Zurück in die Zukunft oder warum wir keine Zäune mehr brauchen

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Der Mensch ist ein rückwärtsgewandtes Wesen. Der Reiz der Vergangenheit strahlt in die Gegenwart und oft sogar darüber hinaus weit in die Zukunft hinein. Derzeit erleben wir eine Renaissance der Zäune. So soll die vor wenigen Jahren freiwillig aufgegebene Brennergrenze wieder errichtet werden. Was ist nur los in und mit unserem Land und, vor allem, in unseren Köpfen?

Europa erlebt eine sogannte Flüchtlingskrise. Zumindest kreist dieser von Medien kreierte und von Politikern unhinterfragt und vielbenutzte Begriff seit Monaten in Zeitungen, im Fernsehen und im Internet. Wieso es sich beim Strom von Menschen, die sich auf der Flucht befinden und durch unser Land reisen, automatisch um eine Krise handeln soll, ist zunächst nicht ersichtlich. Zugegeben, einige wollen auch hierbleiben, wollen sich bei uns ansiedeln und so etwas wie eine neue Heimat finden. Wie viele, oder besser wie wenige das sind, weiss allerdings niemand.

Zumindest gibt es keine offizielle Zahl der Siedlungswilligen. Soweit reicht unser Interesse für die bei uns strandenden Menschen nämlich gar nicht. Zahlen hört man nur in Zusammenhang mit Asywerbern. Aber: wer sich um Asyl bewirbt, der will nicht automatisch hier bleiben, sondern will zunächst und vermutlich nur verhindern, gleich wieder zurück- und abgeschoben zu werden, womöglich in das Land, aus dem er oder sie gekommen ist und vermutlich schlimme Dinge erlebt hat. Umgekehrt muss, wer unser Land betritt, und nicht um Asyl ansucht, sogar damit rechnen, als „illegal“ bezeichnet zu werden, und viel schlimmer, sofort wieder und nötigenfalls mit Druck und sogar Gewalt aus unserem Land hinausgeworfen zu werden.

Wir haben es uns bequem eingerichtet, in unserem Paradies Europa und haben jahrelang, ja jahrzentelang die Augen verschlossen und uns nicht oder nur sehr wenig dafür interessiert, was vor unseren Augen, unseren Köpfen, unseren Grenzen vorgeht und woraus sich unser breiter Wohlstand ergibt. Für das soziale Gefälle, politische und wirtschaftliche Nöte in der Welt oder die Problematik der sogenannten Globalisierung haben wir uns kaum interessiert. Vielen, um nicht zu sagen der breiten Masse der Bevölkerung, ist das Thema einer sozialen, globalen Gerechtigkeit sprichwörtlich am Arsch vorbei gegangen. Frei nach dem Motto: so lange es meinen Arsch nicht betrifft, ist das alles nur graue Theorie und Gerede sogenannter linker Besserwisser.

Vielleicht waren wir auch zu sehr damit beschäftigt, unseren eigenen Wohlstand und den Status quo einzuzementieren. Nicht von ungefähr kommt die Weisheit, je mehr ein Mensch hat und besitzt, umso mehr wird er darauf erpicht sein, seinen Besitz zu verteidigen.

Was es auch ist, dass wir aus der derzeitigen Situation eine Krise zimmern und reflexartig flüchtende Menschen als Bedrohung empfinden müssen, es zeigt wohl, dass wir als sogenannte westliche Zivilisation und Kultur allen unseren technologischen Entwicklungen und geistigen Errungenschaften zum Trotz noch nicht viel geschafft haben. Zumindest gibt es nur wenige Berichte und Meinungen, die die derzeitige Situation als Chance sehen oder als Hoffnung begreifen für positive Veränderungen und Umbrüche in der Zukunft. Im Gegenteil. Die Errichtung von Grenzen und Zäunen, die bereits abgerissen waren, seien es reale oder jene, die sich im Kopf befinden, ist nicht nur symbolisch betrachtet ein immenser Rückschritt.

