„Ich verbinde Wissen mit Macht“

Jeder Gegenstand, der lebt, spielt in gewisser Weise eine Rolle in unserem Leben. Seine Bedeutung ergibt sich oft aus dem Zusammenhang, aus seinem Gebrauch oder seiner Form. Oder dem Zweck, für den er gemacht wurde.

Brücken sind eine faszinierende Erfindung. Man könnte sagen, sie sind die Retter der Welt. Wo wären wir Menschen heute ohne Brücke? Es wäre schwierig, ja beinahe unmöglich, bestimmte Hindernisse wie Ozeane oder Flüsse zu überwinden. Wir wären gezwungen, auf einer Seite zu bleiben, einseitig, jedenfalls unvollständig.

Brücken schaffen Verbindungen, und zwar auf Dauer. Und das schönste ist: diese Verbindungen werden auf einem festen Fundament gebaut. Müssen sie, da die Brücke sonst einzustürzen droht, was ja gelegentlich auch passiert. Selten, aber doch. Wie es im Fall der Reichsbrücke in Wien geschehen ist. Im August 1976 war das.

Innsbrucks Brücken scheinen sicher und vor Einstürzen gefeit. Zum Glück. Sie wirken allesamt massiv und fest. Was aber wissen wir über Innsbrucks Brücken, habe ich mich in diesen Tagen gefragt. Wenn wir ehrlich sind: Wenig, was irgendwie schade ist.

Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mich dieser faszinierenden Bauwerke anzunehmen und sie einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Sind diese doch gewissermaßen Pfeiler unseres Zusammenhalts, unseres Zusammenlebens, und werden insofern gerne und konsequenterweise als Bild dafür verwendet oder politisch beschworen. Es sprechen also einige Gründe dafür, hinter die Fassade und unter das Tragwerk zu blicken und sie nicht nur aus pragmatischen Gründen zu überqueren, die Brücke.

Den Beginn mache ich mit der Universitätsbrücke, dieser alten Dame, die ein bisschen westlich außerhalb Innsbrucks Zentrum liegt und, wie der Name schon sagt, ihren Namen von der nahe gelegenen Universität erhalten hat. Aber fragen wir sie selbst, ich habe ein kleines Gespräch mit der Universitätsbrücke geführt, und sie nach ihrem Wesen, ihrer Art zu leben und ihren Vorlieben befragt.

Johann Alexander (JA) im Gespräch mit der Universitätsbrücke (UB). Aufgezeichnet am 18. Jänner 2017.

JA Grüß Gott Herr Universitätsbrücke. Oder heißt es Frau Universitätsbrücke?
UB Frau Universitätsbrücke. Ich bin weiblich, das sieht man doch. Oder etwa nicht?
JA Stimmt, jetzt wo Sie es sagen. Diese Bögen haben etwas sehr Weibliches. Aber lassen wir das. Zunächst einmal eine Frage der Höflichkeit und der Anrede. Darf ich Du sagen?
UB Von mir aus, wenn es sein muss.

JA Danke. Meine erste Frage. Wie lebt es sich als Brücke?
UB Hm. Eine gute Frage. Ich versuche, sie wahrheitsgetreu zu beantworten, denn an der Wahrheit liegt mir viel, so wahr mein Name Universitätsbrücke lautet. Zunächst möchte ich festhalten, dass ich es mag und durchaus schätze, von vielen Menschen genutzt und überquert zu werden, zwei unterschiedliche Seiten zu verbinden und dieser Stadt zu dienen. Das ist eine große Aufgabe, und es ist mir eine Ehre.

JA Mit so einer Antwort habe ich gerechnet. Überrasche uns!

UB Ich träume. Manchmal träume ich davon, mich zu erheben, mein starkes Fundament aus dem Fluss empor in die Höhe zu strecken, mich zu recken, aufzustehen und einfach loszumarschieren.

JA Wo soll denn eine Brücke bitteschön hingehen wollen?

UB Dorthin, wo es ruhig ist, wo es still ist, wo keine Menschen sind. Ich denke, ich habe mir einen schönen Urlaub verdient oder eine interessante Reise, um die anderen Wesen meiner Art zu besuchen, und mir anzusehen, wie sie aussehen und gebaut sind. Wie die anderen beschaffen sind, das interessiert mich sehr. Da geht’s mir womöglich wie den Menschen. Und es interessiert mich natürlich auch, ob ich mich mit meinen Artgenossen verstehe und anfreunden könnte, oder vielleicht sogar mehr. Man ist ja schon einsam als Brücke, heutzutage wie früher, obwohl man Kontakt hat zu vielen Menschen, eigentlich immer mehr, wenn ich es genau bedenke. Aber auch Brücken haben grundlegende Bedürfnisse. Ich habe eben das Bedürfnis, Gleichgesinnte zu treffen und kennen zu lernen.

JA Und ich dachte, Brücken genügen sich selbst. Wie alle Dinge.

