Tirol und seine Flüchtlinge...

Aus beruflichen Gründen hatte ich in letzter Zeit vermehrt das vielschichtige und zweifelhafte Vergnügen, durch entlegene und weniger entlegene Winkel von Tirol zu fahren. Um genau zu sein in die Winkel, in denen Flüchtlinge untergebracht sind, untergebracht werden könnten oder auch schon wohnhaft geworden sind und beginnen, sich ein neues Leben aufzubauen. Es sind diese Punkte, an denen plötzlich klar wird, dass Leben aufgehört hat, Existenzen beendet wurden und nun etwas Neues eintritt, eine Veränderung, die zugegebenermaßen auch für mich, irgendwie gewagt, unvorhersehbar und riskant, ja fast schon unschaffbar erscheint. Dabei begleite ich Flüchtlinge schon seit Jahren auf ihren ersten Schritten in Tirol. Ich weiß, so dachte ich zumindest, bestens über die Probleme Bescheid, die ein Integrationsprozess mit sich bringt. Und dann plötzlich finde ich mich in einem ehemaligen Gasthof wieder. Die Gaststube wirkt wie ein Geisterhaus auf mich, gespenstisch verlassen und dennoch zeugt alles noch von dem Leben, das hier einst stattgefunden hat. Es ist eine typische Tiroler Stube mit Holzvertäfelung, massiven Holzstühlen und Tischen, die ein bisschen unordentlich herumstehen. Es wirkt so, als ob die Menschen hier gerade erst vom Essen, einem Kartenspiel oder von Kaffee und Kuchen auf einmal gleichzeitig aufgestanden und gegangen wären. Sie haben alles stehen und liegen gelassen, wie es war. Doch das hektische Stimmengewirr, das an manchen Ecken plötzlich auftauchende laute Gelächter gemischt mit dem Klappern des Geschirrs sind einer neuen Art von Stille gewichen, die nun mitten im Raum hängt. Das alte Leben hat mit einem Schlag Platz gemacht für etwas Neues, was immer da auch kommen mochte. Mit dem aber, was da nun gekommen ist, hat es wahrhaftig nicht gerechnet. Während ich da stehe füllt sich die Gaststube wieder mit einem neuen Stimmengewirr, Arabisch, Farsi, oder war das eben eine...

Homeless. Erbauliche Maßnahmen im Treibhaus...

„We can still celebrate!“, dieser Satz kriecht mir direkt unter die Haut, wie allen anderen Anwesenden auch. Y. aus Syrien feiert heute seinen Geburtstag. Es ist, wie er sagt, sein zweiter Geburtstag in Österreich. Er spricht darüber, wie er früher mit seinen Freunden und seiner Familie in Syrien Geburtstage zu feiern pflegte. Damals hätte er nie gedacht, dass er einmal von seinen Lieben getrennt sein würde. Er spricht aber auch darüber, dass er sehr dankbar ist in Innsbruck neue Freunde und eine neue Familie – er nennt sie Freedomseekers-Family – gefunden zu haben. „We can still celebrate!“, ein Satz, der nun, kurz vor Jahresende, im Innsbrucker Treibhaus zum Programm wird. Am 18. Und 19. Dezember werden dort „erbauliche Maßnahmen“ gesetzt, und zwar in Form eines zweitägigen Festes für und mit Flüchtlingen. Das Besondere dabei ist nicht nur das einzigartige musikalische Line-Up, sondern vor allem der solidarische Grundgedanke des Festes: Wer eine Eintrittskarte kauft, ladet damit automatisch eine/n Schutzsuchende/n aus einem Tiroler Flüchtlingsheim zum Fest ein. So kommst du also mit deinem Kartenkauf nicht nur in Genuss eines wunderbaren Konzertabends, sondern machst daraus auch noch ein gemeinsames, solidarisches Erlebnis. Und jetzt die allerbeste Nachricht: Der Kartenvorverkauf hat schon begonnen! Nähere Informationen dazu und auch zum Programm gibt’s unter folgenden Links: Freitag, 18.12.2015 ab 19 Uhr und Samstag, 19.12.2015 ab 19 Uhr BIRGIT...

Warten auf Karim und Mathilde...

