Liebes Innsbruck – wir müssen reden!

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Sicher hast du bemerkt, dass ich mich in letzter Zeit mehr und mehr zurückgezogen habe. Ich habe mich von dir entfernt und es ist dir auch nicht verborgen geblieben, dass ich offen mit anderen Städten zu liebäugeln angefangen habe.

Manchmal habe ich einfach das Gefühl, ich kenne dich gar nicht wieder. Du veränderst dich so schnell, dass ich mich wie eine Fremde in der eigenen Stadt fühle. Vielleicht habe ich mir bei all der Arbeit schlicht zu wenig Zeit für dich genommen. Dauernd lese ich irgendwo, wie viele neue Restaurants und Cafés mit den unterschiedlichsten gastronomischen Konzepten du eröffnest. Irgendwie schaffe ich es gar nicht mehr, den Überblick zu behalten. Ich habe keine Ahnung mehr, was für Locations gerade trendy und angesagt sind. Und woher kommen plötzlich diese Heerscharen von Menschen mit ihren giftgrünen Smoothies im Plastikbecher?

Aber es ist nicht nur der Inhalt, du veränderst auch ständig dein Gesicht. Alte Fassaden müssen Neuem weichen, ob wir das nun wollen oder nicht. Manchmal frage ich mich, liebes Innsbruck, ob du den Respekt vor dir selbst verloren hast. Ich weiß, es war immer schon dein größtes Ziel, endlich eine Weltstadt zu sein. Aber hast du nicht auch manchmal das Gefühl, dass der Preis, den du dafür zu zahlen bereit bist ein wenig zu hoch ist? Möchtest du lieber aussehen, wie jede andere Stadt, anstatt deinen eigenen Charme zu behalten? Und denkst du eigentlich überhaupt nicht mehr an die vielen Menschen, die dich bewohnen wollen? Bald kann sich das niemand mehr leisten. Weißt du, es gibt nämlich viele von uns, die so Vieles an dir lieben. Vielleicht warst du zu beschäftigt mit der Organisation von sportlichen Großveranstaltungen, dass du uns ganz vergessen hast? Liebes Innsbruck, du kannst so viel mehr als das.

Früher habe ich dich oft belächelt in dem Besterben eine Weltstadt zu sein. Vielleicht hätte ich deine Wünsche ernster nehmen sollen. Ich bin einfach nicht sicher, ob mir die Richtung gefällt, die du eingeschlagen hast. Weltoffenheit an sich ist ja gut, aber müssen deshalb so viele Asoziale rumlaufen? Nein, ich meine damit nicht die Bettler und Obdachlosen, die du mit deiner Verbotskultur aus dem Stadtbild verbannst. Ich meine damit Leute, die dich mit dem Fahrrad fast über den Haufen fahren, anmotzen, wegdrängeln usw. Wann genau sind deine Einwohner eigentlich so egobezogen geworden? Ganz ehrlich, so wie die Leute teilweise miteinander umgehen, können sie sich diese „Es keat oanfach viel mehr gschmust“-Taschen von mir aus auch sparen.

Ach, Innsbruck. Wahrscheinlich liegt es nicht an dir, sondern an mir. Früher habe ich oft über dich geschimpft, weil du mir zu wenig weltoffen warst. Und jetzt? Alles verändert sich gerade so wahnsinnig schnell, dass ein Teil von mir sich dieses alte Innsbruck zurückwünscht. Kannst du nicht wieder ein bisschen mehr „hinterm Berg“ sein? Ich würde mich so gern ein wenig in dir verstecken und die Probleme der Welt ausklammern können. Wir sind so schnell erwachsen geworden, du und ich zusammen. Können wir beide nicht wieder sein wie früher? Mir fehlt deine vorhersehbare Geborgenheit so sehr. Du weißt, dass ich dich immer lieben werde. Ich weiß aber nicht, ob ich noch so weitermachen kann wie vorher.

Glaubst du denn, wir können trotzdem Freunde bleiben?

Birgit Hohlbrugger

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