Sauber sauber! Der Appell zur politischen Weißheit

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Tirol ist ein sauberes Land. Allerorts quellen und rauschen saubere Gebirgsbäche und spenden uns klares, reines Wasser. Wir trinken es nicht nur zuhauf, wir waschen uns alle und die allermeisten mehrmals täglich damit. Bei so viel Reinheit könnte man annehmen, wir seien ein sauberes Land voller sauberer Menschen. Und zwar nicht nur in körperhygienischer Hinsicht.

Die Realität sieht nun freilich so aus, dass wir Tiroler nicht supersauber, sondern eher mit allen Wassern gewaschen sind. Vor allem wenn es darum geht, uns von der eigenen Verantwortung frei zu waschen.

Der jüngst zum Skandal erhobene Fall eines kleinen Mannes, der im Lauf seiner politischen Karriere immer größere politische Ämter bekleidet und dessen moralische Sauberkeit zuvor nie angezweifelt wurde, bietet ein anschauungswürdiges Lehrstück, wie die Freiwaschung von der eigenen Verantwortung von statten geht. Was hier – Stichwort Gratismiete – passiert ist, ist alles andere als sauber und solche Dinge gehören auch öffentlich aufgezeigt, dass es sich gewaschen hat.

Im Wettbewerb der medialen Sensations- und Skandalberichterstattung ist das eigentliche Thema, die Frage nach der Moral in der Politik und jene der politischen Repräsentanten, allerdings völlig in den Hintergrund getreten. Helmut Mader hat bestehende Grauzonen und Vorteile, die einem mit Macht ausgestattetem Politiker systembedingt zustehen, genutzt. Das tun, auf ihre eigene Art und Weise, allerdings viele, wenn nicht gar alle Politiker in allen Parteien.

Der Schmutz, der Rost, die Kalkablagerungen sitzen tief im System. Bisher hat sich noch niemand gefunden, der dies klar und nüchtern festgestellt und notwendige Konsequenzen eingefordert hat. Oder gar konkrete Vorschläge auf den Tisch gelegt hat, die durchdacht, originell oder umsetzbar sind und mehr als eine bloße Wiederholung der ewiggleichen Schlagwörter wie Transparenz oder die gebetsmühlenartige Forderung nach Aufklärung.

Ganz zu schweigen von einer öffentlichen Debatte, einem demokratiepolitischen Diskurs wie man so schön sagt, über die Sauberkeit des Systems, moralische Grundsätze und ethisches Verhalten von PolitikerInnen. Immerhin hat das Verhalten von Spitzenpolitikern Vorbildwirkung für die ganze Gesellschaft. Warum werden seit Wochen die Seiten mit immer mehr oder weniger neuen und mehr oder weniger irrelevanten Einzelheiten des „Falles Mader“ gefüllt, nicht aber mit Artikeln zur Frage, wie wir die Demokratie vor immer neuen Verfilzungen, „Freunderlwirtschaft“ und unmoralischen Versuchungen schützen können?

Bis heute hat jedenfalls kein amtierender Politiker oder amtierende Politikerin auf die eigene Mitverantwortung hingewiesen, die Frage nach Fehlern aufgeworfen oder sich gar entschuldigt. Nicht für Helmut Mader, denn nur Helmut Mader kann sich für sich entschuldigen. Die Tiroler Bevölkerung hat sich aber sehr wohl eine Entschuldigung verdient.

Eine Entschuldigung dafür, dass es „sich einige richten können“, dafür, dass es gleiche und gleichere gibt, und dafür, dass die herrschenden PolitikerInnen, die ja viel leisten, dieses System der persönlichen Vorteile noch nicht in den Griff bekommen und spürbare Änderungen durchgesetzt haben. Mit Bauernopfern und geheuchelter Empörung oder gespielter Entrüstung ist es nicht getan, die sind kein Beitrag zu mehr Sauberkeit in der Politik. Und ob ein aberkanntes Landesabzeichen dazu in der Lage ist, bestehende und wohl nicht unbegründete Vorurteile über Politiker-Privilegien abzubauen, sei dahingestellt.

Dieser Appell zur politischen Weißheit soll ein Anstoß sein zur Diskussion, dazu, den nächsten Schritt zu setzen anstatt achselzuckend zur Tagesordnung überzugehen. Er richtet sich explizit nicht an Helmut Mader, sondern an amtierende PolitikerInnen und an alle politisch denkenden Menschen. Mehr Besonnenheit und weniger Skandalgeschrei täten der Politik sicher sehr gut. Um Sauberkeit und Moral sollten wir uns alle bemühen!

Text und Foto von WILHELM GIULIANI

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