UB Das ist typisch Mensch. Ihr Menschen glaubt, Brücken hätten kein Wesen, keine Persönlichkeit, oder Ihr wollt uns keine zugestehen, was ich ein wenig seltsam finde, arrogant und überheblich. Brücken sind aber mitfühlende Wesen, die haben sehr wohl einen Charakter. Und Gefühle. Wie jedes Wesen, das lebt.

JA Gefühle?

UB Ja, Gefühle.

JA Das musst Du uns genauer erklären.

UB Nun, ich fühle meinerseits sehr gut, was die Menschen fühlen, was sie empfinden, die über mich drüberlaufen, um von der einen auf die andere Seite zu gelangen. Die meisten beachten mich gar nicht, machen sich keinen Gedanken über die Befindlichkeit von Brücken, und sind sich gar nicht bewusst darüber, wie wichtig ich doch bin und unverzichtbar für ihr Fortkommen.

JA So habe ich das aber auch noch nicht gesehen. Für welches Fortkommen könntest Du denn so wichtig sein? Bist Du nicht bloß, entschuldige meine Ausdrucksweise, ein Haufen Beton und Steine, Stahl und Eisen?

UB Ich verbinde Wissen mit Macht. Wer mich überquert, wer von der einen auf die andere Seite hinüberwechselt, zu Fuß, mit dem Rad, mit der Straßenbahn oder mit dem Bus, sogar diejenigen, die mit dem Auto fahren, gelangt in den Besitz von Wissen und Macht. Jedenfalls nach einer bestimmten Zeit, und sofern er daran glaubt.

JA Geht´s noch? Jetzt übertreibst aber schon ein bisschen, oder? Oder willst Du uns ein X für ein U vormachen?

UB Im Gegenteil. Die Universität ist ein Symbol für das Wissen, für die Weisheit, die man erlangt, wenn man das Wissen hat, es sich aneignet und versucht, die Erkenntnis zu erlangen. Andererseits liegt dem Wissen ein ebenso zentraler Punkt gegenüber, die Zivilisation, die aus Technik und Fortschritt besteht, aus modernen Gebäuden, aus Straßen und Stromleitungen, aus der menschlichen Seele, aus diesem Ding, das man Stadt nennt. Oder von mir aus auch Dorf. Auf der anderen Seite des Wissens liegt Hötting, das Dorf und die Stadt.

JA Jetzt hast Du mich in der Tat verblüfft. So habe ich das jedenfalls noch nie gesehen. Könnte man Dich als philospohische Brücke bezeichnen?

UB Ja. Das trifft es ganz gut, denn genau das bin ich. Ich bin die denkende Brücke, die sich stets Gedanken macht über die Weisheit und das Leben. Wer mich überquert, dem schenke ich diese Gedanken und gebe sie ihm mit auf den Weg, wohin dieser auch führen mag. Nur kriegen das eben die meisten gar nicht mit, so beschäftigt sind sie mit sich oder ihrer Arbeit, ihrem Studium oder sonst etwas.

JA Naja. Deshalb führen wir ja unter anderem dieses Gespräch, um Dir Gelegenheit zu geben, Dich zu erklären.

UB Darf ich noch eine Bitte äußern?

JA Selbstverständlich. Bitte!

UB Was wir weniger gefällt, also nicht so gut, ist die Idee oder eher der Unfug der sogenannten Liebesschlösser. Mag sein, dass das einige Menschen für gut emfinden, für einen guten Gedanken. Ich persönlich fühle mich angekettet, angehängt, versperrt und verschlossen, wenn ich daran denke. Die Liebe sollte man nicht an sich ketten, und schon gar nicht an mich ketten, ich bin schließlich eine Brücke, man sollte sie befreien, sie leben und ausleben. Die Liebe sollte man stets im Herzen tragen, nicht anketten, und schon gar nicht an mein Geländer, das ist eine merkwürdige und mehr als komische Idee.

JA Interessante Ansicht. Ich muss gestehen, die Ansichten einer Brücke sind durchaus interessant. Ich bedanke mich auf alle Fälle für das Gespräch, liebe Universitätsbrücke. Und wünsche Dir weise Gedanken. Und alles Gute!

UB Danke. Das wünsche ich Euch auch.

1 Antwort : “„Ich verbinde Wissen mit Macht“”

  1. Helmut Schiestl sagt:

    Zu erwähnen wäre vielleicht noch der Erbauer der Brücke, Franz Baumann, ein bekannter Innsbrucker Architekt, nach dessen Plänen unter anderem die Stationen der Nordkettenbahn und der ehemalige Innsbrucker Stadtsaal errichtet wurden und der auch in diesem Forum schon öfters Erwähnung gefunden hat. Und dass die Brücke auch unter Denkmalschutz steht. Weitere Infos dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Universit%C3%A4tsbr%C3%BCcke_(Innsbruck)

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