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GRÜNE ZEITEN

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Anfang der 1980er-Jahre verhielten sich Studierende zu Lehrveranstaltungszeugnissen wie Konzerne zum Umweltschutz – man hatte voneinander gehört. GRÜNE ZEITEN: Walter Klier gibt einer Ära Stoff, in der das Streiken noch geholfen hat.

„Ich hab keinen indischen Teppich.“

Sag Guten Tag, zum Substandard. Dieser oder ähnliche Gedanken dürften Martin Rauch durch den Kopf gegangen sein, als er die WG in der Innsbrucker Gilmstraße zum ersten Mal betrat. Ein Befreiungsakt? Gemessen am Verlust provinziell konservativer, weil elterlicher, Bevormundung: Ja. Gemessen am Gewinn überspannter, weil politisch nur vordergründig korrekter, Genoss_innen: Jein. „Sie interessierten sich, von den heimischen Fichten und Kastanienbäumen einmal abgesehen, am meisten für das eigene Seelenleben, am zweitmeisten für die Dritte Welt, aber niemals für den Ostblock. Daran ist er am Ende wohl auch zugrundegangen.“ Martin Rauchs Interesse? Frauen.

„Die Sache braucht dich!“

Doch: Was tun, wenn man sich die schöne neue Welt als Jazzliebhaber, Alpinist und potentieller Student nicht mal mehr auf die passiv Resistente am Arsch vorbeigehen lassen kann? Wofür eintreten? Wen kritisieren? Und wogegen in Wahrheit wettern? Den sauren Regen? Die Atomkraft, das Patriarchat oder doch den an Peinlichkeit oft nur schwer zu übertreffenden Grün-Aktionismus? „Ich werde bei keinem dieser lächerlichen Aufmärsche von hundertdreiundzwanzig oder hundertsiebenundzwanzig Leuten mehr mittun. Ich werde keine vernünftigen Argumente mehr finden, keine Plakate mehr kleben, nicht mit Leuten, die sowieso meiner Meinung sind, abendelang über Details und Strategie streiten, denn es gibt keine Strategie, wenn sie niemanden interessiert.“ Dem Innsbrucker Nachtleben rund ums „Ravenna“ bleibt Martin Rauch praktisch treu. Den Frauen? Theoretisch.

„Können wir trotzdem reden?“

Walter Klier findet nicht nur wahre Worte, sondern auch richtig viele. Er kostet Sprache aus. Die Rache des Archivs? GRÜNE ZEITEN lässt den Verdacht zu, dass der Innsbrucker Autor nicht nur hypothetisch erlebt haben könnte, was er zum Teil recht akademisch beschreibt. Martin Rauch nimmt man jedenfalls ab, dabei gewesen zu sein. Damals, als die Revolution ihre Kinder zwar auch schon gefressen hat, körperliche Anwesenheit aber auf der Straße zählte, anstatt sie in überfüllten Hörsälen gegen ECTS-Punkte aufrechnen lassen zu müssen. Weil früher alles besser war? „Schluss jetzt.“

Walter Klier
GRÜNE ZEITEN
kartoniert, 288 Seiten, Limbus, € 11,90

Isabella Krainer

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