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Ihr Pisser!

Es passiert mir immer wieder samstags. Samstags in Innsbruck. Klar, am Samstag habe ich mehr Zeit als sonst, einfach so durch die Gegend zu schlendern. Sonst würde es mir sicher öfters passieren. Aber samstags passiert es mit bemerkenswert ärgerlicher Regelmäßigkeit. Irgendwo und irgendwann  nämlich, sei es am helllichten Vormittag in einem Park oder am nicht weniger lichten Nachmittag mitten auf offener Straße in der Innenstadt, steht sicher ein Typ rum und pinkelt auf die Straße oder gegen eine Wand. Und jedes Mal, so regelmäßig es auch passiert, fühle ich mich bei diesem Anblick ekelhaft berührt und gleichzeitig im wahrsten Sinne des Wortes angepisst.

Ich meine, wie komme ich eigentlich dazu, euch Typen andauernd beim öffentlichen Pinkeln zuzusehen? Haben euch eure Eltern nie beigebracht, rechtzeitig aufs Töpfchen zu gehen? Glaubt ihr echt, eure Pimmel sind so attraktiv, dass die ganze Welt, inklusive eventuell zufällig vorbeilaufender Kinder, euch dabei zusehen will, wie ihr sie aus- und dann schön langsam wieder einpackt und euch danach noch minutenlang dran kratzt? Habt ihr die Milliarden von Evolutionsschritten verpennt, die es euch erlauben, mit Frauen zu tindern anstatt eure Duftnoten an jede Ecke zu markieren?

Apropos markieren, es wird ja nicht nur rumgepisst. Es wird ja auch dauernd auf die Straße gespuckt und hey, warum nicht einfach mal eine Nasenladung ins Beet gegenüber von dem Cafe in direkter Sichtweite der Gäste auf der vollbesetzten Terrasse rotzen? Macht ihr das mit Absicht so, dass möglichst viele dabei zusehen müssen? Ist das irgendein Fetisch oder so? Oder ist euch am Ende eh schon alles wurscht? Merkt ihr überhaupt noch was dabei?

Als Frau kann ich mir dazu wirklich nur eine einzige ernstgemeinte Frage stellen: Wie zum Teufel schaffe ich es seit 30 Jahren erfolgreich, meine Körperflüssigkeiten auf offener Straße bei mir zu behalten? Bin ich ein Wunderkind? Nein warte, alle anderen Frauen, die ich kenne, schaffen das ja auch, und zwar teilweise schon viel länger als ich. Dann ist es vielleicht doch alles nur eine simple Frage der Einteilung?

„Moment“, werdet ihr jetzt einwerfen. „Sind Frauen etwa nie grauslig? Niemals?“ Nun, ich kann euch versichern: Doch, manche von ihnen sogar sehr. Der Punkt ist aber, dass Frauen ihre Grausligkeiten für sich behalten, oder sollte ich sagen bei sich behalten?

Es gäbe nämlich die Möglichkeit, liebe Männer, einen allenfalls ekelhaften Geschmack im Mund als Chance zu sehen. Als Chance zur Bewusstseinserweiterung. Bewusstseinserweiterung durch die Erfahrung, auch mal etwas Übelschmeckendes runterzuschlucken. Na, auf den Geschmack gekommen? Oder nehmt es doch auch mal als sportliche Disziplin wahr, starkes Geschlecht das ihr zu sein meint, zu schauen, ob ihr lang genug bis zum nächsten Klo kneifen könnt. Im äußersten Notfall empfiehlt sich ein spontanes Cardio-HIIT-Ausdauertraining, indem man mal einen Zahn zulegt. Aus eigener Erfahrung denke ich durchaus, dass das schaffbar wäre.

