Am Markt. Eine Platzbeschimpfung...

            Sie werden kein Konzert hören. Ihre Neugier wird nicht befriedigt werden. Sie werden nichts hören. Kein Schauspiel. Es wird nicht gespielt. Hier wird nur gelesen. Marktplatz. Wie satt ich Dich habe! Deine Asphaltwüste, Deine unansehnlichen Kamine aus rostfreiem Edelstahl und all die öde Trostlosigkeit. Kalt, leblos und leer. Einst, vor meiner Zeit, warst Du Treffpunkt, Handelsplatz und Nahversorger, Geburtsstätte von interessanten Gesprächen und lebenslangen Liebesbeziehungen. Die jungen Mädchen sind hin- und hergelaufen auf Deinem Areal, die Buben haben fremden Müttern so tief in die Taschen gelangt, dass die Münzen nur so geklimpert haben. Obst- und Gemüsekörbe, prall gefüllt mit allem, was uns die Natur bietet, haben Dein Geviert koloriert. Das leise Rauschen des Inns und der freundliche Gruß der Häuserzeilen gegenüber haben Dich erst zu jenem Kleinod gemacht, das jeder, der Dich betrat, zu schätzen wusste. Eine Schlüsselfigur warst Du und vielbesuchter, frequentierter Schauplatz des Geschehens inmitten unserer Stadt. Welch traurige Gestalt gibst Du heute ab? Schau an, was aus Dir geworden ist, was sie aus Dir gemacht haben, die Bürger und die Verwaltung dieser Stadt. Du bist nichts als ein Dachdeckel, eine in ihrer Bedeutung entwertete Zufahrtsrampe einer Garage, austauschbare Bühne für beliebige Ereignisse und touristische Belustigung, nur noch ein Schatten Deiner selbst. Nur still kannst Du ertragen, wenn sie jetzt wieder mit Baumaschinen über Dich hinwegfegen und in Deinen Eingeweiden wühlen. Leicht machst Du es uns allen damit nicht, schließlich müssen wir Deinen Anblick und Deine schweigsame Traurigkeit ebenso ertragen. Tag für Tag, wenn wir an Dir vorüberziehen. Was könntest Du nicht alles sein, voll Anmut und Grazie? Aber nein, Du wolltest es anders, wolltest etwas Neues sein, etwas, das den politisch vorgezeichneten Abgesang nicht erkannt, sondern ihm widerstandslos zugestimmt hat....

„Du kommst hier nicht rein!“...

Es ist schon mitten in der Nacht als der Anruf kommt. Lieber würde ich ihn ignorieren, aber etwas in mir sagt, dass es wohl von Bedeutung sein muss um diese Uhrzeit. „Hallo?“ – „Sie haben uns nicht reingelassen.“ – „Was meinst du?“ – „Sie haben uns in den Club nicht reingelassen.“ – „Scheiße.“ Es gibt Millionen Gründe dafür – normalerweise. Aber hier gibt es nur diesen einen, das ist sofort klar. „Weißt du, alle Weißen haben sie reingelassen, wirklich ALLE, aber uns nicht.“ – „Ich weiß.“ – „Es ist wirklich einfacher für diejenigen, die gar nicht erst versuchen, sich zu integrieren.“ Mit diesem Satz bin ich hellwach. Wochenlang lässt er mich nicht mehr los. Irgendwann, hatte ich gedacht, irgendwann muss es sich doch bezahlt machen. Ich versuche dich aufzubauen, doch es scheint fast zwecklos. Du hast den weiten Weg geschafft bis hierher, du hast alles, wirklich alles getan. Dein Deutsch ist perfekt nach nur einem Jahr, du hast die Zulassung zur Uni, du brauchst jetzt nur noch diesen einen Bescheid und dann wird alles gut. So dachte ich. Aber in den letzten Wochen kommst du mir vor wie ein Marathonläufer, der auf den letzten Metern vor dem Ziel zusammenbricht. Kein Wunder. Die Ziellinie verschiebt sich mit jedem Schritt nur noch ein Stück weiter nach hinten. Integration. Was für ein Schlagwort der heutigen Zeit. Integration ist ein beidseitiger Prozess. Wie gut sich das anhört. Wenn es jedoch um die Frage einer gelungenen, erfolgreichen Integration geht, werden Versäumnisse immer nur einer von beiden Seiten zugeschrieben. Als wäre es deine gottverdammte eigene Schuld, wenn du ständig an die Tür klopfst, aber niemand sie dir öffnen will. Wir wollen das nämlich nicht, habe ich erfahren. Seit dem Anruf sind Wochen vergangen. In der...

Anleitung zum Aussteigen...