„Die Theatergruppe probt im ersten Stock“ sagt mir die Frau beim Eingang im Haus der Begegnung. Also mache ich mich auf in den ersten Stock, öffne die Türe und habe für einen Moment das Gefühl mich in einem seltsamen Zwischenraum zu befinden. Es ist halbdunkel und ich werde sofort Teil einer ganz eigenen Stimmung. Plötzlich geht das Licht an und ich höre tosenden Applaus. 12 Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, stehen vor mir und motivieren sich gegenseitig mit dem Beifall. Um nicht weiter zu stören, winke ich nur kurz, schleiche mich vorbei und setze mich auf einen Stuhl an den Rand. Die Gruppe rund um Christof Heinz und Roman Wegmann, Theaterpädagogen und Gründer des Kunstkollektivs ARTerie, sammelt sich in der Mitte des Raums zu einem Kreis, um die bisherige Arbeit zu reflektieren und die nächsten Schritte zu planen. Denn Grundsatz des Kunstkollektivs ist es, Menschen MIT IHREN EIGENEN GESCHICHTEN in den Vordergrund zu rücken, ihnen eine künstlerische Ausdrucksform verleihen. Seit Anbeginn bringt das Kunstkollektiv durch seine Arbeit Menschen mit und ohne Fluchthintergrund zusammen, um sich in einem theaterpädagogischen Prozess gemeinsam mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinanderzusetzen. So hat sich auch dieses Grüppchen, welches nun vor mir im Kreis sitzt und hoch konzentriert thematisch zusammenarbeitet, erst vor ca. zwei Wochen durch Interesse an einem gemeinsamen Vorhaben zusammengewürfelt. Sie werden ein Theaterstück zum  Thema „Auf der Flucht“ erarbeiten, welches bei der Lesung zum gleichnamigen Buch von Karim El-Gawhary und Mathilde Schwabeneder am 25. September, dem Langen Tag der Flucht, im Innsbrucker Treibhaus einführend gezeigt wird. Die Probe läuft bereits seit mehreren Stunden, aber den teilnehmenden AkteurInnen sind keine Müdigkeitserscheinungen anzumerken. Hochkonzentriert arbeiten sie an ihrem Werk, dabei werden Arbeitsanweisungen und Diskussionsbeiträge selbstverständlich und in aller Ruhe übersetzt, Witze gemacht und...

Integrations-(H)Aus – ein Nachruf...

Es ist einigermaßen schwierig geworden, durch Pradl zu spazieren. Der Stadtteil ist derartig von Baustellen durchzogen, dass ich als Fußgängerin bei meinem letzten Versuch alle paar Meter die Straßenseite wechseln, oder zumindest den gewohnten Pfad für eine Weile verlassen musste. Der Baustaub, der durch den heftigen Föhnsturm aufgewirbelt wurde und mir komplett die Sicht vernebelte, machte dieses Unterfangen nicht unbedingt einfacher. Mitten in der Gumppstraße begegneten mir jedoch ganz zufällig zwei sonnige Gestalten, die meine Laune allein mit ihrem ungetrübten Lächeln sofort verbesserten. Ein serbisches Ehepaar, das mich in seiner gewohnten Herzlichkeit begrüßte. Bereits in den ersten Sekunden unseres Gesprächs, schlug die Stimmung ein wenig um. „Wir sind die letzten, die noch übrig sind. Alle anderen sind bereits gegangen“, sagten sie mir, „und nun bleiben wir eben, bis sie uns hinauswerfen“. Die beiden wissen noch nicht genau, wo sie dann mit ihrer Tochter hin sollen. Sie wissen nur mit Sicherheit, dass sie, obwohl das Haus vorerst als Notschlafstelle stehen bleibt, raus müssen, um für etwas Neues Platz zu machen. Und damit stehen sie sinnbildlich für eine ganze Ära, die nun definitiv zu Ende geht. Das Integrationshaus wie wir es kannten, als einen bunten Ort der Vielfalt, an welchem unterschiedlichste Menschen zusammenlebten, interreligiöser Dialog geführt wurde, Bildungs- und Begegnungsprojekte stattfanden, hat seine Türen geschlossen und wartet nun darauf, abgerissen zu werden. Das Haus ist baufällig geworden, es soll nun Platz für ein neues Integrationsprojekt machen. In ihrer hilflosen Verlorenheit stehen die beiden aber auch für die Art und Weise, wie diese Ära in ihren letzten Zügen zu Ende gebracht wurde, nämlich hilflos, verloren und insbesondere von den leitenden Entscheidungsträgern sich selbst überlassen. So standen wir da noch eine Weile und unterhielten uns über die verschiedenen Menschen, die das Haus nach...

Flucht ist Hoffnung INNS’ALLAH!...