Aber was weiß ich schon. Warum sollte Mann sich sowas antun, wenn Mann doch seine Grausligkeiten vor aller Welt mit selbiger teilen kann. Vor allem weil – wie Mann dann zu betonen oft nicht müde wird – das ja eh normal ist. Rein biologisch und so. Großartig! Dann reden wir doch auch mal über Menstruationsblutung. Aso, sorry. Vergessen. Mein Fehler. Allein die rein verbale Erwähnung des Wortes ruft ja meist schon heftige Reaktionen a la „Wäääh“, oder „Geh bitte, über sowas redet man nicht“ hervor, unterstrichen durch die maximal angewiderte Mimik sämtlicher männlichen Anwesenden. Komisch eigentlich, denn für mich ist das – naja, wie soll ich sagen – ganz normal. Rein biologisch und so.

Aber während ich gewohnt bin, es zurückzuhalten, muss ich mich scheinbar an den regelmäßigen Anblick von pinkelnden, spuckenden, rotzenden und kratzenden Typen mitten in meinem sonst so schönen Innsbruck gewöhnen. Wer sich jetzt dauernd beschwert, dass in Innsbruck mal „aufgeräumt“ werden muss und die Stadt immer abgefuckter wird, sollte sich mal zuerst an der eigenen Nase nehmen (wenn möglich ohne Flüssigkeitsabsonderung bitte). Das musste jetzt überaus dringend mal raus, ich meine, gesagt werden. In aller Öffentlichkeit. Aso, und eins noch: Menstruationsblutung. Ätsch.

Birgit Hohlbrugger

3 Comments

  1. Kommentar zum Posting „Ihr Pisser!“

    Couragiertes Thema, Birgit! – Nur zu einem Aspekt daran:
    Der renommierte Innsbrucker Schriftsteller Helmuth Schönauer bezeichnet in seinem Werk „Schluiferers Erben“ seine eigene Heimatstadt als „Hin´spuck“.
    Manches Phänomen hierzustadte ist zwar wohl eher ein „Hirnspuk“,aber auf der Ebene der äußeren Realität in dieser auch meiner von vielen oft geradezu klischeehaft-stereotyp als so schön apostrophierten Heimatstadt wird auch meinem Eindruck nach viel auf den Boden gespuckt. Das verläuft immerhin friedlich, aber auch ich empfinde Spucken als grausig und unästhetisch. Für einige (bei weitem nicht nur zugewanderte)Jugendliche ist Spucken wohl ein Mittelding zwischen einer neuen Mode, Verlegenheitshandlung aus Einfallslosigkeit, Hobby oder gar Sport. Aber auch einige (wenige) Hochkulturmusiker, Literaturmanager und Ethik weit über Ästhetik setzende = erfolgreiche Mitarbeiter von Medien befleißigen sich dieses „Brauches“ und klacheln erst recht in unmittelbarer Gegenwart anderer gerade aus Gesundheitsbewusstsein auf den Asphalt. (Durch Verwendung des Plurals wollte ich nicht einzelne Leute denunzieren.)
    Die weltweite Verbreitung des Spuckens auch bei uns ist nur ein Symptom von vielen für Innsbruck als Provinzhauptstadt.

    • Lieber Michael! Danke für deine Analyse! Aus meiner Erfahgrung in der Arbeit mit bei weitem nicht nur zugewanderten Jugendlichen weiß ich, dass hierbei oft der Habitus der großen Fußballhelden nachgeahmt wird – wenn Mesut Özil das auf dem Platz in aller Öffentlichkeit darf, wird es eben von seinen kleinen großen Fans nachgeahmt….

      • Liebe Birgit, vielen Dank auch für deine Rückmeldung und Erklärung! Das Fußball-Feld habe ich dabei ja völlig übersehen. Volkskundlich ergiebige Sportmentalitäten lassen das Phänomen dann ja sanfter empfinden.
        (Helmuth Schönauer meint übrigens mit „Hin´spuck“ wahrscheinlich, dass die Geschichte Innsbruck einfach einmal so auf die Landkarte gespuckt hat.)

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