Wenn es mehr Leute gibt wie den Autor dieses bescheidenen Textes, die diese Entwicklung für problematisch halten und für nicht wünschenswert und mehr noch für geistig beengend, und die sich dazu äußern, öffentlich, laut, leise, in ihrem Bekanntenkreis, in Kommentaren, Foren, Blogs und so weiter, dann kann es unter Umständen gelingen, der stillschweigenden Akzeptanz dieser Politik der zunehmenden Zaunzieherei etwas entgegen zu setzen. Vielleicht sogar Politiker unter Zugzwang zu bringen, ihre korrekten und harmlos klingenden, aber von Heuchelei, Vorurteilen und Ängsten durchtränkten Phrasen zu überdenken. Vielleicht gelingt es dann auch Parteien wie den Grünen in Tirol, die sich in Koalition mit Befürwortern derartiger Zäune befinden, mutiger dagegen aufzutreten oder gar und ebenso symbolträchtig ihre Macht-Bündnisse zu sprengen. Es wäre schön, würde endlich jemand eine unbeugsame Haltung zeigen und von einer Politik der sozialen Gerechtigkeit und Menschlichkeit nicht nur reden, sondern diese auch in der Realität leben.

Johann Alexander

1 Antwort : “Zurück in die Zukunft oder warum wir keine Zäune mehr brauchen”

  1. Gast sagt:

    Veranstaltung im DeCentral (Hallerstraße 1) SAMSTAG 20.02.2016 INFOABEND & SAMMELAKTION: FLUCHT.HILFE.BALKANROUTE

    20 Uhr

    Im griechischen Grenzort Idomeni kommen täglich zwischen 600 und 5000 Menschen an, die die Grenze nach Mazedonien passieren wollen. Da aber mittlerweile nur Menschen aus Syrien, Afghanistan und Irak nach Mazedonien eingelassen werden, ist Situation von Menschen anderer Herkunftsländer besonders desolat. Sie bleiben an der der Grenze stecken, leben im Wald und versuchen die Grenze zu Fuß zu überwinden um dann in 6-10 Tagen zu Fuß nach Serbien zu kommen. Dabei erleben die Flüchtenden Polizeigewalt, Kälte, Hunger, Informationsmangel und eine große Hoffnungslosigkeit. Auch geschehen Öffnung und Schließung der Grenze sowie die Aussortierung der Menschen mit den vom Staat gut befunden Herkunftsländern oft nach dem Zufallsprinzip. So bleiben auch die Menschen, die die Grenze passieren können, oft tagelang an einer Tankstelle im Nirgendwo stecken. Autonome Gruppen kümmern sich nun
    bereits seit Monaten um die Verteilung von Klamotten, Tee, Essen und Informationen, sowie die Überwachung der Praktiken der Grenzpolizei – sowohl an der Tankstelle als auch im Wald. Die Unterstützer_Innen selber werden vom griechischen Staat immer mehr kriminalisiert und in der
    Arbeit behindert, durch Personenkontrollen, Hausdurchsuchungen und Überwachung. Es ist vor Ort spürbar, dass die Grenzen der Festung Europa immer unüberwindbarer werden. #borderskilleverywhere

    Alexandra von aiddeliverymission.org ist eine der unzähligen
    Unterstützer_innen und erzählt an diesem Abend über die generelle politische Situation im Balkan, die besondere Situation der Illegalisierten und die autonomen Strukturen zur Unterstützung vor Ort. Es wird weiterhin Hilfe gebraucht, sei es tatkräftig vor Ort, mit Sach- oder Geldspenden oder politischen Aktionen wie der hier in Innsbruck und hoffentlich auch an vielen anderen Orten.

    Wir suchen im Moment dringend Outdoorausrüstung wie Jacken und Hosen, Bergschuhe, Biwaksäcke, Schlafsäcke, Handschuhe, Mützen und Skiunterwäsche.

    Ihr könnt die Sachen entweder am 19. und am 20. Februar abends ins Cafe Decentral (Hallerstr. 1) bringen, oder ihr kontaktiert uns und wir machen etwas aus.

    Falls du dich aktiv in Mazedonien/Griechenland beteiligen möchtest suchen wir auch Menschen die berg- und wandererfahren sind und bereit sind ein gewisses Risiko einzugehen im Support der Illegalisierten. Komm doch zum Infoabend falls dich das interessiert

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