Vor einigen Wochen löste ich mit folgendem Posting auf Facebook höchst kontroverse Reaktionen aus: „Mein Vorschlag für ein neues Innsbruck-Logo nach Inns’bruck und Inns’wurscht: INNS’ALLAH!“ Dabei hatte ich durch die Zusammenführung des Stadtnamens „Innsbruck“ mit dem arabischen „Inshallah“ nichts anderes im Sinn, als ein witziges Wortspiel, das freilich niemanden beleidigen oder gar Ängste und Vorurteile auf den Plan rufen sollte. Heute gestehe ich meinen Fehler ein. Tatsächlich war ich mir der tieferen Bedeutung dieses Postings zum damaligen Zeitpunkt nicht so sehr bewusst wie heute. Ich hätte mit diesem Wort nicht spielen sollen, denn es ist in den letzten Wochen bitterer Ernst geworden. Was ich in meinem Posting nämlich fälschlicherweise als grundlegendes Wissen vorausgesetzt habe und wahrscheinlich erklären hätte sollen: „Inshallah“ bedeutet wörtlich übersetzt „So Gott will“. Als sprachliche Phrase wird es verwendet, um den Wunsch über eine bestimmte Zukunft auszudrücken und bedeutet somit nichts anderes als „hoffentlich“. Und wahrlich, nach all den Ereignissen der letzten Wochen ist heute klar, dass es niemals wichtiger war, die gemeinsame Hoffnung nicht aufzugeben. Wir alle haben – ob wir dies nun wollten oder nicht, ob wir es gutheißen oder nicht – Aylan gesehen, dessen kleiner Körper zum Symbol für eine längst völlig gescheiterte Flüchtlingspolitik wurde. Wir alle haben schockiert und betroffen aufgehorcht angesichts eines in Österreich aufgefundenen LKWs mit 71 elendiglich erstickten Menschen. Betroffen waren wir, so ungern wir das zugeben, nicht nur über das Sterben, sondern auch über die Tatsache, dass das Sterben nun innerhalb der österreichischen Staatsgrenzen angekommen ist. Wir haben zugesehen, wie Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen auf der Straße ausharren, wie sich hunderte verzweifelt in einen Zug quetschen wollen und wie sie sich, wenige Kilometer später, ebenso verzweifelt auf die Gleise werfen. Wir sehen eine Politik, die im besseren Fall...

Offen gesagt – ich bin angewidert...

Individualisierung ist das neue Kontrastprogramm zur „Flutmetapher“. Wo früher noch von unüberschaubaren „Flüchtlingsströmen“ die Rede war – das Bild einer grauen, gesichtslosen Masse, die uns vollends zu überfluten droht, es ist nur noch eine Frage der Zeit, erzeugend – finden sich jetzt Porträtfotos von Betroffenen zwischen den Zeilen von Interviews, in welchen sie ihre Geschichten erzählen. Junge Männer sind es meistens, die uns da mit ihren dunklen Augen aus der Zeitung anschauen und die uns für einen Augenblick an ihrer Geschichte teilhaben lassen. Die Medien überschlagen sich neuerdings förmlich mit Geschichten über Einzelschicksale von Menschen auf der Flucht. Jetzt verstehe ich natürlich und heiße auch gut, dass durch die Präsentation von Einzelschicksalen viele Leute besser verstehen können, warum Menschen flüchten und dadurch eine Art von Empathie erzeugt wird. Ein kleiner und sicher auch nur oberflächlicher Einblick in das Leben eines Menschen, der seine Heimat verlassen musste und sich auf den langen und gefährlichen Weg in ein besseres Leben begibt. Und natürlich finde die positive mediale Präsenz, welche Flüchtlingen dadurch zukommt und welche sie sicher seit langer Zeit entbehren mussten, mehr als begrüßenswert. Betroffene zu Wort kommen zu lassen anstatt Vorurteile zu schüren – eine ganz fantastische Angelegenheit ist das. Und trotzdem bin ich angewidert. Nicht, über die Sache selbst, sondern vielmehr über die Tatsache, dass dies notwendig ist. Dass es notwendig ist, die Geschichten von Menschen öffentlich breit zu treten, um die Mehrheitsbevölkerung verstehen UND glauben zu machen, dass diese Menschen tatsächlich nicht einfach mal eben so nach Österreich rüberspaziert sind, um zu schauen, was bei uns so abgeht. Ist es wirklich notwendig, dass Menschen, die aus einem Kriegsgebiet geflohen sind, öffentlich den Beweis antreten, dass es ihnen schlecht ergangen ist und sie deshalb flüchten mussten? Ist das Wort...