              Seit Tagen kursieren in der Tiroler Tageszeitung Meldungen über eine angebliche Tarifreform bei den Innsbrucker Verkehrsbetrieben. Worin genau die Reform im wörtlichen Sinn einer Um- und Neugestaltung des geltenden Systems bestehen soll, bleibt auch nach sorgfältiger Lektüre der Berichterstattung weitestgehend rätselhaft. Faktisch geht es um eine Verteuerung der Tarife, auch wenn die Stadtregierung diese euphemistisch als „Tarifanhebungen“ oder „Tarifanpassungen“ tarnen will. Eine Attraktivierung des Angebotes, zum Beispiel durch Schaffung einer familienfreundlichen Jahreskarte oder sehr günstigen Kurzstreckentickets, ist nach derzeitigem Stand der Informationen nicht geplant. Dafür schwirren viele Zahlen umher, die die Ticket-Verteuerungen als wirtschaftliche Notwendigkeit erscheinen lassen sollen. Aber selbst wenn es einen wirtschaftlichen Verlust durch steigende Personalkosten zu verzeichnen gibt: müsste es in Zeiten wie diesen – Stichwort Klimawandel, Stichwort schlechte Luft- und Lebensqualität durch überbordende Verkehrsbelastung – nicht ein Gebot der Stunde und eine der lösbaren Aufgaben unseres Jahrzehnts sein, in den Ausbau des öffentlichen Verkehrs bzw. einer umweltfreundlichen Mobilität zu investieren? Sollten wir nicht an allen politischen Hebeln drehen, um überflüssigen (individuellen) Autoverkehr in der Stadt auszubremsen oder zumindest einzudämmen? Jene Menschen finanziell durch Verteuerungen zu bestrafen, die mit Bus und Straßenbahn fahren und sich gesellschaftlich richtig verhalten, ist ein ablehungswürdiger Affront, vor allem wenn es gleichzeitig keinerlei Bestrebungen gibt, die Alternative so zu verteuern, dass nur noch unbedingt notwendige Wege und Fahrten mit dem Auto getätigt werden. Zur Erinnerung: Erst im Jänner 2015 sind die IVB-Tarife (und damals wirklich) neu gestaltet, Jahreskarten massiv vergünstigt, Einzel- und Mehrfahrtentickets jedoch verteuert worden. Die damaligen Neuerungen wurden von allen Parteien der Stadtregierung als großer Erfolg gefeiert und – zu Recht oder nicht sei dahingestellt – auf die eigenen Fahnen geheftet. Der starke Anstieg der Jahreskarten hat eindrucksvoll bewiesen, dass ein attraktives...

About locker room talk

          Jeder, der den US-Wahlkampf auch nur am Rande verfolgt, hat gerade in den letzten Tagen mitbekommen, daß ein bestimmtes Thema das amerikanische Volk mehr denn je in zwei Lager spaltet. Hat dieser bis vor einer Woche mit nicht allzu wenig Skandalen und rassistischen und populistischen Aussagen aufwarten können, so hat keine der bisher ausreichend ungustiösen Taten und Worte des republikanischen Kandidaten die Emotionen derart hochkochen lassen wie die 11 Jahre alte Aufnahme, in der sich besagter Herr darüber äußert, wie er Frauen auf Grund seines gesellschaftlichen und finanziellen Standes zu behandeln befähigt sieht. Es ist ein Einfaches, sich darüber zu mokieren und sich darüber zu amüsieren, daß ein solcher Mensch in den USA, »und nur in den USA« als Präsident in Frage kommt, weil er trotz all diesen herablassenden Kommentaren und hasserfüllten Aussagen immer noch genügend Unterstützer auf seiner Seite zählen kann, die ihn zum mächtigsten Mann der Welt katapultieren könnten. Only in the US, right? Ich kann mir den Luxus leider nicht leisten, wirklich überrascht und empört zu sein – ich muß sogar zugeben, daß die Aufnahmen über das bereits eingeschaltete Mikrofon mich gar nicht so schockiert haben. Und zwar nicht deswegen, weil das Verhalten des amerikanischen Millionärs bereits auf vielfache Art und Weise auf einen niveaulosen und egozentrischen Charakter hinweist, sondern aus einem einfachen Grund: ich höre zu. Ich arbeite in einem Beruf, der mich in direkten Kontakt zu Menschen bringt und die sich mit mir, untereinander und übereinander unterhalten. Es vergeht kein einziger Arbeitstag, an dem ich nicht auf eine mehr oder weniger »originelle« Art und Weise negativ auf meinen Körper, mein Verhalten, meine Kleiderwahl, mein Wortwahl, mein Auftreten direkt angesprochen werde. Ich werde beleidigt, degradiert, angemacht, beurteilt. Über mich werden...

