, das wir 1999 auf der ART Innsbruck präsentiert haben. Co & Bi hat sich einfach weiterentwickelt. Das runde Gesamtkonzept, dass Ausgabe, Thema und Präsentationsort Hand in Hand gehen, habe ich 2002 aus den bisherigen Erfahrungen entwickelt, damit alles rund und stimmig läuft. Wobei wir auch schon 2001 spezielle Ideen umgesetzt haben, wie etwa eine literarische Werbeverkaufsfahrt ins Schwazer Bergwerk, wo Lesungen und ein Konzert gegeben wurden.
Das war also eines der Highlights aus 16 Jahren Cognac & Biskotten. Welche weiteren besonderen Ausgaben-Präsentationen möchtest du uns nennen?
 
Die Nummer 25, also die literarische Straßenbahn ist für mich die wahnwitzigste Ausgabe: ein Stück Auflage, nicht erwerbbar, mit Lesungen in der durch Innsbruck fahrenden Straßenbahn bzw. in der Remise. Eine mit Texten bedruckte Straßenbahn, die ein halbes Jahr lang durch Innsbruck und ins Stubaital fährt, ist nicht mehr zu toppen. Mein nächstes Highlight war die darauffolgende literarische Medikamentenschachtel mit Beipackzettel und Texten zum Thema Trägheit, präsentiert in einem Ärztehaus. Natürlich war auch die – in Zusammenarbeit mit dem damals großartigen Mit-Chefredakteur Gerhard Moser – entstandene Nummer 17 als literarisches Fußballsammelalbum zum Thema Fußball mit dem letzten Match u.a. mit Franzobel oder Martin Blumenau im alten Tivolistadion unvergesslich. Oder die Nummer 18 – das literarische Plastiksackerl, zum Thema Dekadenz & Askese, präsentiert in einem Supermarkt und auf einer Tirol-Tour mit Hermes Phettberg, in einer Auflage von 300.000 Stück, war sehr sehr gelungen. Oder die literarische Schallplatte zum Thema Musik, die wir u.a. gemeinsam mit Michael Köhlmeier im legendären Couch Club vor vollem Haus inszeniert haben. Vor wenigen Monaten  dann die literarische Pro-Text-Demonstra(k)tion als Ausgabe Nummer 34 und öffentliche Aktion in einer Auflage von einem Stück in der Innsbrucker Innenstadt. Und jetzt freue ich mich auf die kommende Ausgabe. Der Ort ist einer der spektakulärsten, den wir je bespielt haben, die Ausgabe wird unglaublich edel und die Gesamtumsetzung wird wirklich etwas ganz Besonderes.
Die Lesungen von Co & Bi sind immer auch Performances. Was können die ZuhörerInnen/ZuseherInnen/LeserInnen von dieser spektakulären nächsten Ausgabe erwarten?
 
Es wird eine literarische Konservendose zum Thema Endzeitstimmung geben, die am 27. März in einem der größten Luftschutzstollen Innsbrucks präsentiert wird. Es handelt sich um einen Bunker mit unzähligen Hallen, Gängen und Kavernen, fast schon einem Labyrinth. Es geht beim Format darum, Literatur haltbar zu machen, sie zu konservieren. Deshalb ist dieser Ort, der vor Bedrohungen schützen soll, so passend. Der Inhalt der Konservendose ist eine Schriftrolle mit 35 Texten, ein Strohhalm, an dem man sich festhalten kann und ein Fläschchen Cognac. Da es mir immer um ein Gesamtkunstwerk geht, ist der Ort ideal an diese Endzeitstimmung angepasst. Die Menschen werden in zwei Gruppen durch den Stollen geführt, in dem dann die Lesenden stehen und ihre Texte performen. Als Höhepunkt wird sogar Kamil Szlachta drei Songs präsentieren. Es geht bei dieser Präsentation um die Metaphern von Endzeitstimmung und untergehenden Welten im weiteren Sinn. 35 Texte sind in dieser 35. Ausgabe enthalten, 16 KünstlerInnen werden bei der Veranstaltung auftreten, passend zu 16 Jahren Cognac & Biskotten.
Dein Projekt ist durch die stadt_potenziale gefördert worden.
 
