Je suis consciente

10916337_10203494191857189_6525653738424889825_o

8 Uhr 40. Ich bin mal wieder spät dran, hetze durch die Wohnung, den rechten Stiefel schon am Fuß, den anderen suche ich noch, ein halbes Brot im Mund, der Blick auf mein Handy. Eine Nachricht von meiner Mutter. Nur ein Link: „Mehrere Explosionen am Flughafen von Brüssel“. Und: „Hast du was mitgekriegt?“ Ich: „Nein. Gerade aufgestanden.“

Ich renne aus der Wohnung, will unbedingt die nächste Straßenbahn erwischen. Ich nutze die paar Minuten an der Haltestelle, um die Neuigkeiten sacken zu lassen. Mir fällt meine Freundin Dona ein, sie sollte heute Mittag nach Bologna fliegen, Mittag heißt 12 Uhr, Flughafen heißt zwei Stunden früher da sein, heißt wiederum 10 Uhr. Ok, eher unwahrscheinlich, trotzdem möglich. Ich tippe eine schnelle Nachricht in mein Handy.

Es kommt näher, wird realer, ist trotzdem unmöglich, gibts nicht. Die sofortige Antwort beruhigt mich fürs Erste. Sie ist zu Hause. Ein Bus kommt und ich steige ein. Er biegt links ab und ich merke, dass ich nicht in der Straßenbahn sitze. Schnell noch aussteigen und zurücklaufen? Allerdings könnte ich auch sitzen bleiben und ab Porte de Hal die Metro nehmen.

Die Linie 6 hält auch an der Avenue Louise. Dann habe ich allerdings einen weiteren Weg zu Fuß zu meiner Sprachschule. Ich springe auf und quetsche mich gerade noch aus der sich bereits schließenden Bustür. Meine Tram kommt, ich fange an zu laufen, schneller, schneller, endlich die Haltestelle in Sicht, Menschen steigen ein und aus. Zwei davon sehen mich, den grünen Gummistreifen an der Straßenbahntür gedrückt winken sie mir aufmunternd zu. Geschafft!

Ich steige ein, lasse mich keuchend auf den Sitz fallen, sehe den Fahrer, der mir durch den Rückspiegel zunickt. „Merci“, ich muss lächeln. Ich mag Brüssel. Ich fühle mich wohl in Brüssel. Kaum Akku, kaum Zeit, kaum Informationen. Es ist 9 Uhr 20, als ich endlich den Klassenraum betrete. Weiterer Anschlag – Metro – Linie 6 – gerade eben. Die Worte fliegen nur so durch den Raum.

Jetzt ist er hier. Er war schon lange da, leise, unsichtbar. Der Terror, den wir so lange über Bildschirme mitverfolgt, gefürchtet, teilweise sogar lüstern von unseren Sofas aus beobachtet haben. Eine Geschichte, ein Film. Nein, hier nicht mehr. Sirenen. Nur noch Sirenen.

Ich denke an ein Video, das ich vor knapp einem Jahr gesehen habe. Just because it isn’t happening here doesn’t mean it isn’t happening steht am Ende geschrieben.

#solidarité avec les victimes et leurs proches en Belgique
#Solidarität mit allen in jeglicher Form von Terror und Krieg Betroffenen und Flüchtenden

Julia Staud

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.