Der Erklärungsnotstand

                  Die rotschwarze Bundesregierung hat eine Verordnung geschrieben. Angeblich, um den durch die hohe Anzahl an Asylwerbern drohenden Staatsnotstand zu verhindern. Diese Verordnung, über die seit Monaten diskutiert wird, soll also irgendwann in nächster Zeit in Kraft treten. Irgendwann vor Jahresende. Verordnung hin und Flüchtlingsobergrenze her. Die Frage, die einer Antwort harrt, bleibt: droht in Österreich ein Notstand oder, noch schlimmer, ein Zusammenbruch des Staatsapparates? Nüchtern betrachtet eine schwierige Frage und zumindest mit dem Wissensstand eines einfachen Staatsbürgers, der nicht ranghoher Ministeriumsbeamter, Politiker, parlamentarischer Mitarbeiter und/oder Insider ist, ist dies kaum zu beantworten. Diejenigen, die eine Antwort geben könnten, geben sie nicht. Zumindest beschleicht mich als politisierten Menschen das Gefühl, dass da schon viel künstlich aufgeblasen und aufgrund einer unberechenbaren Dynamik bewusst Panik geschürt bzw. Politik gemacht wird. Jedenfalls ist das ganze Flüchtlingsthema ein politisches Feld, in dem beinahe ausschließlich über Stimmung gearbeitet und vor allem Stimmung gegen Menschen oder ganze Menschengruppen gemacht wird. Das kann man als offener Mensch, der jeden Menschen an sich als fühlendes, prinzipiell freundliches und sozialfähiges Wesen begreift und wahrnimmt, ohnehin verdächtig finden. Die Ankunft von Flüchtlingen mit Notstand zu verknüpfen, also aus der bloßen Existenz dieser Menschen eine unmittelbare Bedrohung für unsere Gesellschaft abzuleiten, kommt einer pauschalen Kriminalisierung zumindest sehr nahe. Warum und wovor fürchten wir uns eigentlich so? Ich bilde mir ja ein, dass ich mich nicht fürchte, auch wenn ich gestehen muss, dass diese meine Einbildung aufgrund der massiven Stimmungsmache langsam zu bröckeln beginnt. Woher also die Furcht und Angst? Hat es damit zu tun, dass wir unseren gesellschaftlichen Reichtum und privaten Wohlstand künftig mit anderen Menschen, die bisher sehr weit weg von uns waren, zu teilen haben? Aber müssen wir das nicht...

Plädoyer für politischen Mindestanstand...

              Seit Wochen wird hierzulande versucht, mit Hilfe der sogenannten Mindestsicherung Stimmenmaximierung zu betreiben. Das Schüren von Ängsten und Sozialneid in Form von Gegeneinander-Ausspielen von Menschen(gruppen), bislang eine Paradedisziplin der FPÖ, hat nun endgültig die ÖVP erfasst. Konservative Spitzenpolitiker sehen das Heil der Schwarzen offenbar darin, sich als eine zwar sprachlich mildere, aber inhaltlich klar erkennbare Kopie der Freiheitlichen zu präsentieren. Jüngstes Beispiel: die FPÖ will die Mindestsicherung für Flüchtlinge abschaffen und nur „echten Österreichern“ gewähren. Die ÖVP will diese zur Armutsbekämpfung geschaffene Transferleistung für kinderreiche Familien(!) betragsmäßig beschränken und neuerdings auch eine Koppelung der sogenannten Mindestsicherung an eine mindestens fünfjährige Aufenthaltsdauer. Die Idee dahinter ist klar: Anerkannten Flüchtlingen soll so der Zugang zur Mindestsicherung versperrt werden. Mia sein schließlich mia. Die bierzelttaugliche und FPÖ-kompatible Botschaft soll den Schwarzen wohl helfen, den Raum nach Rechts zu besetzen und drohende Stimmenverluste in diese Richtung zu begrenzen. Dass damit soziale Not und Armut politisch produziert anstatt bekämpft wird, nimmt die ÖVP locker in Kauf. Ein gefährlicher und wohl auch riskanter Rechtsruck der ÖVP. Wovor alle politischen Forscher und Beobachter eindringlich warnen, nämlich den Rechtspopulismus zu bekämpfen, indem man ihn nachahmt und kopiert, scheint die Volkspartei nicht zu interessieren. Oder sie stellt sich ob der unüberhörbaren Kassandra-Rufe einfach nur taub. Welcher Teufel den Pröll Erwin und seinen Sobotka geritten hat, möchte man den Platter Günther oder den Mitterlehner Reinhold fragen. Doch bevor diese Frage ans Ohr der (noch) gemäßigten VP-Granden dringt, grinst schon Lopatka schelmisch und schadenfroh in Richtung SPÖ. KUrz gesagt: die Strachisierung der Schwarzen ist einer Mischung aus Koalitionsgeplänkel und – noch schlimmer – der Ideen- und Visionslosigkeit ihrer aktuellen, provinziell denkenden Parteiführung geschuldet. Das christlich-soziale Ideal der Bürgerlichen wird mit Springerstiefeln getreten, die...