Ostern

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Ostern war und man feierte es heuer einmal völlig ungewohnt mit einer Schwarzen Messe, bei der alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer  weiß gekleidet waren. Also wo Unschuld mit Schuld im tiefsten Sinne verbunden waren. Nichts Schreckliches aber geschah. Kein Gott wurde beleidigt, keine religiöse Seele gekränkt. Junge Frauen zeigten ihre neuesten Osterfrisuren, trugen kunstvoll aus ihrem Kopfhaar toupierte und frisierte Osterlämmer und Osterhasen, Kirchen und Kruzifixe. Eine sogar ein Straußenei, und eine andere ließ sich ihr Haar mit Goldstaub vergolden. Die hatte dann natürlich alle Aufmerksamkeit und Bewunderung der Besucherinnen und Besucher auf sich gelenkt. Manche trugen auch Strass in ihrem Haar oder auch auf ihrem Dekolleté. In einer anderen Ecke oder Koje wurden Bilder vom Leid gezeigt, das gab es ja zur Genüge leider immer noch, und man durfte es sogar in Gestalt von ein paar ausgesuchten und im Raum platzierten Bettlern gegen ein bisschen Kleingeld berühren. Und natürlich durfte auch der Teufel auftreten, sonst wäre es ja keine „Schwarze Messe“ gewesen. Aber der Teufel war harmlos. Er saß am Eingang und las ein Buch und beobachtete alles, und  natürlich war auch Judas da, sich seiner Rolle voll bewusst – denn ohne ihn hätte es das Fest ja gar nicht gegeben – stolzierte er herum und gab Autogramme wie ein Filmstar..

In einer ruhigen Ecke wurde still und heimlich ein Goldenes Kalb angebetet. Aber es war nur mit Goldfarbe bestrichen, und aus ihm entstieg am Ende eine schöne nackte  junge Frau! Auch das musste sein. Den Tieren wurde überhaupt viel Macht eingeräumt. Frauen in Katzen- und Hasenkostümen kochten Kaffee und servierten die Getränke.  Es wurden Lämmer und junge Ferkel gebraten.  Ein alter Mann in einem weißen Bart saß still in einem toten Winkel, so dass ihn alle übersahen. Vielleicht war’s der „liebe Gott“.  Osterglocken ertönten faustisch und erdig. Und  Ostereier wurden gepickt. Viele waren im Hasenkostüm erschienen. Eine Frau und ein Mann sangen gemeinsam ein schönes Osterlied.  Handys läuteten in einer Tour, die Leute telefonierten herum und schrieben unentwegt  SMS‘.  Der alte Mann war inzwischen eingeschlafen. Schlief er den Schlaf des Gerechten?

Ein noch  junger Mann erzählte vom Elend der Welt und seiner Langzeitarbeitslosigkeit. Die Leute hörten ihm zu und sagten „Ja, ja“ und „nein, nein“. Auch ein Osterfeuer wurde entzündet. Ein feuriges Rad über eine Wiese gerollt, so dass die Wiese darauf abbrannte. Ein junger Mann küsste eine junge Frau. Die Frau kicherte darauf. Es war Frühling. Hätte es dazu dieses Zeichens noch bedurft? Na ja, der Teufel war ja noch da, er saß an der Tür und las, wie schon gesagt,  ein Buch.

Sollte Jesus auch vorkommen, als Auferstandener sogar? Das hätte in dieser Feier nicht mehr funktioniert. Wahrscheinlich funktionierte es auch im gewohnten Rahmen nicht mehr. Auch nicht mehr in den Kirchen, da war es nur mehr ein vollkommen leeres Ritual ohne Inhalt. Nein, man hatte ihn im schwarzen Anzug und mit einem Geldkoffer auferstehen lassen. Und in die Stadt gehen, begleitet von den zwei Frauen, Maria und Magdalena. Das Ganze in  schwarz-weißer Kleidung: Also Jesus ganz im schwarzen Business-Anzug und die beiden Frauen in weißen Businesskostümen. Ja so ging das noch durch! Dazu sah man einen Film, in dem ein Priester auf einem Fahrrad mit einer Statue des auferstandenen Christus unterm Arm davonfuhr. Sein Bild wurde immer kleiner, bis es endlich in einem kaum mehr wahrnehmbaren Punkt verschwand.   So fuhr die Welt ihrem Abgrund entgegen oder ihrer Vollendung zu, wer mochte das schon so genau wissen? Es gab ja gutes Essen. Es wurde geschlemmt und getafelt, dass sich die Tische bogen. Die Lämmer und Ferkel verzehrt, der Wein getrunken. Und zum Abschluss Obst und Süßigkeiten gereicht. Dazu Küsse getauscht. Alles war in tiefster Hoffnung. Frühling war!

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