VOLLENDEN – ein Leben für die schöne Leich

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Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen. Bin ich, ist er nicht. Ist er, bin ich nicht. Das Verdrängen der eigenen Endlichkeit nach Jahrhunderten der Trostsuche im Jenseits hat den Tod wieder zu der Zumutung degradiert, die Epikur vor fast zweieinhalbtausend Jahren in ihm gesehen hat. Und doch haben wir mit dem Tod auch heute mehr zu schaffen als uns lieb ist. Das Sterben, der Tod und das Nichtwiederkommen uns Nahestehender müssen verarbeitet werden. Ein Abschied kann gelingen, weniger gelingen oder im schlimmsten Fall nie abgeschlossen sein.

Damit beschäftigt sich die Thanatologie, die Wissenschaft vom Tod, vom Sterben und der Bestattung, letztlich also die Wissenschaft von einem gelungenen Abschied.
Die Schweizer Regisseurin Susanne Eigenheer Wyler hat für ihren Film „Vollenden“, der im Leokino zu sehen war, das Tiroler Thanatologen-Team Christine Pernlochner-Kügler und Markus Ploner jahrelang begleitet und liefert uns ein Portrait von deren Umgang mit dem Tod zwischen beruflichem Alltag und Privatleben.

Thanatologie geht über die übliche Bestattungstätigkeit hinaus; nicht nur um das Waschen, das Ankleiden, das Drapieren der Toten im Sarg geht es, sondern auch um das Begleiten von Angehörigen und um das Restaurieren und Präparieren von Leichen, die für eine offene Aufbahrung eine Herausforderung darstellen. Viele wollen eine individuell maßgeschneiderte Trauerfeier, für die erst Informationen über den Verstorbenen eingeholt werden müssen und die mitunter anstelle eines Requiems auch von den Hawaiigitarren von Caterina Valentes „Steig in das Traumboot der Liebe“ untermalt werden darf.

Man sieht Markus wie er seinen Körper mit ausgedehnten Spaziergängen mit seiner Hündin Holly und mit Hanteltraining in Form hält. Christine wiederum trägt sich im Gesicht Feuchtigkeitscreme auf, während man sie aus dem Off über den Ekel vor Klebrigem sprechen hört. Es scheint, als ob beide damit der Vergänglichkeit und dem Verfall, dem Memento mori mit denen sie täglich konfrontiert sind, etwas entgegensetzen wollen.

Das Verleben und Verwelken anderer ist es jedoch in erster Linie, das ihnen stets in aller Offenheit entgegentritt. Der Bestatter wird zum intimus im wahrsten Sinne des Wortes, er durchdringt die Grenze, den Schein, den die ihm Anvertrauten zu Lebzeiten so lange wie möglich versucht haben aufrecht zu erhalten. Der schönen Leich geht unvermeidlich die Indiskretion voraus. Bis der Leichnam aufgebahrt vor uns liegt, bedarf es etlicher Tätigkeiten, die viele nicht sehen wollen, weil sie das Ergebnis zu dem sie führen gleichzeitig konterkarieren. Es sind jene Schritte, die eine schöne Leich erst ermöglichen und die uns die Regisseurin aus gutem Grund nicht zeigt. Ein Blick in die Trickkiste der posthumen plastischen Chirurgie verlangt nach starken Nerven. Ein weiteres Unbill, das uns dieser Film nicht zeigt und das uns das Medium Film auch gar nicht vermitteln kann, sind die olfaktorischen Herausforderungen, denen sich die Protagonisten tagtäglich stellen müssen. Auch dagegen gibt es Hilfsmittel: mit Tampons, Nadel und Faden werden Körperöffnungen verschlossen und somit jene Gerüche im Zaum gehalten, die uns allzu sehr in Erinnerung rufen, dass es einiger biochemischer Prozesse bedarf, ehe wir uns wieder zu Staub zu verwandeln.

Der Star des Films ist eigentlich Christines 94 jährige Oma. Es war ihr verwehrt geblieben, ihren Mann, der vor 15 Jahren gestorben ist, noch ein letztes Mal zu sehen. Im Gespräch mit Christine spricht sie aus, was den oft unverhältnismäßig scheinenden Aufwand rechtfertigt, mit dem das Thanatologen-Duo eine offene Aufbahrung zumutbar macht. Das Filmteam darf auch dabei sein, als die Großmutter mit Christine nicht ganz todernst die eigenen Bestattungswünsche bespricht und dabei auf eine Wiedergeburt hofft.
Der geliebte Hund stirbt während der Dreharbeiten, man sieht Markus beim Abschied nehmen im Tierkrematorium. Die letzte Ehrerbietung – eine würdevolle Aufbahrung – wird auch dem Tier erwiesen und aus dem Trauerhelfer wird der Trauernde.

„Ich brauch‘ kan Pflanz, i brauch‘ kan Glanz, i brauch‘ ka schöne Leich. Ich komm‘ auch ohne Kranz genau so gut ins Himmelreich“ heißt es in einem alten Wienerlied. Für die Leich mag das freilich stimmen, letztlich kommt der Aufwand aber den Hinterbliebenen zugute.

Der Film „Vollenden“ ist am 27. Oktober um 22.35 Uhr auf ORF 2 sowie am 28. Oktober um 00.30 auf WDR zu sehen.

Michael Schorner

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