Mein Freund Firas braucht uns

Diese Aufnahmen aus der Luft: zerstörte, zerbombte Straßenzüge. Dieses eine Kind, das voller Staub apathisch im Rettungswagen sitzt. Menschen, die wie Holzlatten in Häuserhälften stecken. Jeden Tag Tote. Die syrische Stadt Aleppo ist in aller Munde. Wer kann, flieht. Lässt alles zurück. Aber man ist am Leben. Der 35-jährige Firas ist einer davon. Er ist aus Aleppo geflohen und er ist am Leben. Firas ist mein Freund. Und er braucht uns.

syrien-aleppo-2Vor etwas mehr als einem Jahr schaffte Firas es bis nach Österreich. Ich kann mich nicht erinnern, jemals wen mit solch starkem Willen kennengelernt zu haben. Er ging voraus. Sorgte dafür, dass seine Frau und seine beiden Kinder in der Türkei in „Sicherheit“ sind. „Es geht ihnen gut“, sagt Firas. Seine Augen erzählen anderes. Seit über einem Jahr hat er seine Liebsten nicht in die Arme schließen können. Ohne whatsapp wüsste er nicht einmal, wie lange die Haare seiner 3-jährigen Tochter schon sind. Es war alles anders geplant: das nackte Überleben sichern und dann würde er voraus gehen und sie schnellstmöglich nachzuholen versuchen.

Als ich Firas kennenlernte, unterhielten wir uns auf Englisch. Ich in meinem kruden Schulenglisch, Firas in perfektem Englisch-Englisch. Denn er war in seiner Heimat Englischlehrer. Gestern, als wir uns wieder einmal trafen, sprachen wir wie seit längerem auf Deutsch miteinander. In rund einem Jahr hat Firas das geschafft, was wir Tiroler nie können werden: Deutsch zu sprechen. Akzentfrei.

firas-und-ichFiras will endlich zur Ruhe kommen. Auf Deutsch sagt er zu mir: „Weißt du, ich habe alles verloren. Aber ich bin nicht der einzige. Ich muss ein neues Leben schaffen“. Firas hat nun endlich seinen „Bescheid“ in Händen. Er ist jetzt „Anerkannter Flüchtling“. Was für ein fragwürdiger, grauslig klingender Titel. Ein Titel, der Firas auch vor neue Probleme stellt: Er muss seine jetzige Unterkunft verlassen. Wobei „Unterkunft“ zuerst monatelang ein Massenquartier in der Tennishalle am Innsbrucker Paschbergweg bedeutete. Zu dreihundertst. Mein Freund Firas braucht uns. Er sucht eine Wohnung.

Viel darf sie nicht kosten, die Wohnung. In Innsbruck. Maximal 495.- Euro stellt das Sozialamt bereit. Die Abhängigkeit vom Sozialamt nagt an Firas. Doch arbeiten durfte er als Asylwerber ja nicht. Was ihn nicht daran hinderte, eben ehrenamtlich an der Volkshochschule tätig zu sein. Oder ehrenamtlich als Dolmetscher. Oder ehrenamtlich als wurscht was. Firas hat quasi spielerisch Deutsch gelernt – und auch aktuell packt er gerne ehrenamtlich mit an, wenn er sich einbringen kann.
Und er hat Pläne. Er will möglichst bald wieder unterrichten und erklärt mir im Gespräch, wie das mit der Pädagogischen Hochschule und der Uni funktioniert, verwendet die Abkürzungen „DAF/DAZ“ (Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache), während seine Augen zu funkeln beginnen. Er will arbeiten, Geld verdienen, will nicht mehr abhängig sein, will auch „Österreich etwas zurückgeben“. Firas will seiner Frau wirkliche Sicherheit und seinen Kindern eine Zukunft bieten. „Weißt du Markus, ein Kind ohne Bildung … das ist nicht gut,“ sagt er.

Es wird noch eine Weile dauern, bis Firas‘ Familie wieder vereint ist. Jetzt geht es darum, Boden unter die Füße zu bekommen, eben: eine eigene kleine Wohnung. In Innsbruck deshalb, weil Firas weiter zur Uni und in die dortige Landesbibliothek gehen will und weil er hier eben ein paar Leute kennt. So wie mich.
Mein Freund Firas braucht uns. Mein Freund Firas braucht eine Wohnung. Wer etwas weiß: bitte einfach melden – office@markuskoschuh.at. Ich danke euch. Auch im Namen von Firas. Und ich bitte euch, diesen Arikel auf facebook und wo auch immer sonst zu teilen. Danke.

Markus Koschuh

1 Antwort : “Mein Freund Firas braucht uns”

  1. Bianka Gschnell sagt:

    Traurige und leider reale Geschichte . Meine Nachbarin und ich betreuen ehrenamtlich drei Syrer, sind grad dabei, nach Erstaufenthalt in der Tennishalle in einen noch schlimmeren Zustand, Baracke in der Reichenau – nach über einem Jahr – endlich ein Zimmer zu organisieren. Schwierig, aber wir sind dran. Alles Gute für Firas – und baldigen Boden unter den Füssen – wurde auch auf meiner Facebook geteilt.

    Herzlichst

    Bianka Gschnell

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