Das hilft enorm. Besonders diese aktuelle ist wieder eine sehr umfangreiche Ausgabe. Ich möchte ja allen Beteiligten Wertschätzung zukommen lassen, auch in Form von Honoraren, außerdem müssen wir die Druckkosten und Ähnliches bewältigen können oder den schwierigen Ort bespielbar machen. Daher ein ganz großes Dankeschön an die stadt­_potenziale!
Der Literaturraum Tirol. Was fehlt?
 
Nachdem ich nun über 20 Jahren in der Tiroler Kulturszene höchst vielfältig unterwegs bin, wünsche ich mir in diesem Bereich einerseits auf Landesebene, als auch Bundesländergrenzen überschreitend mehr mediale Aufmerksamkeit. Zumal ein Projekt wie Cognac & Biskotten in Wien, Berlin, Paris oder New York voll durchstarten würde, weil es medial sehr gut transportierbar wäre. Hierzulande regiert leider der Zentralismus und hinterlässt verbrannte Kulturfelder. Außerdem soll es mehr Kooperationen zwischen den etablierten Kulturinstitutionen und der Off-Szene, dem Underground, zu dem auch wir gehören, geben. Statt ausgebremst zu werden und immer das eigene Süppchen zu kochen, könnten die Großen mehr Mut zeigen und die „Kleinen“ aus der freien Szene mitmischen lassen. Das würde sehr viel frischen Wind in die manchmal schon etwas elitär und langweilig wirkende Hochkulturlandschaft bringen. Denn es macht mehr Sinn, wie auch wir es betreiben, KünstlerInnen von hier und KönnerInnen von dort zu kombinieren, statt auf Nummer sicher zu gehen und nur auf „Stars“ von außerhalb zu setzen…
Wie soll es mit Cognac & Biskotten weitergehen?
Die kommende Ausgabe könnte vorerst einen Endpunkt darstellen. Das Thema, die Form als Konservendose, die Gestaltung würden ja schon mal dazu passen. Wenn es das Literaturmagazin tatsächlich nicht mehr geben sollte, dann bedeutet dies noch lange nicht, dass Co & Bi tot ist. Denn wir sind zwar als Literaturmagazin entstanden, aber parallel dazu gab es immer und gibt es immer noch den Literaturclub, der schräge Veranstaltungen mit dem Konzept, selber mitmischen zu wollen, organisiert. Literatur im engeren, wie weiteren Sinn, Schreibwerkstätten, Literaturwettbewerbe, inszenierte Lesungen und Unterprojekte wie Kommissar Prohaska mit Daniel Suckert (Anmerkung: Krimikabarettlesung ab 15. Mai im Treibhaus feat. Daniel Düsi Lenz – Der Schienentröster), das Literaturkabarett Die Schreibmaschinen mit Joanna Maria Egger und Daniel Furxer oder den Verlag pyjamaguerilleros*.
Dann freuen wir uns auf die Präsentation der nächsten Ausgabe dieser bunten Reihe von literarisch-künstlerischen Magazinen und hoffen, dass Cognac & Biskotten trotzdem weitergeführt wird, um das kulturelle Leben in Tirol weiterhin innovativ zu befruchten!
Fotos © by Kulturrebellen Productions
Infos zur Veranstaltung auf www.cobi.at

1 Antwort : “16 Jahre Cognac & Biskotten – Ein Gespräch mit Thomas Schafferer”

  1. Biskottenfan sagt:

    Ich hoffe sehr, dass dieser Endpunkt kein echt ist und es mit den CoBis weitergeht. Vor allem die literarische Straßenbahn ist mir in bester Erinnerung!

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