Jenseits von Franchise: Gottes Werk und Innsbrucks Beitrag

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Die christliche Buchhandlung ohne Namen bei der Mühlauer Brücke ist der vielleicht skurrilste Solitär unter Innsbrucks Läden.

Zugegeben, die Eingangssituation ist nicht besonders ästhetisch und lenkt etwas vom Konzept der Glaubensvermittlung ab; hier findet sich Abgetragenes und Auf-nimmer-Wiedersehen-Ausgemustertes, darunter auch Vintage vom Feinsten, solange der Vorrat reicht.

Die Atmosphäre ist authentisch bis desolat; trotzdem, man könnte mal mit dem Staubtuch drübergehen. Und etwas sehr privat wirkt es auch. Ich habe das Gefühl, ich störe den gepflegten Herren hinter dem Schreibtisch bei der Arbeit. Aber er steht sofort auf, reibt sich die Hände und fragt: Wie kann ich helfen? Er zeigt auf die Regale, buchstabiert die Rubriken, sagt, ohne zu lächeln: Blättern erlaubt.

Der Raum ist überschaubar, um nicht zu sagen klein, aber vollgestopft mit Artikeln, die das Leben leichter machen sollen: Erbauungsliteratur, Informationen zur Apokalypse, Musikkassetten (Jesus, nur du allein), Gebetswürfel, Gesinnungspostkarten und Fischaufkleber für den PKW.

Auch Galerie

Das ist also das Universum von Herrn Robert Rockenbauer, gelernter Buchhalter und Freizeitmaler. Hier wirkt er nach bestem Wissen und Gewissen, denn sein Job ist kein Job, es ist eine Aufgabe.
Ach ja, seine Bilder stehen zum Verkauf. Auch ein Non-Profit-Unternehmen – im blumigen Jargon des Fiskus übrigens als „Liebhaberei“ bezeichnet – will finanziert sein.

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Denn die Seele ist kein Turnschuh

Kein Job. Eine Aufgabe, ja. Und im Grunde, wenn man es nüchtern sieht, ist es ein Kampf. Ganz abgesehen vom Überlebenskampf.
Er seufzt. Über Spenden würde er sich freuen. Über Kunden auch.
Kämpfen, sagt er müde, vor allem gegen die Lauwarmen, Verweichlichten, gegen ein widerwärtig falsches Christentum. Gegen das Wohlfühlchristentum. Dabei klingt er, als hätte er etwas Schlechtschmeckendes im Mund. „Das Evangelium hat nichts mit Wellness zu tun.“

Aufruf zur Intoleranz

Sein wohl leidenschaftlichster Kampf gilt dem Nichtraucherschutz, und das seit beachtlichen vierzig Jahren. Nirgends soll mehr geraucht werden dürfen, auch nicht im Freien. Die Raucherlobby kann ihn kreuzweise. Keine Ironie. Ein Hauch von Gran Torino liegt in der Luft.

Als Bundesleiter der „Österreichischen Schutzgemeinschaft für Nichtraucher“ und Herausgeber der NichtRaucherZeitung ruft er schon mal zur Intoleranz auf. Pardon wird nicht gegeben.
Ansonsten: recht vernünftiges Blatt.

Rockenbauer trägt gewissermaßen Uniform

Schon der Arzt- und Apothekermantel strahlt Kompetenz und Hygiene aus. Er verleiht ihm die Aura von einem, der weiß, was er tut. Und tatsächlich: Rockenbauer kennt sein Sortiment. Einsteigern empfiehlt er gerne amerikanische Bekehrungsgeschichten, ganz klassisch, großes Lasterleben, Umkehr, sehr bewährt, alles Topseller, Shannon – Ein wildes Leben oder auch Alex – Adrenalin pur. Und dann noch ein anderes spannendes Sujet, das man mit Jetzt erst recht überschreiben könnte: Menschen erzählen von ihren Schicksalsschlägen und davon, dass sie trotzdem oder gerade deswegen glauben. Einer verliert Arme und Beine. Er ist dankbar.

Zufrieden, glücklich wie nie! Rockenbauer sagt das etwas angestrengt. Dankbarkeit, das sei es, was wir wieder lernen müssen. Nicht immer nur bitte, bitte und mehr, mehr. Er schüttelt den Kopf und steckt das Buch zurück. Dankbarkeit, Zufriedenheit. Sich zurücknehmen, sagt er leise. Rockenbauer zuckt mit den Achseln und wirkt gerade nicht besonders fundi. Mehr Arzt als Verkäufer: Ausführliche Anamnese, Symptomcheck, Verschreibung der Arznei.

Nur die Diagnose fehlt. Sympathisch eigentlich.

Jetzt muss ich mich nur noch entscheiden zwischen Per Anhalter durch den Himmel, Blind Date mit Gott und Hotline nach oben. Oder doch lieber Warum Jesus kein Burnout hatte?

Christliche Buchhandlung: Haller Straße 3, 6020 Innsbruck

von ELISABETH MAYR

2 Antworten : “Jenseits von Franchise: Gottes Werk und Innsbrucks Beitrag”

  1. Weltstadtler sagt:

    An dem Laden bin ich schon öfter vorbeigefahren, aber so richtig angesprochen habe ich mich nicht gefühlt. Jedenfalls ein gelungener Beitrag, der einen guten Einblick über die Atmosphäre vermittelt!

  2. Ajax sagt:

    Danke, Frau Mayr.
    Es freut mich, dass provinnsbruck – vielleicht zum ersten Mal – einen Text über Andersdenkende veröffentlicht, der NICHT höhnisch und zynisch formuliert ist.
    Die Plattform neigt sonst zu Hochnäsigkeit und Spott, wenn Menschen NICHT recht alternativ oder wenigstens stammgrün sind.
    Beim NICHT Rauchen gibt es wohl Berührungspunkte mit Gott.

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